„Wir wurden gebrochen“

Brutalität, Demütigungen, sexuelle Übergriffe, Magersucht: Schüler, Schülerinnen und Lehrerinnen erzählen erstmals über die unerträglichen Zustände an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Eine Falter-Recherche hinter den Kulissen der berühmtesten Kulturinstitution des Landes


FLORIAN KLENK

POLITIK | aus FALTER 15/19 vom 09.04.2019

Quelle: FALTER RADIO Podcast

Man solle mit dem Maestro reden, sagen die Schülerinnen, er wisse Bescheid. Der Maestro, sein Name tut nichts zur Sache, war einst ein großer Tänzer. An der Mailänder Scala jubelte ihm das Publikum zu. Die Leiterin der Ballettakademie Simona Noja engagierte ihn als Ballettlehrer für die jungen Elevinnen und Eleven.

Kurz darauf aber warf sie den Maestro wieder hinaus, er sei kein guter Lehrer, sagte sie. Er bekämpfte die Kündigung, der Betriebsrat sprang ihm bei. Und so fand sich ein neuer Platz für ihn: die Portiersloge in der Goethegasse 1, wo die Ballettakademie residiert. Da sitzt der Maestro nun, eingesperrt und gedemütigt. Als Gefangener seiner selbst. Aber offenbar auch als Wächter.

Es gibt nämlich noch eine andere Erzählung, warum der Tänzer zum Portier degradiert worden ist. Er soll grobe Missstände beobachtet und gemeldet haben. Deshalb sei er in Ungnade gefallen. Eine Schülerin sagt: „Er passt er auf uns Kinder auf“.

In Ungnade gefallen ist auch Sharon Booth. Andres als der Maestro schweigt sie nicht: „Die Behandlung der Kinder durch einige Ballettpädagogen und die Uneinsichtigkeit der Verantwortlichen diesen Missständen gegenüber hat mich zu diesem Schritt veranlasst.“ Booth, eine lebensfroh und engagiert wirkende Tanzlehrerin aus Kanada, wurde an der New Yorker Juilliard School ausgebildet, einer der besten Unis für darstellende Kunst in den USA. Auch sie unterrichtete an der Staatsoper. 2017 hat sie jedoch gekündigt. Die Kinder, so erzählt Booth, seien nämlich Opfer autoritärer, gewalttätiger und gefährlicher Unterrichtsmethoden geworden. Diese Ballettwelt verdiene einen Blick hinter die Kulissen, sie sei „eine der letzten unerforschten Bastionen, in denen Kinder misshandelt werden, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Es werde „ein Mantel des Schweigens über Vorfälle gebreitet beziehungsweise werden sie geleugnet“.

Es gibt zwei weitere Stars, die der Ballettakademie den Rücken kehrten: Gabriele Haslinger, einst Ballerina und Grande Dame des Hauses, die mit dem großen Rudolf Nurejew tanzte. Sie sagt: „Die Eltern glauben, die Kinder in der Akademie in besten Händen zu wissen, aber das stimmt nicht.“ Ja, natürlich gebe es viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Aber einige Vertreter der „russischen Schule“ hätten „sowjetischen Drill und zaristische Pädagogik“ in die Akademie gebracht.

So sieht es auch Jolantha Seyfried. Sie spricht von einer „Sklavenmentalität“, die sich breitgemacht habe: „Die Kinder sind hier nur eine Ware, um die Oper zu bespielen.“ Seyfried ist nicht irgendwer: Sie war Erste Solotänzerin an der Staatsoper. Der langjährige Staatsoperndirektor Ioan Holender hatte sie zur Leiterin der Ballettakademie ernannt. Dann wurde sie jäh abgesetzt. Heute sagt sie: „Eine Generation von Lehrerinnen gibt der anderen die selbst erlittene Grausamkeit mit“, das Patriarchat herrsche hier. Kinder litten an Ernährungsstörungen, Drill, Angst und auch Gewalt. Keine öffentliche Schule könne heute so betrieben werden wie die Ballettakademie.

Dies ist eine Geschichte über die grausame Welt hinter den Kulissen der Staatsoper, eine Geschichte über jene Kinder, die beim Opernball oder zum Neujahrskonzert Bella Figura machen. Eine Geschichte über die Zustände in einer bereits im 18. Jahrhundert gegründeten Institution, die auch heute noch mit einer Million Euro Steuergeld finanziert wird.

Glaubt man Lehrerinnen, Schülerinnen und Eltern, dann ist die Akademie eine Art totale Institution. Seit Wochen geht der Falter schwerwiegenden Vorwürfen nach. Seit Monaten schon beschäftigt sich auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft der Stadt Wien mit der Einrichtung: „Im Grunde hätten wir diesen Laden sofort zusperren müssen“, sagt ein Beamter, „man muss ihn von Grund auf erneuern.“

Der Falter hat nicht nur autorisierte Interviews mit Betroffenen geführt, sondern auch E-Mails und Whatsapp-Chats von Schülerinnen gelesen und Protokolle eingesehen. Schülerinnen klagen darüber, von einer „sadistischen Lehrerin“ aus Russland gedemütigt, getreten, blutig gekratzt, blau gezwickt und an den Haaren gerissen zu werden. Beschwerden hätten zwar zu Ermahnungen geführt, aber den Sadismus nicht beendet. Noch heute ist die Lehrerin auf den Youtubevideos der Staatsoper in Aktion zu sehen, sie sitzt gleich neben Ballettchef Manuel Legris.

Foto: Heribert Corn

Die Schülerinnen beklagen zudem eine völlig unprofessionelle „Kultur des Bodyshaming“, also ein Beschämen und Verspotten ihrer Körper. Dies habe viele Mädchen in Essstörungen und in die Magersucht getrieben. Es gebe, obwohl das Ballett ein Hochleistungssport sei, anders als in anderen Opernhäusern (etwa in London) keine ausreichende Ernährungsberatung, keine psychologische und sportmedizinische Betreuung, ja selbst die notfallmedizinische Behandlung nach Unfällen lasse zu wünschen übrig.

Und zu allem Überdruss treibt sich hier offenbar auch ein mutmaßlicher Sexualstraftäter herum. Ein ehemaliger Schüler schickte dem Falter ein Protokoll, in dem von sexueller Verführung durch seinen Lehrer die Rede ist. In einem sehr differenzierten Schreiben schildert der dem Falter namentlich bekannte junge Mann zunächst die Entdeckung seiner Homosexualität als Teenager und seine Zuneigung zu einem Lehrer. Aber anstatt den Jungen aus professioneller Distanz zu betreuen, habe der über 50 Jahre alte Mann ihm Pornos vorgespielt, ihn geküsst und im Auto vor ihm onaniert, gegen den Willen des Burschen, der damals erst 16 Jahre alt war.

Die Falter-Recherchen, das soll hier auch betont werden, wurden von einem Team rund um Staatsoperndirektor Dominique Meyer unterstützt, sein Sprecher André Comploi setzt auf Transparenz. Meyer sagte vor zwei Wochen zum Falter: „Ich bin sehr betroffen, wenn ich all das höre. Es ist klar, dass sich hier eine Lehrerin sehr schlecht benommen hat. Schwierigkeiten mit der Lehrerin waren bekannt, deshalb sei sie auch immer wieder ermahnt und verwarnt worden.“ Was da durch die Falter-Recherchen zum Vorschein gekommen sei, sei inakzeptabel: „Das wollen wir nicht und das dulden wir nicht.“

Es geht aber hier nicht nur um einzelne Verfehlungen, sondern um die Zustände in einem der berühmtesten Opernhäuser der Welt, einem mit Millionen geförderten Unternehmen, das täglich bis zu 2000 Menschen unterhält und das auch Sponsorengelder bekommt. Kommunikationschef Comploi legte dem Falter daher auf Anfrage alle Vorwürfe offen, die die Kinder- und Jugendanwaltschaft bereits um den Jahreswechsel in vertraulichen Gesprächen dokumentiert hatte: fehlende pädagogische Konzepte, fehlende Ernährungspläne für Kinder und Jugendliche mit Essstörungen, Gewalt und Erniedrigung während des Trainings, mangelnde medizinische Betreuung, Psychostress und ein fehlendes Kinderschutzkonzept. Die Liste der Mängel ist lang und wird „Stück für Stück abgearbeitet“, wie Comploi versichert.

Es ist hoch an der Zeit, denn die Kinder sind hier besonders verletzlich. Viele kommen aus ärmeren Regionen Osteuropas, aber auch aus China und Japan. Die fernab lebenden Eltern haben ihr Geld zusammengekratzt, damit ihre Kinder hier in Wien Elite werden und im Internat in der öffentlichen AHS Boerhaavegasse wohnen können. Sie vertrauen auf die in Rumänien geborene und aufgewachsene Leiterin der Schule, Simona Noja, eine besonders fordernde Lehrerin. Die Körper von Tänzerinnen, so formulierte sie einmal in einem Vortrag, können sich bei eiserner Disziplin in „Stradivaris“ verwandeln, in „Instrumente der Schönheit“. Die fragile Welt der Kinderkörper würde sich dann mit der großen Welt vereinen. Aber man müsse eben eisern trainieren. Jeden Tag, das ganze Leben lang.

Wie das in der Praxis ausgesehen hat, erzählt Anne-Marie. Sie ist eine ehemalige Schülerin, eine besonders talentierte noch dazu, und unterrichtet auch selbst. Sie sitzt im Café Diglas, sie spricht fast eine Stunde von den Jahren in der „Jugendstrafanstalt“, wie sie die Akademie nennt: „Ich wurde psychisch gebrochen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder ins Ballett fand.“

Anne-Marie liebte das Ballett, die Akademie machte ihr in der Unterstufe großen Spaß. Als die Mädchen zu pubertieren begannen, kamen die ersten merkwürdigen Anweisungen. „Eine Lehrerin riet uns, wir sollten eine Woche nur Wasser trinken und Kiwis essen, um schön schlank zu bleiben, das mache lange Muskeln. Wir lachten noch darüber, niemand nahm das ernst.“ Eine Tanzlehrerin wiederum riet, „wir sollten nur faustgroße Mahlzeiten zu uns nehmen“, die Kinder hörten, sie sollen nur „eine Semmel am Tag“ essen. Ein Mädchen sei in der Tanzstunde gar in Ohnmacht gefallen.

Irgendwann wurde das dauernde Thematisieren des Essens offenbar wahnhaft und gefährlich. Der Konkurrenzdruck war enorm. Immer wieder wogen sogenannte Gouvernanten die Mädchen vor den Augen der anderen ab, „obwohl uns die Knochen aus dem Körper standen“, wie Anne-Marie erzählt. Die Mädchen standen unter enormem Wettbewerbsdruck: Denn sogar die Figur wurde mit Noten bewertet. Wer bekommt im Halbjahr eine sogenannte „Gefährdung“, weil der in der Pubertät wachsende Körper nicht mehr entspricht? Die Angst war groß.

Ab der siebten Klasse, erzählt Anne-Marie, hätten Mädchen zu hungern begonnen, trotz des kräfteraubenden Trainings. Man habe das Frühstück ausgelassen oder „damit begonnen, Essen herauszuwürgen“. Manche Mädchen hätten „wie ein Stock“ ausgesehen, manche seien an Bulimie erkrankt.

Der Fall eines Mädchens aus Japan ist dokumentiert. Die junge Frau wog bei einer Körpergröße von etwa 1,70 nur noch 37 Kilo, wie interne E-Mails zeigen. „Sie riecht nach Tod“, erzählten Kinder der Tanzlehrerin Sharon Booth. Der Anblick sei erschreckend gewesen. Wochenlang tauschten sich die Lehrerinnen über das schwer kranke Mädchen aus. Erst nach einigen Wochen wurde von der Oper eine stationäre Behandlung im Spital vorgeschlagen. Die Eltern lehnten ab. Das Mädchen wurde zurück nach Japan geschickt.

Fotos: Heribert Corn

Anne-Marie ist nicht das einzige Mädchen, das solche Zustände schildert. Dem Falter liegen Facebook-Chats zwischen Kindern und ihren Vertrauenspersonen vor, in denen Hohn und Spott über ihre Körper dokumentiert ist. Die Mädchen berichten, dass sie sich nicht mehr in den Spiegel schauen konnten, dass sie vor dem Training von schweren Brechattacken gepeinigt waren.

Ein Mädchen hat sich sogar absichtlich die Füße verletzt, um nicht mehr tanzen zu müssen, wie dem Falter vorliegende Fotos zeigen. Ein Mädchen hatte nach einem Training völlig aufgerissene Füße.

Auch Marina, 19, erzählt dem Falter von „Psychostress“ und den Traumata, die sie mit professioneller Hilfe bewältigen musste. Auch sie liebte das Ballett, „bis zur Oberstufe hatte es mir großen Spaß gemacht“. Doch mit der Pubertät begannen auch bei ihr die ständigen Herabwürdigungen: „Ich war schon sehr dünn, man sah meine Knochen, aber einmal hatte ich 52 Kilo, ich hungerte, doch ich galt noch immer als zu dick. Das verstörte mich, ich war jedes Mal den Tränen nahe. Es gab keine psychologische Hilfe. Ich wartete nur auf die Ferien.“

Lehrerin Gabriele Haslinger erinnert sich an Kinder, die Abführmittel zu sich genommen hätten, um Gewicht zu verlieren. Gouvernanten hätten die Kinder „en bloc“ auf die Waage gestellt statt die Diskretion zu wahren. Haslinger sagt: „Natürlich muss man auf das Gewicht achten. Aber doch nicht so. Und schon gar nicht soll man Mädchen vor den anderen wiegen. Dauernd hörten die Mädchen: ,Du bist zu dick! Du bist zu dick! Du bist zu dick!‘ Da muss man ja zusammenbrechen.“

Haslingers Kollegin Booth informierte ihre Vorgesetzten schon im Jahr 2011 von diesen Missständen: „Aufgrund persönlicher Beobachtung und meines persönlichen Engagements habe ich eine ganze Reihe von Mädchen kennen gelernt, die an Bulimie (zwanghaftem Erbrechen nach dem Essen, Anm.) oder Anorexie (nervlich bedingter Appetitlosigkeit, Anm.) leiden“, schrieb sie an Simona Noja, vermutlich gebe es „noch viele unentdeckte Fälle“. Die Mangelernährung, so erklärte Booth, richte bei den Mädchen gewaltigen Schaden an. Sie würden nicht mehr menstruieren, das Knochenwachstum, Zähne und Haarwuchs seien beeinträchtigt und vor allem der Herzrhythmus werde gestört. Booth legte ein Reformkonzept vor, sie schickte Namen von Experten anderer Opernhäuser, die das Problem längst erkannt hätten. Sie machte sich richtig Sorgen.

Booth weiß ja, wovon sie spricht. Sie, die auf den ersten Blick so kräftig und durchtrainiert wirkt, erkrankte in den 90er-Jahren selbst an Bulimie. Zehn Jahre lang. Sie leide aufgrund der Mangelernährung heute an Osteoporose, Knochenschwund. Bei einem Tanzunfall brach sie sich deshalb die Hüfte, die Ärzte sagten ihr nach einer Röntgenuntersuchung, ihre Knochen seien wie die einer 80-jährigen Frau. Um den Kindern ähnliches Leid zu ersparen, regte sie an, dass die Oper den Kindern und Jugendlichen nicht nur professionelle Ernährungsberatung anbiete, sondern auch psychologische Betreuung.

Die Staatsoper betont, diese Betreuung sei von Simona Noja angeboten worden. Ein Schularzt würde die Kinder untersuchen und habe nichts Auffälliges gefunden. Booth kontert, es habe in Wahrheit „kaum eine Reaktion gegeben“. Die Oper habe zwar zwei freiwillige Ernährungsworkshops an Wochenenden angeboten, doch die seien nur schwach besucht gewesen. „Die kranken Mädchen sind nicht gekommen“, vermerkt ein interner Schriftverkehr mit der Ernährungsberaterin, die den Kurs abhielt.

Nicht nur Essstörungen werden von den Schülerinnen beklagt, sondern auch Sadismus. Anne-Marie erzählt über die Lehrerin Bella R.: „Sie hat mich beim Training mit ihren langen Fingernägeln so gezwickt, dass ich blaue Flecken hatte. Sie hat mir die Strumpfhosen zerrissen und mich so gekratzt, dass ich blutete. Ich habe das alles hinuntergeschluckt. Einmal trat sie gegen meinen Knöchel, als ich auf den Spitzen stand. Ich bin umgeknickt, habe mich verletzt.“ Zwei Monate sei sie ausgefallen.

Anne-Marie erzählt, sie habe die Missstände auch an Simona Noja gemeldet, „doch das brachte nichts. Uns wurde gezeigt, wer das Sagen hat. Wir waren es jedenfalls nicht. Wir wurden psychisch zerbrochen. Wir wurden zertrampelt.“ Einem Mädchen, das sich am Knöchel verletzte, habe Bella R. beschieden, die Verletzung sei eine „Strafe Gottes“, weil sie das Training am Vortag ausgelassen habe.

Marina erzählt: „Wir mussten unaufgewärmt tanzen. Wir hatten Verletzungen, weil unsere Körper überlastet waren. Ich hatte Schienbeinentzündungen, weil ich immer schneller und schneller springen musste. Da denkst du nicht mehr an die Technik. Es hat sich nur mehr sadistisch angefühlt. Sie hatte mich am Haarknödel gerissen. Mit Nägeln gekratzt, sie war handgreiflich, übergriffig. Wir wussten uns nicht zu helfen. Und wenn wir uns bei Simona Noja beschwerten, dann habe R. geschimpft: ‚Ihr faulen Mädchen, könnt nicht arbeiten.‘“

Warum durfte diese mutmaßliche Sadistin R. hier überhaupt noch unterrichten? Jolantha Seyfried, Simona Nojas Vorgängerin, hatte sie höchstpersönlich „hinauskomplimentiert“. Noja aber holte sie zurück: „Ihr Wissen ist sehr umfangreich. Sie war sehr inspirierend. Ihre Choreografien waren sehr gut“, rechtfertigt sie sich heute.

Von „unglaublich verletzenden Worten gegenüber Kindern, die ihr Bestes geben“, weiß auch die Lehrerin Gabriele Haslinger zu berichten. „Es wird nichts aus dir!“, „Du tanzt wie eine Hausfrau!“, „Was für hässliche Füße!“, „Du hast Hasenzähne!“, „Du hast keine Eier!“ – das sind Worte, mit denen Kinder bedacht wurden. „Die meisten zerbrechen daran, denn es wird schreckliche Angst geschürt. Die Kinder legen sich einen Panzer zu, manche verschleppen sogar Verletzungen, aus Angst, negativ beurteilt zu werden“, sagt Haslinger.

Es sind „Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert“, sagt Booth. „Angsterfüllte Kinder“ seien da produziert worden, Kinder, die im Halbjahr gute Noten hatten, sich in Sicherheit wogen und dann auf einmal doch hinausgeschmissen wurden.

Mia (Name geändert, Anm.) war eines dieser Kinder. Ihre Mutter, eine selbstkritische und weltoffen wirkende Frau, sitzt im Café Sperl und erzählt von diesem „Wahnsinn, der meinem Kind angetan worden war“. Mia liebte das Ballett und sie tanzt auch heute noch, im Ausland. Mit neun Jahren habe das Kind zu tanzen begonnen. Die Mutter war schon damals eher misstrauisch. „Sie stand in einem Turnanzug in der Akademie, umzingelt von leistungsorientierten Eltern, die ihre Kinder in rosa Tutus steckten. Aber sie hatte Freude. Sie wollte die rigide Struktur. Also stimmten wir zu.“

Mia war eine gute Tänzerin, aber jeder wusste, dass sie eines Tages von großer Statur sein würde. „Man versicherte mir: Das macht nichts!“, erzählt die Mutter. Doch von einem Tag auf den anderen schmiss man das Kind raus. „Meine Kleine ist zusammengebrochen, sie war wie gelähmt, sie hat die Spitzenschuhe in den Müll geworfen, eine Scheibe eingeschlagen. Ich musste den Notarzt rufen, um ihr Psychopax-Tropfen zu geben. Von einem Tag auf den anderen hat das Kind auch seinen Schulplatz und sein soziales Umfeld verloren.“ Nur durch Interventionen habe das Kind in der Schule bleiben dürfen.

Solche Geschichten erzählen viele Eltern. Zugleich bitten sie, namentlich nicht genannt zu werden, weil sie Repressionen gegen ihre Kinder fürchten.

Sie betonen, dass sie sich nicht darüber beklagen, dass ihre Kinder die Akademie verlassen mussten – das sei in einer Elitenschmiede jederzeit zu akzeptieren. Sie beklagen, wie dies geschah, mit welch groben und herabwürdigenden Worten und mit welchen Konsequenzen.

Jolantha Seyfried sagt heute, wie im Modelbusiness würde hier ein völlig krankes Körperbild propagiert. „Alle müssen dünn sein. Alle Schwäne müssen gleich aussehen. Für Individualität ist in dieser Institution kein Platz.“ Die Kinder würden „als das Produkt der Lehrerinnen“ gelten, als „Material“ für Regisseure, das man wegwirft, wenn es nicht mehr gebraucht wird. Seyfried sagt: „Ich war Augen- und Ohrenzeugin, als man einem Kind wörtlich einen ‚bad character‘ attestiert hat.“ Wer das thematisiert habe, sei als „Nestbeschmutzer“ angesehen worden.

Wie reagiert die Oper auf diese Vorwürfe? Im Zimmer von Direktor Dominique Meyer, einem braun vertäfelten Büro mit Blick auf die Ringstraße, empfangen neben dem Direktor und seinem Sprecher eine Juristin, Simona Noja und der kaufmännische Geschäftsführer der Oper, Thomas Platzer, den Falter. Sie hören manche der Vorwürfe, etwa den des sexuellen Übergriffs, zum ersten Mal, wie sie beteuern. Sie wirken erschrocken, sprachlos.

Simona Noja hört mit ernster Miene zu. Sie erklärt, sie habe gemeinsam mit Ballettchef Manuel Legris auf Kritik stets reagiert, regelmäßig Gespräche mit Schülerinnen geführt, die Lehrerin Bella R. wiederholt abgemahnt und sich persönlich um Kinder mit Essstörungen gekümmert. R. sei nach mehreren Verwarnungen im Jänner 2019 gekündigt und aufgrund der schwerwiegenden Vorwürfe vom Dienst freigestellt worden. Jener Tanzlehrer, der einen 16-jährigen Burschen bei einem Ausflug sexuell bedrängt haben soll, wurde sofort nach Übermittlung des Protokolls von der Ballettakademie- und der Staatsoperndirektion vom Dienst freigestellt, Untersuchungen laufen.

Die Oper will aber auch festgehalten wissen, dass Kinder von Ärzten regelmäßig begutachtet werden, dass Noja und Legris in der Ballettakademie schriftliche Vereinbarungen mit den Lehrern eingeführt haben, wonach auf die Ernährung zu achten und der Respekt einzuhalten ist.

Seit mehreren Monaten gebe es eine Kooperation mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft, alle Vorgaben würden „auf Punkt und Beistrich“ umgesetzt. „Wir sehen den Reformbedarf“, sagt Sprecher Comploi.

Und Noja? Hat sie in ihrem Ehrgeiz, aus Kindern Stradivaris zu machen, die Kleinen in ihrer Not alleine gelassen? Wer Nojas Kolleginnen von einst zuhört, der erfährt von schweren Versäumnissen und Ignoranz. Sharon Booth und Gabriele Haslinger sagen, sie seien ebenso wenig zu ihr durchgedrungen wie die Kinder. Und viele zogen es überhaupt vor zu schweigen. Der Erfolg habe gezählt, nicht der Weg dorthin.

Direktor Dominique Meyer steht zu Noja. Er will sie nicht als Schuldige sehen. „Der Vorwurf, sie hätte sich nicht um die Beschwerden gekümmert, ist nicht haltbar. Das Gegenteil ist der Fall, wie verschiedene Dokumente, Mails und Protokolle zeigen. Auch hat sie sich persönlich für Mädchen mit Essstörungen eingesetzt, sie zu weiterführenden Untersuchungen geschickt und war mit Eltern in Kontakt. Sie hat verschiedene Initiativen zu Gesundheitsthemen ergriffen, etwa das Fach ‚Body Awareness‘ oder Workshops zu Ernährung und Stressbewältigung, Aufwärmen ohne Belastung des Körpergewichts eingeführt.“ Sie habe die Ballettakademie zudem zu großem internationalem Ansehen und Erfolg geführt.

Doch die Not der Schülerinnen ist ein Faktum. Die Oper will nun eine Ombudsstelle einrichten und Pädagogen in Sachen Sportmedizin, Ernährung und Gesundheitspädagogik fortbilden. Auch ein Fach „Body Awareness“ soll es ab Herbst verpflichtend geben.

Und die gefeuerte Lehrerin Bella R.? Was sagt sie? „Ich liebe meine Arbeit und habe immer danach getrachtet, das Beste aus meinen Schülerinnen herauszuholen.“ Berührungen würden zu ihrem Beruf gehören. Nie habe sie absichtlich verletzen wollen. „Es tut mir leid, wenn die Mädchen gelitten haben.“ Der mutmaßlich sexuell übergriffige Lehrer bestreitet die angelastete Tat. Die Staatsoper wird bei der Staatsanwaltschaft eine Sachverhaltsdarstellung einbringen.


www.falter.at/radio

Der Podcast mit Raimund Löw
Mittwoch, 10.4.2019:
Eine misshandelte Ballettschülerin, die Lehrerin Sharon Booth und Ex-Ballettakademiechefin Jolantha Seyfried packen über die Zustände an der Ballettakademie aus

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FALTER 17/19
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