Zeig der Welt die Zunge

Verängstigtes Kind, Don Juan, Theoretiker der Macht und Unsterblichkeitsfanatiker: Vor hundert Jahren wurde der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti geboren. Ein Rückblick.

ERICH KLEIN
FEUILLETON, FALTER 28/05 vom 12.07.2005

Seine früheste Erinnerung war in Rot getaucht: Der am 25. Juli 1905 im bulgarischen Rutschuk, am Unterlauf der Donau, in eine sephardisch-jüdische Familie geborene Elias Canetti ist gerade zwei Jahre alt. Die Kaufmannsfamilie verbringt ihren Urlaub gutbürgerlich in Karlsbad, standesgemäß wird das Kind von einem Dienstmädchen betreut, dessen Verehrer mit einem Taschenmesser in der Hand scherzte: „Zeig die Zunge, ich schneide sie ab.“

Der nicht näher erklärte Triumph des Kindes über die überstandene Drohung gab dem ersten Band der ab den Siebzigerjahren entstehenden dreibändigen Autobiografie den Titel: „Die gerettete Zunge“. Zudem versammelt das Bild zentrale Motive aus Canettis Gesamtwerk. In einer bewusst konventionellen, fast klassizistischen Sprache werden Sinnlichkeit, Angst, Bürgerwelt und archaischer Exotismus ineinander verschränkt und zu einer kecken Geste überhöht, deren Anspruch nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Canetti zeigt der Welt retrospektiv die Zunge, die naheliegende freudianische Interpretation wird gleichermaßen provoziert wie zurückgewiesen und stattdessen eine Ikone des 20. Jahrhunderts evoziert: Albert Einstein. Ein Porträt des Schriftstellers als verängstigtes Kind, das nicht bloß ein Grundgesetz der Physik formuliert, sondern darüber hinaus das Jahrhundert der Barbarei auf die knappe Formel „Masse und Macht“ bringen wird. Das Organ dafür ist die Zunge, eigentliches Werkzeug des Schriftstellers, der in zahllosen Genres sein zehn Bände umfassendes Werk erschafft.

An dessen Anfang steht die sarkastische Parodie des Gesetzes des Vaters: „Gott ist ein unsterblicher Idiot und weiter nichts. / Gott ist eine Ausrede. / Gott ist gut, pfui Teufel, wie kann man gut sein! / (…) Gott ist am Platzen. / Gott ist zäh und unverdaulich. / Sonst hätten wir ihn längst aufgefressen. / Gott gnade / Seiner Bundeslade! / Den Juden wird heuer / Gott zu teuer! / Sie denken aus vielen Gründen / Gott zum 1. zu künden!“ Das aus den frühen Dreißigerjahren stammende Scherzgedicht des jungen Canetti – die Familie war von Manchester, wo der Vater 1910 starb, nach Wien, weiter nach Zürich, Frankfurt und abermals nach Wien übersiedelt – steht noch deutlich unter dem Einfluss von Karl Kraus. Für den Chemiestudenten die nachdrücklichste Schule des Widerstandes gegen traditionelle Bindungen und die adäquateste Form des therapeutischen Nihilismus, wie er in den Wiener Kaffeehäusern dieser Zeit seine Anhänger und Propheten fand.

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