„Alles ist so fucking great“

Nychos, Österreichs bekanntester Urban Artist, stellte gerade in L. A. aus. Nach jahrelanger Jagd nach der besten Wand und kreativen Exzessen ist Meditation nun sein Rock ’n’ Roll

Birgit Wittstock
03.10.2022

Nach 25 Jahren Lack spritzen ist Nychos immun gegen dessen Wirkung. Kaffee hingegen knallt (Foto: Jamie Rosenberg)

Neun Uhr morgens in Los Angeles. Nychos nimmt den Videocall entgegen. Die Sonne scheint, die Laune ist gut. Der gebürtige Steirer pendelt seit Jahren zwischen seiner „Rabbit Eye Movement“-Galerie in Gumpendorf und seiner Wahlheimat L. A. Kürzlich hatte er hier mit „The Awakening“ eine große Solo-Ausstellung.

Doch der Grund für seine Plauderlaune steckt im Häferl, das er in Händen hält. Nach drei Jahren Pause trinke er nun wieder Kaffee! Eine Tasse knalle ganz schön rein. 2016 hatte eine Krankheit den damals 33-Jährigen gezwungen, nach Jahren der Selbstausbeutung und des Exzesses auf die Bremse zu steigen. „Nychos“ leitet sich vom Dinosaurier Deinonychus ab, was auf Lateinisch „schreckliche Klaue“ bedeutet. Wie lebt die Klaue ohne Exzess in der Exzess-Metropole L. A.?

Dieser Artikel ist in der Print-Ausgabe von FALTERs BEST OF VIENNA 1/22 zum Thema „Exzess“ erschienen, erhältlich auf www.faltershop.at. Foto: Maša Stanić

In deinem Werk „Dissection of Lemmy“ hast du den Erfinder des Exzesses, Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister, zerlegt. Muss Kunst exzessiv sein?

NYCHOS: Kunst muss gar nichts. Sie muss einfach nur sein. Das Bild ist tatsächlich eines meiner Favoriten der damaligen New Yorker Ausstellung. Lemmy schaut ja selbst auf der Leinwand so aus, als hätte er gut zelebriert. In letzter Zeit war ich übrigens öfter im Rainbow, seiner Stammkneipe in Hollywood.

Gibt es dort noch Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, oder ist das heute eine Instagramkulisse?

NYCHOS: Inzwischen wird dort hauptsächlich über die Vergangenheit gesprochen: Die guten alten Zeiten, als Slash dort drüben unter dem Tisch lag. Hin und wieder trifft man dort noch ein paar alte Rocker. Die ganze Hütte sieht aus wie gefangen zwischen Guns N’ Roses und Mötley Crüe. Das sind halt die, die auch heute noch manchmal im Rainbow abstürzen. Hin und wieder ist das ganz witzig.

„Dissection of Lemmy“ von 2016, Acryl auf Leinwand. Foto: Nychos

Du wohnst Halbzeit in L. A.: Welche Stadt ist die exzessivere, L. A. oder Wien?

NYCHOS: Die österreichische Perception ist, dass in Los Angeles alle nackert herumlaufen und aufgeblasen sind. Tatsächlich gibt es hier nichts, was es nicht gibt. Doch je näher man Richtung San Diego fährt, umso konservativer wird es. Kunst und Freiheit werden dort bereits im Keim erstickt. Was mich oft an Situationen in Wien erinnert: Da für meine Arbeiten Wände zu finden, ist auch nicht einfach. Aber wenigstens bewegt sich in Wien in dieser Sache etwas. Was das Feiern betrifft: Das können sie alle gut, und die Drogen sind auch die gleichen. Die Amerikaner sind aber im Vergleich zu uns extremere Menschen. Sie sind so over the top. Der Österreicher und speziell der Wiener sieht alles, kennt alles, redet aber mit keinem. In L. A. sind die Leute genau umgekehrt. Wenn ich eine Wand male, schreit mir jeder Vorbeikommende entgegen, wie super er findet, was ich mache, ohne dass er überhaupt hinschaut. Es reicht, dass du Farbe an die Wand schmierst. Alles ist fucking great. Das passiert einem in Wien nicht. Eine Balance zwischen beiden wäre gut.

Dem Underground wird ein besonderer Hang zum Exzess nachgesagt: Muss man sich für Street-Art-Credibility die Kante geben?

NYCHOS: Alkohol, Drogen und sonstiges Selbstzerstörerisches, das man mit Exzess verbindet – das bin ich schon lange nicht mehr. Heute bin ich maximal ein exzessiver Meditierer. Die Wurzel von diesem exzessiven Graffiti-Mindset wird es aber immer geben. Genau das zieht ja auch so unterschiedliche Leute an, auch solche, die mit Kunst sonst gar nichts zu tun haben. Ich habe mich zwar in eine andere Richtung entwickelt, aber hin und wieder rausgehen und ein Graffito spritzen ist durchaus noch drinnen. Das bringt Energie und Motivation.

Das Mural „Translucent Serpent“ malte Nychos 2016 am Mural Habor in Linz. Foto: Christian Boehm

Fährt der Lack eigentlich?

NYCHOS: Äh … nein. Vielleicht bin ich nach 25 Jahren spritzen aber auch schon immun dagegen.

Jahrelang nur sprayen, malen und feiern – brennt man da nicht aus?

NYCHOS: 2016 bin ich krank geworden, weil ich es so extrem betrieben habe: Im Wochenabstand von New York nach Rhode Island, nach Berlin und Wien geflogen, große Wände gemalt und mich währenddessen angesoffen. Das war viel zu hardcore. Deswegen habe ich dann irgendwann stopp gesagt: Hinsetzen, Ruhe geben, Silence. Seither meditiere ich regelmäßig und viel. Man glaubt immer, man müsse alles machen, was daherkommt. Geht aber nicht. Dann versäumt man halt etwas – wenn es das überhaupt gibt. FOMO (Fear Of Missing Out, Anm.) ist ja auch nur eine Kopfgeschichte. Dieser exzessive Lifestyle geht, bis man dreißig wird und der Hangover plötzlich vier Tage statt vier Stunden dauert. Dann lernt man auszusortieren, was einem wirklich etwas bedeutet. Wenn wir glauben, etwas zu müssen, viben wir Richtung Tod – denn sterben ist das Einzige, was wir tatsächlich müssen. Je mehr ich meditiert habe, desto mehr ist auch das Bedürfnis nach Exzess geschwunden.

Im Juni 2021 ersetzte Nychos sein berühmtes Mural „Dissection of a Polar Bear“ in der Quellenstraße durch „Love Life and Death“. Foto: RabbitEyeMovement


Sprühmeister

Nychos, der seinen Namen vom Dinosaurier Deinonychus (lat. „schreckliche Klaue“) bezogen hat, ist der wohl bekannteste. Street-Art-Künstler des Landes. Seit den 39-Jährigen vor einigen Jahren eine Krankheit ausgeknockt hat, sind Meditation und Spiritualität sein Exzess. Obwohl: Ein besessener Hackler ist er auch weiterhin geblieben.

nychos.com
rabbiteyemovement.at

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