48 Stunden in Calgary

Bekannt für ihre Skyline, die Olympischen Winterspiele und ihre Cowboykultur, hat die Stadt im Westen Kanadas viel mehr zu bieten, als man denkt

STADTPORTRÄT | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 3/15

Foto: Karin Wasner

Roter Staub, Wiehern, Hufedonnern. Ich blinzle gegen die untergehende Sonne und kann es nicht glauben: drei Cowgirls auf ihren Pferden, Stetson auf den blonden Köpfen, Karohemden in engen Jeans, Gürtelschnallen groß wie Steaks und ein kläffender Border Collie treiben etwa vierzig Pferde über die trockene Prärie. Am Horizont schimmern noch die steilen Hänge der Rocky Mountains, blickt man in die andere Richtung, schimmert eine Reihe Wolkenkratzer im Abendlicht. Nur wenige Minuten von der High-Noon-Szenerie entfernt pulsiert die Stadt Calgary, von der man im Internet nur Fotos ihrer Skyline findet und über die kaum jemand mehr weiß, als dass hier irgendwann Olympische Winterspiele ausgetragen wurden.

Calgary ist die größte Stadt der Provinz Alberta im kanadischen Westen und Nordamerikas Boomtown. Zwischen den Siedlern, die ihre Planwagen im Rennen um das beste Stück Land vorwärtspeitschten, und den Anzugträgern, die zwischen Hochhäusern laktosefreien Chai Latte im Gehen schlürfen, liegen nur 125 Jahre. Aus „Cowtown“, das von der Rinderzucht lebte, wurde die Metropole der kanadischen Öl- und Gasindustrie. Mehr Ölvorräte haben nur Saudi-Arabien und Venezuela.

Die Village People wussten es schon und die Pet Shop Boys waren wohl ihrer Meinung: „Go West“, um dein Glück zu finden, und diesem Gedanken folgten hier viele. Auch Phèdre Bergeron, eines der Cowgirls. Ursprünglich aus Quebec, arbeitet sie seit vier Jahren auf der Rafter Six Ranch, einer Pferdefarm, deren Ursprung auf ein ehemaliges Fort der ersten Mounties in der Gegend zurückgeht. „Hier ist alles unkomplizierter als zuhause, wilder, freier. Der wilde Westen eben – da ist schon etwas dran!“ Das Lachen und die blauen Augen der jungen Frau strahlen mit ihrer Gürtelschnalle um die Wette, während sie staubige Pferdedecken und Sättel schleppt. „Ich habe das Abenteuer gesucht und gefunden!“ Wochenends nimmt sie an Rodeowettkämpfen teil, ihr Spezialgebiet ist das Barrel Race, bei dem ein Parcours um drei Fässer bewältigt werden muss. „Sehr technisch“, wie sie schnell das reine Frauenrennen verteidigt. Barrel Race, Saddle Bronc, Steer Wrestling, das alles sind Disziplinen, in denen sich Cowboys und -girls beim Rodeo messen. Und mit besonderer Hingabe beim berühmtesten, der Calgary Stampede. An diesen zehn Tagen im Juli ist Calgary im Ausnahmezustand, ohne Cowboyhut traut sich kaum jemand aus dem Haus. Das Rodeofestival gilt als „The Greatest Outdoor Show On Earth“: 1,2 Millionen Zuschauer aus der ganzen Welt, 2 Millionen Dollar an Preisgeldern, über tausend Pferde und weit über dreitausend Freiwillige, die ihren Urlaub dafür aufwenden, ehrenamtlich mitzuarbeiten.

Byron Hussey ist seit zwanzig Jahren dabei, begonnen hat er als einer dieser Freiwilligen. Den Großteil seines Gesichts versteckt der schlanke Mann hinter einem üppigen Schnauzer, den Rest unter einem Hut. Und „Hut“ steht in Alberta für „Cowboyhut“, keine Notwendigkeit, das extra zu erwähnen, erklärt mir Byron mit einem milden Lächeln. Er muss es wissen, denn er ist Vizepräsident von Smithbilt Hats, der Adresse für den einzig wahren Cowboyhut, und schon lange Jahre im Stampede-Komitee. „Das Western-Erbe bedeutet mir etwas. Das ist unsere Geschichte, unsere Kultur, nicht nur Rummel für die Touristen“, meint er, der mit Öl und Gas wohlhabend geworden ist, bevor er vor zehn Jahren mit vier weiteren Unternehmern den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Traditionsbetrieb vor dem Verschwinden bewahrt hat. „Alles Handarbeit! 30.000 Hüte im Jahr!“ Begeistert zeigt mir Gerald, ein jahrelanger Mitarbeiter bei Smithbilt Hats, wie der berühmte „White Hat“, der in Calgary Ehrengästen zeremoniell überreicht wird, entsteht. Der Dalai Lama hat einen. Und Ozzy Osbourne auch. Möglicherweise ihre einzige Gemeinsamkeit.

Meist keine Zeit, das Rodeo-Spektakel zu besuchen, hat Ben Gerwing. „Während der Stampede ist bei uns Hochbetrieb, da komme ich kaum vor die Tür“, lacht der sympathische Enkel des Gründers der Alberta Boot Company. Ein kleiner Familienbetrieb, der in Handarbeit gefertigte Cowboystiefel und seit 1999 Kanadas berühmteste Stiefel produziert: den RCMP Boot der kanadischen Mounties. „Natürlich bin ich da stolz drauf. Keiner macht bequemere und robustere Stiefel“, sagt Ben, während er an einer Maschine sitzt, die an die 90 Jahre alt ist und aussieht, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Im Sommer 2011, als sein damals 91-jähriger Großvater noch lebte, durften sie Westernboots für die Royals Kate und William anfertigen. „Etwas Exotisches, aus Strauß und Känguru, haben wir uns einfallen lassen, traditionell und trotzdem stylisch“, erinnert Ben sich mit Stolz.

Tradition und Moderne sind allgegenwärtig in der Stadt. In Downtown stehen himmelhohe Glas-Stahl-Riesen und – neben ihren Nachbarn wie kleine Hütten wirkende – historische Bauten aus den Zwanzigern Tür an Tür. Das Steakhouse teilt sich den Gastgarten mit der Rohkostbar, der Cowboy sitzt neben dem Broker im Bus. Calgary ist voller Widersprüche und ergibt doch ein funktionierendes Ganzes, ein fröhliches, neugieriges Miteinander. 120 Sprachen werden hier gesprochen, selten ist jemand, den man kennenlernt, hier aufgewachsen.

Kanada ist ein Einwanderungsland, und Calgary, als Sitz vieler Technologie- und Energieunternehmen, besonders attraktiv. Außerdem hebt Alberta dank seines Ölreichtums keine Umsatzsteuern ein. Integrationsprobleme kennt man hier nicht – die durch ein Punktesystem ausgewählten Fachkräfte aus der ganzen Welt sieht man nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung.

„Jeder hier kommt irgendwoher, das macht die Stadt so interessant“, schwärmt Michal Lavi, eine junge Israelin, die sich vor Kurzem gemeinsam mit ihrem Freund Ariv Fried den Traum vom eigenen Business erfüllt hat. Um Brot wie in ihrer Heimat zu backen, haben beide gut bezahlte Jobs im Technologiesektor an den Nagel gehängt und die Sidewalk Citizen Bakery in einer aufgelassenen Matratzenfabrik eröffnet. Das ehemalige Industrieviertel am beliebten Bow River fängt gerade erst an, von jungen, engagierten Künstlern und Unternehmern entdeckt zu werden. Aufgewertet wurde die Gegend auch durch die Revitalisierung der St. Patrick’s Island, eines zwölf Hektar großen Naturgebiets mitten im Fluss, wo sich jetzt joggende Jungmütter mit iPod und Kinderwagen und Longboarder mit Hunden groß wie Kälber auf Wegkreuzungen zunicken.

Die Stadt ist grüner, als man denkt, wenn man nur Bilder ihrer Skyline kennt. 700 km Radwege führen durch die Stadt, oft unter Bäumen am naturbelassenen Ufer des Bow River entlang. Das ergibt Nordamerikas längstes zusammenhängendes Radnetz. Beim Thema Fahrrad schmunzelt Michal: „Begonnen hat bei uns alles mit einem Fahrrad und Sauerteigbrot“, erzählt sie von den Anfängen, als Ariv neben seinem „Brotberuf“ Brot per Rad auslieferte „Hier ist viel möglich und für die unterschiedlichsten Dinge Platz.“

Diese Möglichkeiten haben auch Karen Anderson, eine quirlige, stets fröhlich scheinende Frau, vor dreißig Jahren hierher gelockt. „Ich war eigentlich Krankenschwester und habe Unternehmern von meiner Businessidee erzählt. Ich wollte Menschen kulinarisch spannende Orte zeigen. Das war hier etwas völlig Neues und die sagten nur: ,Cool, let’s try.‘“ Jetzt organisiert sie Foodtouren durch interessante Stadtteile, sucht und findet das Besondere und teilt es mit Begeisterung. „Mir liegt etwas an den lokalen Produzenten und den kleinen Geschäften und Restaurants. Die Leidenschaft und Liebe, die sie in ihre Produkte stecken, die schmeckt man einfach.“ In Calgary kocht eine lebendige und vielfältige Gourmetszene, das amerikanische Starbucks-neben-Fast-Food-Ketten-Straßenbild sehe ich hier nicht. Es gibt mehr unabhängige Restaurants als in anderen kanadischen Städten und die multikulturelle Bevölkerung ist offen für Neues.

So konnte sich in den letzten Jahren in Calgary eine Mikrobrauerei-Szene etablieren, die kreative Craft-Biere braut und damit Kunst und Kultur unterstützt. Jim Button, Mitbegründer der Village Brauerei, die ihre Biere ausschließlich in Calgary verkauft, sieht das so: „Die besten Ideen kommen dir mit Freunden bei einem Bier, so wie uns die Idee zu diesem Projekt.“ Ihre Biere benennen sie nach typischen Dorfbewohnern. „The Blonde“ oder „The Maiden“, die Blondine oder die alte Jungfer. Die Brauerei arbeitet mit lokalen Künstlern und Handwerkern, die Etiketten gestalten oder Ausstellungen in den Räumlichkeiten der Brauerei veranstalten.
Mit 10 % ihres Gewinns werden Nachbarschaftsprojekte unterstützt.

Bei einer Verkostung flüstert Karen mir ins Ohr: „Die Siedler damals brauchten Mut zum Abenteuer, um sich bis hierher vorzuwagen, genau diesen ,True Grit‘ sehe ich jetzt auch bei den jungen Leuten, die aus dem ,Kuhdorf‘ eine spannende, moderne Stadt machen.“

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