48 Stunden in Dresden

Zwischen Disneyland und Kleingartensiedlung

STADTPORTRÄT | DORIS NEUBAUER | COMPLETE MAGAZIN 3/14

Disneyland. So nennen junge Dresdner liebevoll ihre historische Altstadt am Elbufer, die schon von Canaletto in Szene gesetzt wurde (Foto: Karin Wasner)

„Bevor ich sterbe, will ich …“, so steht es an der Ziegelmauer. „Bald wird sie abgerissen, doch bis dahin sollen viele den Satz vollenden“, erklärt Danilo Hommel, der uns auf dem Kneipen- und Kultur-Nightwalk durch die Dresdner Neustadt führt. Von uns fühlt sich keiner bemüßigt, einen Wunsch zu formulieren. Andere haben die Aufforderung hingegen angenommen:
„… dass die CSU stirbt“ oder „… dass ich in Ecuador auf dem Vulkan Cotopaxi stehe“, steht hier in der Böhmischen Straße zum Beispiel – ja, Lebenspläne sind verschieden. Und manche passieren.

Davon kann der ehemalige Lehrer Danilo ein Lied singen. Dass er neben seiner Tätigkeit als Stadtführer eine Galerie leiten würde, hätte er sich vor ein paar Jahren noch nicht träumen lassen. Jetzt gehört seine Ukradenà (Tschechisch für „Gestohlene“ – Anm.) Galerie zur Neustadt wie die bunten Höfe der Kunsthofpassage. „Ich habe sie in Cesky Krumlov entdeckt“, so Danilo, der seit 1987 in der Stadt lebt. „Als sich kein Kurator in Dresden fand, habe ich die Idee selbst verwirklicht.“ Seit zwei Jahren existiert das Straßenkunst-Projekt in der sächsischen Landeshauptstadt – genauso wie unter anderem in Linz und Prag. Jeden Sonntag hängen Künstler Werke an die Mauer nahe dem „Raskolnikoff“, einem der ältesten von über 150 Lokalen des Viertels: „Diese Woche wird erstmals meine siebenjährige Tochter ausstellen“ – Danilos Stolz ist unüberhörbar. Im öffentlichen Raum zu konfrontieren, zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen: Das Konzept von Straßenkunst passt zur Dresdner Neustadt und ihren 16.000 Einwohnern – Durchschnittsalter 31. Anfang der 90er Jahre wurde hier aus Protest gegen die schlechte Wohnraumsituation und Abrisspläne eine Mikrorepublik samt Währung gegründet. „Den Pass kann man noch heute für zwei Euro kaufen“, erklärt Danilo, der selbst Teil der Szene war. Abgesehen von einem alljährlichen Straßenfest gleichen Namens ist jedoch kaum etwas von der „Bunten Republik Neustadt“ geblieben. Mittlerweile finden sich im Viertel hübsch sanierte Gebäude aus der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts zwischen maroden Häusern; boboeske Läden tischen vegane Bio-Kost auf, während in urwüchsigen Kneipen Bier gezapft wird; studentische Neo-Hippies löffeln auf Parkbänken ihr Mittagessen aus Papptellern und Jung-Mamis schieben farbenfrohe Kinderwägen durch die Straßen. Kurz: Kreatives Anderssein gehört in der Neustadt zum guten Ton.

Doch Kunst findet sich nicht nur dort an jeder (Straßen-)Ecke, wie Danilo auf einem anderen Rundgang beweist. Seit 2013 führt er in einer Street-Art-Tour zu Momenten der Straßenkunst Dresdens. Start: ausgerechnet in der Altstadt südlich der Elbe! Dort, wo die Wirkstätten Richard Wagners jährlich ebenso 8,8 Millionen Touristen anlocken wie die originalgetreuen Rekonstruktionen der Prachtbauten von Semperoper, Frauenkirche oder Zwinger, die 1945 größtenteils zerstört wurden. Die Dresdner kommen selten an dieses andere Elbufer, das wegen seiner Nachbauten auch liebevoll „Disneyland“ genannt wird. Doch hier geht die Tour los: beim Fürstenzug. 102 Meter lang und aus rund 23.000 Fliesen der nahen Meißner Porzellanmanufaktur geschaffen, gilt das Bild als größtes Porzellankunstwerk der Welt. 35 Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem Geschlecht des Fürstenhauses Wettin blicken seit 1907 in der Augustusstraße auf die Vorbeigehenden hinab. Von der historischen Innenstadt führt Danilo weiter ins benachbarte Dresden-Friedrichstadt. Eine Handvoll Restaurants, der älteste katholische Friedhof, ein Kulturverein – touristisch hat das Viertel wenig zu bieten. Wären da nicht über 16 Murals, farbenfrohe, fantasievolle Graffiti-Werke auf Hauswänden sowie Brandschutzmauern. 2012 lud der lokale Street-Art-Künstler Jens Besser internationale Kollegen ein, sich in Dresden zu verewigen und dadurch nicht nur Gebäude zu verschönern, sondern legal vor Vandalismus zu schützen. Die Einladung Bessers ließen sich Größen der Subkultur wie Aris oder Kenor nicht zweimal übermitteln: Auf 25.000 Quadratmetern brachten sie Szenen an die Wände, die die Dresdner Historie besser erzählen als so manches Geschichtsbuch. Da erinnern die Hamburger Zonenkinder an die Jahrhundertflut 2002, als die Elbe samt Nebengewässer die Stadt überschwemmten, und der US-Amerikaner Ryan Spring Dooley schildert bildhaft das Wanken des Dresdners zwischen Kultur und technologischem Fortschritt. Letzterer wird nicht nur durch die Technische Universität Dresden immer wieder unter Beweis gestellt, auch sonst ist die elftgrößte Stadt der Bundesrepublik bekannt für Innovationen. Ob Zahnpasta oder Milchschokolade: „Alles wurde in Dresden erfunden“, erklärt ein Zugezogener mit sarkastischem Unterton, hinter dem ein Funke Wahrheit steckt. So führte die erste Ferneisenbahnverbindung Deutschlands von Dresden nach Leipzig und auch die erste deutsche Gartenstadt wurde 1909 nach englischem Vorbild 6,5 Kilometer nördlich der sächsischen Landeshauptstadt erbaut. Auf Initiative des Besitzers der „Deutschen Werkstätten“ Karl Schmidt entstand auf 140 Hektar ein sozialreformerisches Experiment: Rund um die Möbel-Produktionsstätte plante Architekt Richard Riemerschmidt die Kleinhaus- und Villensiedlung Hellerau im Einklang mit der Natur, bei der vom Obstbaum bis zu den Farben der Fensterläden alles durchkonzipiert war. Der Leitgedanke eines ganzheitlichen, naturnahen und geselligen Wohnens könnte einem modernen Lehrbuch entsprungen sein. Fährt man heute mit der Straßenbahnlinie 8 nach Hellerau, das seit 1950 zu Dresden gehört, erinnert wenig an den Glanz der Vergangenheit, in der die Gartenstadt auch dank ihres Festspielhauses Treffpunkt der Intellektuellen war. Mittlerweile sind die meisten der Häuser im Privatbesitz und gerade bei jungen Familien sehr beliebt, schließlich ist hier erlebbar, dass Dresden eine der grünsten Großstädte Europas ist. „Die Kinder konnten frei auf den Wegen spielen, die Älteren haben auf sie aufgepasst.“ Wenn Christine May durch die Gartenstadt führt, glänzen ihre Augen. Besonders feucht werden diese beim Haus „Am grünen Zipfel Nr. 77“, in dem die Landschaftsarchitektin mit ihrer Familie in den 80ern lebte, bis sie schweren Herzens ausziehen musste. Aus Platzgründen, denn das „Leben auf der Treppe“ in den hohen, aber nur fünf Meter breiten Häusern war alles andere als praktisch. Mit Hellerau ist Christine dennoch verbunden geblieben: Als Mitglied eines Fördervereins bemüht sie sich um die Aufnahme der seit 1955 denkmalgeschützten Gartenstadt in die UNESCO-Welterbe-Liste. Ein Zeichen dafür, dass Hellerau aus dem erzwungenen Dornröschenschlaf aufwacht: 2013 wurde das älteste Gebäude der Gartenstadt, das ehemalige Tanzlokal Waldschänke, stückweise saniert. Erfolgreich, denn mittlerweile sind die Veranstaltungen in diesem Bürgerzentrum genauso gut besucht wie die Tanzaufführungen des Festspielhauses oder die Veranstaltungen in den früheren Gebäuden der Deutschen Werkstätten.

„Wenn es zutreffen sollte, dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein“, schrieb einst eines der berühmtesten Kinder der Stadt, Erich Kästner. Ein Jahrhundert später formuliert es die Dresdner Band ANSA in ihrer Heimat-Hymne so: „Leck mich, Hawaii, auf Wiedersehen. Du wirst mich ab jetzt nur von hinten sehen. Bei mir zuhause ist’s wunderschön. Ich will die ganze Nacht durch Dresden, durch die Neustadt ziehen.“ Vermutlich wäre das auch die Antwort der Jungs auf den Satz in der Böhmischen Straße: „Bevor ich sterbe, will ich …“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Anzeige

Anzeige