48 Stunden in Galway

Die irische Stadt Galway ist Europäische Kulturhauptstadt
 2020 und bietet ihren Besuchern auch im Umland besondere Programmpunkte

MICHAELA WALLNER
STADTPORTRÄT, COMPLETE MAGAZIN 1/20

Foto: Thomas Taurer

Den schicken gelben Regenmantel neben der Tür erspähend, denke ich mir schon kurz nach dem
 Aufwachen: Hoffentlich regnet es heute. Ein wenig zumindest. Galway gehört zu den wenigen
Städten, die auch im Regen einen unbeschreiblichen Charme versprühen. Im schmucken, aber doch winzigen Bed & Breakfast begrüßt mich Nora zum Frühstück mit der allseits sichtbaren irischen Freundlichkeit. Die kleine ältere Dame kann als Galwegian Original bezeichnet werden. Hastig huscht sie durch ihr Haus, aufgeregt erzählt sie dabei kleine Anekdoten aus ihrem Leben. Bei jeder Begegnung in diesen Tagen mit ihr erzählt sie mit großer Begeisterung, welches Cricketspiel gerade im Fernsehen läuft und dass ihr favorisiertes Team gewinnen wird. Sehr bald wird mir klar, dass mich dieses, für viele Iren fast heilige, Spiel in den kommenden Tagen noch öfter begleiten wird. In jedem Pub hängt ein Flachbildschirm, auf dem immer ein – manchmal schon vor Monaten, vielleicht auch vor Jahren stattgefundenes – Cricketspiel läuft. Man kommt also nicht umhin, sein Guinness entweder nebst Cricket oder Livemusik oder einer Kombination aus beidem zu sich zu nehmen. Dies tut der Gemütlichkeit in den berühmten irischen Pubs jedoch keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, es gehört einfach dazu. Und so genieße ich während meines Aufenthalts einige Pubbesuche und sinniere aus dem Fenster schauend: Hoffentlich hört der Regen nicht auf.


Dass es hier regnet, ist gar nicht so unwahrscheinlich, tut es dies hier an der irischen Westküste doch an etwa 240 Tagen im Jahr. Und so verbreitet sich aktuell auch der Ausspruch von Helen Marriage, dass Galway wie Barcelona sei, nur mit mehr Regen. Hängt sich die kleine Stadt an der Westküste doch das Schild „Europäische Kulturhauptstadt 2020“ um, und Helen fungiert als Kreativdirektorin von Galway 2020. Den Titel in diesem Jahr teilt sich Galway mit dem kroatischen Rijeka.


Gelegen am Wild Atlantic Way der irischen Westküste, versprüht Galway definitiv ein eigenes Flair. Mit rund 80.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt der
Republik Irland, wird sie im Vergleich mit den beiden größeren Städten Dublin und Cork häufig als die lebendigere und unkonventionellere Stadt bezeichnet. Gaillimh, so die irische Bezeichnung für die Stadt am
Atlantik, ist geprägt von vielen Studenten, die diesem Ort einen alternativen Hauch geben, dennoch
wird in den zahlreichen Pubs und auf der Straße auch die irische Tradition hochgehalten. Neben
vielen Festivals, die hier jeden Tag stattfinden, darf auch die ausgezeichnete Gourmetszene nicht
unerwähnt bleiben, in welcher häufig auf regionale Produkte gesetzt wird. Einerseits ist die
Kreativität und die Offenheit gegenüber Neuem deutlich spürbar, andererseits wird jedoch auch die
traditionelle irische Kultur wertgeschätzt.


Unweigerlich stolpert man in ­Galways Straßen über das Motiv eines Herzens, das von zwei Händen
gehalten und von einer Krone geschmückt wird – zumeist in Form eines Rings, der in vielen
Geschäften erhältlich ist. Das Herz symbolisiert Liebe, die Hände versinnbildlichen Freundschaft, und die Krone verkörpert Loyalität. Fans der schottischen Musikgruppe Simple Minds dürfte das Motiv bekannt sein, verwendet die Band es doch als Logo.


Der in ganz Irland, vor allem jedoch an der Westküste beliebte Claddagh-Ring wird auf eine irische
Legende zurückgeführt, die ihren Ursprung im kleinen Fischerdorf Claddagh hat, einem Stadtteil des
heutigen Galway. Im 17. Jahrhundert wurde hier ein Mann namens Richard Joyce kurz vor seiner
geplanten Hochzeit von algerischen Piraten entführt und an einen maurischen Goldschmied als
Sklave verkauft. Bei ihm erlernte er das Handwerk seines Herrn, wodurch der Ring als sein
Meisterstück entstand. Diesen schuf er aus Sehnsucht nach seiner fernen Verlobten, später sollte er
als Claddagh-Ring bezeichnet werden. Als der englische König Wilhelm III. erwirkte, dass alle von den Mauren gefangen gehaltenen Briten ins Königreich zurückkehren durften, kehrte auch Richard in seine Heimat zurück, wo er seine Angebetete auf ihn wartend antraf. Traditionell wird der Claddagh-Ring noch heute über Generationen weitergegeben.


Ein solcher Ring steckt auch auf Lauras Finger. Die Angestellte im Cu­pán Tae erzählt, dass auch die Art und Weise, wie der Ring getragen wird, einiges aussagt. Zeigt die Herzspitze zum Träger, so besteht bei dieser Person bereits eine Liebesbeziehung. Weist die Herzspitze jedoch vom Träger weg, signalisiert dies die Suche nach einem Partner.


Hier im Cupán Tae wird Teekultur ganz groß geschrieben. Die vielen bunten Teetassen, welche im
Schaufenster hängen, erwecken einen deutlich anderen Eindruck, als dies das Innere der Lokalität
tut: Ein liebevoll-kitschiger Mix aus Vintageporzellan, Spitzentischdecken, Swingmusik und Damen mit Blümchenschürzen und einem Lächeln, wie man es nur aus der Reklame längst vergangener Jahrzehnte kennt. Alles, was sich hier auf der Speise- und Getränkekarte finden lässt, hat in irgendeiner Form mit Tee zu tun – seien es die Scones, die Sandwiches oder natürlich die unzähligen Teesorten selbst. Laura muss es mir nicht extra erzählen, ich sehe sofort, dass jedes kleinste Detail, angefangen vom Porzellan über die Möbel bis hin zur Deko, liebevoll ausgesucht und zusammengestellt wurde. Es ist ein stimmiger Ort, der unbedingt besucht werden sollte.


Dass in Galway ein bunter Mix aus verschiedensten Kulturen herrscht, lässt sich bereits auf das 16.
Jahrhundert zurückführen. Die Stadt am Atlantik entwickelte sich in dieser Zeit zu einer blühenden
Handelsstadt, die viele
Menschen anzog und zum Bleiben einlud. Und so ist
heutzutage ein Viertel der Bewohner nichtirischer Herkunft, was aber auch mit der großen Anzahl an Studenten zu tun hat. Dabei halten sich alle an den Grundsatz der Stadt, dass man sich gegenseitig mit Respekt und Verständnis begegnet. Nicht umsonst wird Galway auch „City of Equals“ genannt.


Bewegt man sich im Herzen der Stadt von der National University Richtung Süden, staunt man
zunächst nicht schlecht über den eindrucksvollen ­River Corrib und die Kanäle, die das Gebiet
durchziehen und schließlich in die Galway Bay münden. Lieblich und verträumt muten die Wege
entlang des Flusses und seiner Seitenkanäle zwischen historischen Gebäuden an. Im Zentrum
befindet sich hier die erst 1965 eröffnete imposante Galway Cathedral, die unter anderem durch ihre
prachtvolle tonnengewölbte Kassettendecke aus Zedernholz im Gedächtnis bleibt. Östlich der Galway Cathedral überspannt die märchenhafte Salmon Weir Bridge den Corrib. Die 1818 erbaute ­Brücke ist die älteste noch existierende Brücke über den Fluss. Zwischen April und Juli stellt die Brücke einen großartigen Aussichtspunkt dar, um Lachse im fischreichen Corrib zu beobachten, die flussaufwärts zu ihren Laichrevieren ziehen.


Marilyn Gaughan Reddan ist Programmchefin von Galway 2020 und erzählt über das Andere und
Spezielle an der europäischen Kulturhauptstadt. „Galway hat keine städtische Galerie, kein
Opernhaus, es gibt keine ausgedehnten öffentlichen Plätze und generell keine riesige kulturelle
Infrastruktur. Aber es gibt ein sehr schönes Arts Centre und das wunderbare City Museum. Vor allem besticht das gesamte County Galway aber durch die Vielfalt seiner Bewohner.“ Marilyn beschreibt diesen bunten Mix der Bewohner, der so prägend für Galway ist, als eine „Feier der
unterschiedlichen Kulturen in einer Stadt, in der es nichts zur Sache tut, wer du bist und woher du
kommst, du bist auf alle Fälle willkommen!“


Das Andersartige an Galway 2020 wird nun sein, dass sich das Programm während des Jahres zwar
einerseits natürlich auf die Stadt Galway, ihre Straßen und ihre Einwohner konzentriert. Andererseits jedoch auch auf das gesamte County mit seiner atemberaubenden Landschaft und dem ländlichen Raum mit seinen Dörfern und Gemeinden. Die Straßen werden zur Bühne und die Landschaft wird zur Galerie. Der größte Teil des Programms wird kostenlos für die Öffentlichkeit zugänglich sein und sich an nicht speziellen Veranstaltungsorten abspielen. Auch werden große Teile des Programms von lokalen kulturellen Organisationen in Gemeinschaftsprojekten mit anderen europäischen Organisationen gestaltet.
Daneben werden internationale Künstler standortbezogene Events veranstalten, so wie der finnische Lichtkünstler Kari Kola, der am St. Patrick’s Day die nahe gelegenen Connemara Mountains in grünem Licht erscheinen lässt. Ein weiterer besonderer Programmschwerpunkt fällt unter den Titel „Hope it rains“, die darin enthaltenen Programmpunkte kommen nur bei Regen zur Geltung. Und so werde ich in den nächsten Monaten noch öfter auf meinen gelben Regenmantel schauen und mir dabei denken: Hoffentlich regnet es heute.


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