48 Stunden in Graz

Die steirische Hauptstadt ist eine Art alpin-mediterranes Kaleidoskop von allem, was das Leben schön und gut macht. Design und Wein, Lederhosen und Street Art, Käferbohnen und Kultur vereinen sich hier zu einem charmanten Gesamtkunstwerk – mit einer südlichen Leichtigkeit, die selbst an einem verschneiten Wintertag spürbar ist

CLAUDIA PILLER-KORNHERR
STADTPORTRÄT, COMPLETE MAGAZIN 4/20

Foto: Steiermark Tourismus/Harry Schiffer

Am Samstagvormittag auf dem Kaiser-Josef-Markt schlägt das Herz von Graz besonders kräftig. Schon seit dem Morgengrauen stapeln die Marktleute hier Rote Rüben, Knollensellerie und Pastinaken, schlichten die aus dem Umland angereisten Landwirte Selchwürstel, Seeforellen und selbst gebackenen Apfelstreuselkuchen auf den groben Holztischen auf. Was darf’s sein – Kronprinz Rudolf, Schafnase oder Ilzer Rose? Dick eingepackt und gut gelaunt beraten die Standler bei der Wahl der richtigen Apfelsorte. Und auch wenn die Finger von der Kälte klamm sind – ein freundlicher Plausch mit der Kundschaft ist immer drin. Gegen diese südliche Leichtigkeit, die selbst an einem trüben Wintertag in der Grazer Luft liegt, kann man sich nur schwer zur Wehr setzen. Hier, inmitten des prallen Marktlebens, wo an sechs Vormittagen in der Woche frische, regionale Lebensmittel den Besitzer wechseln, ist der Arbeitsplatz von Andreas Hamler. Seit Anfang des Jahres 2020 schwingt der Steirer in der Genießerei am Markt das Zepter in der Küche. Der Name des kleinen Haubenlokals ist Programm: „Eine lange Speisekarte sucht man bei uns vergeblich. Es wird nur gekocht, was es an diesem Tag am Markt gibt“, erzählt Hamler. Werden im Frühjahr zum Beispiel Rhabarber, Löwenzahn aus dem Garten oder Morcheln aus den steirischen Wäldern verarbeitet, vervollständigen im Winter Topinambur, Wurzelgemüse und Kohlsprossen die Einkaufsliste des Küchenchefs. Und weil die Genießerei indoor nicht allzu viele Plätze hat, hat man für die kalte Jahreszeit draußen im Gastgarten für Beheizung gesorgt. „So bekommen die Gäste zu unseren Gerichten authentisches Marktfeeling hautnah serviert.“ Ein rundum stimmiges Konzept und ganz typisch für den hedonistischen Lifestyle, wie man ihn in Graz so gerne zelebriert. Ein logischer Schluss also, dass man sich seit 2008 offiziell Genusshauptstadt nennen darf. Eine Auszeichnung für herausragende Gastgeber und eine Küche mit überwiegend regionalen Produkten.

Frau Christines Gespür für Hüte

In der Kalchberggasse nur einen Steinwurf vom Kaiser-Josef-Platz treffe ich Christine Rohr in ihrem schicken kleinen Atelier für Damenmodellhüte. Und staune über nostalgische großkrempige Modelle, freche Barette, glamouröse Fascinators und Pillbox-Hüte à la Jackie O. Jedes Detail auf ihren Hüten, jede Ansteckblume, jedes Lederfutterband, jede bunte Feder hat die gelernte Modistin selbst verarbeitet oder veredelt. Die Kreationen, die sie in ihrer Werkstatt mit viel Liebe zum Detail in Handarbeit anfertigt, sind allesamt Einzelstücke. „Müsste ich exakt ein und denselben Hut ein zweites Mal machen, hätte ich ein Problem“, lacht die gebürtige Trofaiacherin. Ihr Handwerk hat die 51-Jährige von der Pike auf gelernt, 1992 absolvierte sie die Modistenklasse an der renommierten Modeschule in Schloss Hetzendorf, arbeitete unter anderem für die Bühnen Graz oder den Wiener Lifeball. Sogar im Rahmen des Dubai World Cups, der als das höchstdotierte Pferderennen der Welt gilt, stellte sie ihre Kreationen aus. Und im fernen Australien hält sie regelmäßig Workshops, um den hutbegeisterten Aussies steirisches Kopfbedeckungs-Know-how zu vermitteln. Eine Expertise, die auch ihre hiesige Klientel zu schätzen weiß. „Die Grazerinnen sind meine treuesten Kundinnen. Und sie sind auch die elegantesten. Ich mag die große Wertschätzung, die man hier dem Handwerk gegenüber hat.“ Im Augenblick ist Christine Rohr die letzte Modistenmeisterin der Steiermark. Das könnte sich jedoch bald ändern: Um dem hiesigen Nachwuchs die Grundlagen und Techniken dieses Handwerks zu vermitteln, gründete die Powerfrau 2009 die Christine-Rohr-Academy – Schule für Modellmodisterei und Textildesign in Graz.

Graz und sein unsichtbares Glühen
Er brauche einen Ort, an dem es innerlich tobe, „zum Beispiel New York oder Graz“, schrieb Wolfgang Bauer, großer Sohn der steirischen Hauptstadt, der „steirische Bukowski“, wie der Literat einmal in einer Kritik genannt wurde. Die aus heutiger Sicht wohl etwas überzogene Parallele zum Big Apple findet sich vielleicht am ehesten in einer latenten Quirligkeit von Graz wieder, einer fast ironischen Symbiose aus Tradition und Weltoffenheit. Auch Valerie Fritsch ist ein Kind dieser Stadt und Shootingstar der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ob Graz denn immer noch ein gutes Pflaster für literarisches Schaffen sei, möchte ich gerne von ihr wissen. „Ja, denn es gibt ein unsichtbares Glühen unter der Maske der hübschen Biederkeit, und wo Menschen mit Geheimnissen und wilden Ideen leben, fühlen sich die Geschichten wohl.“ Graz sei für sie – eine schreibende Weltenbummlerin – der perfekte Ort zum Aufbrechen und zum Wiederkommen. „Immer hier zu sein, hielte ich nicht aus, aber wenn ich genug von der weiten Welt habe, kehre ich immer gerne zurück.“ Die letzten Seiten ihres jüngsten Romans „Herzklappen von Johnson & Johnson“ hat Valerie Fritsch übrigens in Graz geschrieben. „Den traditionellen Schnaps nach dem Abschlusssatz habe ich hier getrunken.“

Ihre außergewöhnlichen Fotos entstehen an besonderen Orten überall auf der Welt – vom Nahen Osten bis ins ferne Afrika, von Asmara bis Coney Island. Wenn sie ihre Heimatstadt durch die Kameralinse betrachtet, dann am liebsten „im nächtlichen Trubel des Griesplatzes, wo es bunt zugeht, und an den Stadtrandlandschaften.“ Der Stille wegen kommt die Autorin gern in die barocke Stiegenkirche in der Sporgasse 21a. Die älteste Grazer Pfarrkirche ist gleichzeitig auch die versteckteste, denn an der Häuserzeile ist von dem Gotteshaus nichts zu erkennen. Drinnen, im reduzierten Altarraum, vergisst man beinahe, dass wenige Meter entfernt in den Gassen der Altstadt das pralle Leben tobt. „Ein seltsamer Ort“, findet Valerie Fritsch. Auch eine literarische Sehenswürdigkeit gibt es in Graz zu entdecken, von deren Existenz selbst viele Grazer nichts wissen. Oben am Schlossberg Nr. 10 mitten im Wald verbirgt sich das Cerrini-Schlössl, in dem internationale Autoren als
Artists in Residents jeweils für ein Jahr in Ruhe arbeiten und wohnen können.

Wachstumsschub für die Murmetropole

Ein Blick zurück für die, die sich erinnern: Im Jahr 1985 sang die wohl bekannteste Grazer Band Opus mit dem Brustton der Überzeugung „Live Is Life“. Und die halbe Welt grölte mit. Die Gruppe rund um Frontman Ewald Pfleger stürmte in Folge mit ihrer Ode an die Lebenslust die internationalen Charts. Seither ist viel Wasser die Mur hinuntergeflossen. Das Leben ist immer noch life – also großartig – in Graz. Und das nicht nur subjektiv, sondern auch evidenzbasiert: Bei einer 2018 durchgeführten Befragung zur Lebensqualität in Graz gaben 91,2 Prozent an, dass sie hier sehr gerne oder gerne leben (Quelle: Referat für Statistik der Stadt Graz). Graz gehört auch zu den am stärksten wachsenden Ballungsräumen Europas. Allein 60.000 Studenten leben, lernen und feiern in Graz. Tendenz steigend. Das macht die Murmetropole zum zweitgrößten Hochschulstandort Österreichs. Um dem Bevölkerungswachstum zu begegnen, entwickelt man Visionen von neuen Stadtteilen. In einem ehemaligen Industriegebiet hinter dem Grazer Hauptbahnhof, nur zehn Fahrradminuten von der Innenstadt entfernt, wächst gerade die Smart City, ein energieautarker Stadtteil mit dem Science Tower als neuem Wahrzeichen des Entwicklungsgebiets.

Was Graz so anziehend macht? Möglicherweise eine gewisse Balance, ein angenehmes Mittelmaß zwischen urban und provinziell. Graz hat eine wohlige Enge, die ein Gefühl der Geborgenheit erzeugt. Ist aber doch groß genug, dass man nicht klaustrophobisch wird. Graz ist städtisch genug für den Hipster, der sich vor dem Besuch im Barber Shop noch einen Chai Latte um die Ecke holen will. Weltläufig genug für ein Opernhaus, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Mutig genug, um anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2003 einen „Friendly Alien“ am Ufer der Mur landen zu lassen. (Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Kunsthaus heute ein Wahrzeichen des modernen Graz.) Und dabei so nah an der Natur, dass man in einer halben Stunde Fahrt dem Zauber der südsteirischen Weinhügel erliegen oder am nahen Schöckl beim Wandern oder Downhill-Biken seinen Bewegungsdrang ausleben kann. Und – zugegeben – so kleinräumig, dass man nie wirklich anonym ist und zweimal überlegt, ob man in Jogginghosen zum Supermarkt geht. Graz hat etwas Strukturiertes, Graz schafft Ordnung in meinem Kopf. Und wer weiß, vielleicht tut ja genau diese Übersichtlichkeit gut in diesen merkwürdigen Zeiten. Falls man doch einmal die Orientierung verliert, ist da stets der Uhrturm droben auf dem Schlossberg, der einem quasi aus jeder Richtung den Weg weist wie ein Polarstern mit goldenen Zeigern.


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