48 Stunden in Marrakesch

Maghreb modern und zeitlose Souks

STADTPORTRÄT | SEBASTIAN BUCHNER | COMPLETE MAGAZIN 1/15

Foto: Karin Wasner

Man sagt, niemand ist in Marrakesch angekommen, bis er nicht die Jemaa el Fnaa betreten hat. „Der Platz“, wie dieses pulsierende Herz der Stadt, das Tor in die Medina, von vielen Marrakschis genannt wird, wirkt untertags schläfrig. „Platz der Henker“ heißt sie übersetzt angeblich, da hier früher nicht nur eine Karawanserei, sondern auch ein Richtplatz gewesen sei. Wasserverkäufer – eigentlich längst nur noch ein Relikt der Vergangenheit – wandern in ihren bunten Fetzenkleidern über den Platz und warten auf Touristen und ihre Kameras. Ebenso die jungen und alten Berber mit ihren dressierten Affen oder zahnlosen Schlangen. Unter Sonnenschirmen sitzen stark geschminkte und heftig verschleierte Wahrsagerinnen und Hennafrauen aus der Wüste im Süden und locken ihre Kunden. Orangensaft- und Dattelverkäufer halten daneben Ausschau.

Hinter der Jemaa el Fnaa beginnt zu drei Seiten die Medina. Ein Blick in die labyrinthartigen Souks macht schnell klar, dass man hier einen Gang zurückschalten muss. „Wer sich hier beeilt, dem entgeht der Geist der Stadt“, erklärt Hamid, der als Kalligraph in einem kleinen Studio und Geschäft in den Souks arbeitet, augenzwinkernd. „Unsere Kultur ist eine Kultur der Rhythmen, der Wiederholungen und – vor allem – der Aufmerksamkeit.“ Doch beständige Aufmerksamkeit lässt den Geist rasch ermüden. In Marrakesch gibt es zwei Möglichkeiten, sich von den zahlreichen Sinnesreizen zurückzuziehen: den Innenhof eines Riads oder eine Dachterrasse wie jene des Café de France. Das gewaltige, dreistöckige Kolonialstilgebäude gilt als Institution. Im Erdgeschoß finden sich zumeist marokkanische Männer, die ein Fußballspiel oder Pferderennen ansehen. In den Geschoßen darüber, bis hin zur Dachterrasse, beginnt das Reich der Ruhe suchenden Touristen, die sich hier größtenteils mit dem marokkanischen Getränk schlechthin entspannen: Minztee.

Marrakesch wurde im 11. Jahrhundert von den Almoraviden, die weiter nach Norden ziehen und ihr Königreich bis Andalusien ausbreiten sollten, islamisiert und zur Hauptstadt ihres Reiches gemacht. Marrakesch wurde ausgebaut und erblühte als ein Zentrum für Handel, Handwerk (die Gerber und Metallarbeiter, die man heute noch in der Stadt finden kann) und Philosophie. Die Dynastien wechselten von den Almoraviden zu den Almohaden, aber Marrakesch wuchs weiter an Bedeutung. Ihnen folgte Instabilität, eine kurze Sufi-Herrschaft (Sufismus ist sehr stark im Land vertreten und wandernde Derwische sind auch heute noch Teil der sozialen Landschaft Marokkos) und portugiesische Eroberungen. Die Saadi-Dynastie stärkte Marokko wieder. Ahmed al Mansour klomm ihre Reihen empor und wurde zum einflussreichsten Herrscher Nordafrikas überhaupt. Die Alawitendynastie übernahm nach seinem Tod die Herrschaft. Schließlich verlor Marokko seine Eigenständigkeit in den kolonialen Wirren und wurde bis zum Zweiten Weltkrieg französisches Protektorat. Heute blickt das Abbild von Mohammed VI., dem jungen König Marokkos, aus beinahe jedem Haus auf sein seit knapp sechzig Jahren unabhängiges, säkular-islamisches Reich.

Zurück in die Gegenwart. Eine neue Tasse Minztee auf der Dachterrasse des Maison de la Photographie. Mitten im Labyrinth der Medina findet sich dieses umfunktionierte Riad, in dem man heute eine beeindruckende Sammlung von Fotografiegeschichte der Stadt finden kann. Die Dachterrasse beherbergt ein gutes Restaurant mit fabelhaftem Blick über die Stadt mit dem Atlas-Gebirge im Hintergrund.

Unweigerlich findet man seinen Weg zurück zur Jemaa el Fnaa. Jeden Nachmittag werden auf dem Platz zahlreiche Garküchen aufgebaut, bei denen man Couscous, Harira oder Tajines genießen kann. Die authentische Küche aber, die findet man abseits des Platzes. „So vieles in Marokko bleibt verborgen, wenn man als Tourist nur durch die Medina geht und sich die Geschäfte ansieht und sich dann dort in ein Restaurant setzt und wieder nur Couscous isst“, meint Amanda Mouttaki. Die gebürtige Amerikanerin ist ihrem heutigen Ehemann nach Marrakesch gefolgt und hat sich dazu entschlossen, den Besuchern die wirkliche Küche der Stadt zu zeigen. Im Rahmen der „Food Tours Marrakech“ nimmt sie kleine Gruppen mit durch die Stadt, erzählt vom Leben als ausländische Frau in Marrakesch und zeigt die besten versteckten Küchen der Stadt.

Westlich der Medina befindet sich die Kasbah, die Festung. Pflichtbewusste Touristen können in diesem Stadtteil die Gräber der saadischen Dynastie entdecken. Außerdem beherbergt die Kasbah den El-Badi-Palast, eine gewaltige Ruine aus dem unvergleichlichen roten Stein der Stadt. Heute residieren hier vor allem Störche, außer im Juni. Da belebt das Folklorefestival von Marrakesch den riesigen Innenhof. Tiefer in der Kasbah findet sich ein Café, das sich kein Marrakesch-Besucher entgehen lassen sollte: das Café Clock. 2014 wurde es als interkulturelles Café, quasi als Brücke zwischen Marokkanern und ausländischen Besuchern, geschaffen. Neben einer exzellenten marokkanisch-europäisch-amerikanischen Mischküche kann man hier Kochkurse, Tanzkurse, offene Jam Sessions und Konzerte finden, bei denen sich junge Marokkaner und Touristen kennenlernen und austauschen können. „Das Herzstück unseres Programms sind aber die Hikayat-Abende“, erklärt Mike Richardson, Leiter des Café Clock. „Geschichtenerzählen hat eine lange Tradition in Marokko, aber für viele der älteren Erzähler ist es heute zu schwierig, auf der Straße oder dem Platz zu erzählen. Zu laut, zu viele Störungen. Hier können sie in einem anderen, stilleren Rahmen erzählen.“ Haj ist mittlerweile fester Bestandteil des Café Clock. Der siebzigjährige, erfahrene Erzähler hat hier auch Schüler, an die er die Tradition weitergeben kann. „Die Studenten erzählen in Darija – dem marokkanischen Dialekt – und auf Englisch. Wir wollen damit und mit Schulprojekten dazu beitragen, die Tradition des Hikayat – des gemeinschaftlichen Geschichtenerzählens – zu erhalten und weiterzuentwickeln.“

Zurück auf die Jemaa el Fnaa, die nach Sonnenuntergang lebendig wird. Ein Mann trinkt siedend heißes Wasser, ein anderer setzt sich Eselsohren auf und springt über den Platz. Überall formen sich Kreise um die Schausteller. Wenn man genug von den engen Gassen der Medina hat, kann man sich ein Taxi in die Ville Nouvelle nehmen – die neue, moderne Stadt, die um die Medina gewachsen ist. Gueliz ist das Herz des modernen Marrakesch. Hier findet man alle Einkaufsmöglichkeiten, die man in der Medina vermissen mag. In dem kunstsinnigen Bezirk findet man viele Antiquitätengeschäfte und Kunstgale-rien. Hier kann man in der Galerie Noir Sur Blanc Bilder namhafter nordafrikanischer Künstler erstehen oder sich in der Gallery David Bloch ansehen, was gerade Mode in der modernen Kunst ist.

Ob man sich in orientalischen Träumen verlieren möchte oder sehen will, wie sich Marokko erfolgreich in der Moderne behauptet, für beides gibt es wohl keinen besseren Platz als die legendäre rote Stadt.

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