48 Stunden in Reykjavík

Auch in der dunklen Jahreszeit zieht Islands Hauptstadt alle Blicke auf sich

STADTPORTRÄT | WALTER M. WEISS | COMPLETE MAGAZIN 4/14

Foto: Karin Wasner

Nein, dass dieses Reiseziel auf den ersten Blick einladend wirken würde, kann man nicht behaupten. Um diese Jahreszeit empfängt den Ankömmling am Keflavík-Airport für gewöhnlich nordische Düsternis. Die gut halbstündige Fahrt hinüber in die „Rauchige Bucht“, so die Übersetzung des Namens Reykjavík, ist denn auch von enden wollendem Reiz. Rundum wüste Lavafelder, schemenhaft einzelne Hütten, Gehöfte, später Lagerhallen, Gewächshäuser, Reißbrettsiedlungen – Wind, Schnee, frostiges Grau: Nur für vier Stunden erhellt sich hier, nahe dem Polarkreis, im Tiefstwinter das Firmament. Nun, im Februar, dauert der Tag immerhin schon fast doppelt so lang. Anlass genug, die „Rückkehr des Lichts“ überschwänglich zu feiern.

2002 beschloss die Stadtregierung, ein erstes „Winter Lights Festival“ zu inszenieren. Um die Einheimischen aufzumuntern, sollten Künstler ausgewählte Gebäude und Plätze farbig illuminieren. Inzwischen lockt das fantasievolle Lichterspektakel Zehntausende Gäste aus Übersee an. Für zehn Tage verwandelt sich das Stadtzentrum in einen Parcours des Staunens. Zuletzt lud etwa eine virtuelle Brücke dazu ein, mit den Füßen über Sensoren eine Komposition aus Klängen und Licht zu kreieren. Da konnte man Leuchtskulpturen die Hand auflegen, den Lichtsaiten einer imaginären Harfe wundersame Töne entlocken, erlebte lumineszierende Quallen und glühendes Moos. Und vielerorts erweckten raffinierte Lichtprojektionen Statuen und Fassaden zum Leben.

Island zählt zu den friedsamsten und fortschrittlichsten Nationen der Erde. Es unterhält keine stehende Armee, verwendet in der Hauptsache geothermische, also erneuerbare, absolut saubere Energie und besitzt als lupenreine Demokratie das älteste noch bestehende Parlament der Welt. Seine 320.000 Bewohner (von denen mehr als die Hälfte im Raum Reykjavík lebt) meistern das Dasein – was sich in der hierzulande besonders schlimmen Finanzkrise nach 2008 eindrücklich zeigte – mit erfrischendem Gleichmut und Pragmatismus. Ausländern, die seit dem Niedergang der Krone in rasch wachsender Zahl einfliegen, begegnen sie, ganz im Gegensatz zum Klischee vom introvertierten Wikinger, mit geradezu infektiöser Leutseligkeit.

Als eine Stadt „von kleiner Statur, aber mit großem Herzen und unbändiger Energie“ hat der Schriftsteller Hallgrimur Helgason seine Heimat Reykjavík bezeichnet. „Leicht zugänglich wie ein Dorf, aber kosmopolitisch im Geist, öffnet es sich“, schrieb er launig, „internationalen Trends, wenn es sie nicht gleich selbst erschafft.“ In der Tat besitzt diese „kleinste Großstadt der Welt“ zwar keine U-Bahn, dafür aber jede Menge Underground, in dem es kaum minder heftig brodelt als unter den mitunter gefährlich nahen Vulkanen Hekla und Eyjafjallajökull. In Clubs und Bars wie b5, Bakkus, Dillon, Slipp oder Kaffibarinn tummeln sich neben feierfreudigen Locals jede Menge Partytiere aus aller Welt, die hier zuhauf für ein wildes Wochenende zwischenlanden. Symbolbau für den Status der Stadt als Epizentrum der Avantgarde ist Harpa, das gigantische, 2011 eröffnete Konzerthaus und Konferenzzentrum am Hafen. Starkünstler Olafur Eliasson hat seine Glasfassade aus Tausenden transparenten Wabenelementen gestaltet – eine Ode an die in seiner Heimat wetterbedingt permanent wechselnden Lichtstimmungen.

Natürlich bietet Reykjavík auch reichlich Stoff für traditionelles Sightseeing. Niemand war wirklich hier, der nicht am Ufer des Teiches Tjörnin die Schwäne und Enten gefüttert, vom Turm der Hallgrímskirkja, dem alles überragenden Gotteshaus, auf das kunterbunte Dächermeer hinabgeblickt oder an der Uferstraße Saebraut, das mächtige Esja-Gebirge jenseits der Meeresbucht vor Augen, dem stählernen Denkmal zu Ehren der Seefahrer-Ahnen die Reverenz erwiesen hat.

Nach so viel Outdoor-Erkundungen wärmt man sich im didaktisch famosen Nationalmuseum, auf den Spuren der frühen Siedler wandelnd, oder staunt im ehemaligen Wohnhaus-Atelier von Einar Jonsson über die große Kunst dieses „Rodins des Nordens“. Oder man stattet einem der auffallend vielen Buchläden – Islands schriftliches Erbe in Form der mehr als 1.200 Sagas ist legendär und Reykjavík offizielle UNESCO-Literaturstadt! – einen Besuch ab und macht sich’s hernach in einem der unzähligen Cafés bei der Lektüre gemütlich.

Unverzichtbar ist, selbstredend, auch eine Shoppingtour, allen voran entlang Laugavegur und Skolavordurstigur, den beiden Paradeeinkaufsmeilen.

Will man ein Gefühl für die raue
Unerbittlichkeit, aber auch für die grandiose Weite der Natur bekommen, die das Leben der Isländer seit alters bestimmt, muss man allerdings unbedingt raus aus der Stadt.

Als touristischer Klassiker schlechthin gilt zu Recht der sogenannte Golden Circle. Auf dieser Tagestour erlebt man die Trias der Top-Attraktionen Islands, als da sind: Strokkur, jener Geysir, der – regelmäßig wie kein zweiter – alle zehn Minuten seine kochende Wassersäule himmelwärts schleudert. Keine zehn Busminuten weiter stürzt und gischtet – es ist ein atemberaubendes Schauspiel – der Fluss Hvita als „Goldener Wasserfall“ (Gullfoss) in eine 70 Meter tiefe Schlucht. Station Nummer drei ist der Þingvellir, jener legendäre Felsgraben, in dessen Schutz sich erstmals im Frühsommer 930 schon Vertreter aller Sippen der Insel zur gesetzgebenden Versammlung, dem Althing, trafen; wo im Jahr 1000 die Annahme des Christentums beschlossen und 1944 die moderne Republik Island ausgerufen wurde.

Weltruhm genießt mittlerweile die Blaue Lagune. Ihr Becken, das sich aus dem Brauchwasser eines nahen Geothermalkraftwerks speist, misst 5.000 Quadratmeter und liegt nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen inmitten eines gigantischen Lavafelds. Ein Besuch dieser mondän gestalteten Anlage gilt unter Reisenden als ein Muss und rundet den Inselaufenthalt in der Tat schönstmöglich ab. Denn ein paar Stunden in der milchig-blauen, 38 Grad heißen, an Kieselerde, heilsamen Algen und Mineralsalzen reichen Brühe glätten die zerknitterte Haut und Seele gleichermaßen. Und wenn dann womöglich noch – kein seltenes Phänomen in diesen Wochen – auf dem nachtschwarzen Himmel ein grün-blau-gelb irisierendes Nordlicht aufleuchtet, schließt sich der Kreis zu den zauberhaften Illuminationen des Winter Lights Festival. Und der allerletzte Rest von Bedenken gegen Islands vermeintlich düsteren, kalten Winter ist endgültig wohligem Entzücken gewichen.

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