48 Stunden in Rovaniemi

Als Tor zur Arktis liegt die Hauptstadt von Lappland direkt am Polarkreis und empfängt ihre Besucher mit winterlichem Charme

STADTPORTRÄT | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 4/18

Foto: Karin Wasner

Schrilles Jaulen schallt durch die eisige Winterkälte. Die Hunde spüren, dass es gleich losgeht. Aufgeregt tänzeln sie in den Leinen, endlich das Kommando: „Valmis!“ Zwölf sibirische Huskys werfen sich ins Geschirr und stürmen über die Schneedecke, die den Fluss Ounasjoki in Rovaniemi bedeckt. Augenblicklich verstummt das Heulkonzert, mit einem Mal ist es sehr still. Zu hören ist nur mehr das Gleiten der Kufen auf der seit Monaten festgefrorenen Eisfläche.

„Tor zum Norden“ nennen die Menschen, die hier leben, ihre Stadt. Nur wenige Kilometer nördlich des Zentrums verläuft der Polarkreis. Als Hauptstadt Lapplands in Nordfinnland ist Rovaniemi Sitz der Universität – und eine der größten Städte der Welt. Flächenmäßig entspricht das Stadtgebiet dreimal der Größe Luxemburgs, besiedelt ist es jedoch so spärlich, dass laut Statistik hier auf einem Quadratkilometer nur acht Menschen leben.

Einer von ihnen ist Kristian Erkkilä, der als Musher die ganze Fahrt konzentriert hinter mir steht und seine Tiere nicht aus den Augen lässt. Mit sechzehn jobbte er in den Ferien bei einem Hundeschlittenanbieter: „Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Hunden!“ Aber als sein Arbeitgeber seine zwölf Schlittenhunde verkaufen wollte, überredete er seinen Vater, ihm das Geld vorzustrecken. Heute, zehn Jahre später, trainiert er 84 Hunde. Bei einer Tasse heißem Tee verrät er, wie das Gespann funktioniert: „Nur die beiden Leithunde verstehen die Kommandos.“ Nach einer kurzen Pause fügt er schmunzelnd hinzu: „Das sind fast immer Weibchen. Die anderen laufen nur hinterher.“
Ich atme die klare Winterluft. Die Kälte kriecht durch meine Kleider, die Wangen spüre ich schon nicht mehr, als wir am gläsernen Tunnel des Arktikums vorbeigleiten. Die 172 m lange glasüberkuppelte Passage, die vom Museum und Arktis-Wissenschaftszentrum bis hinunter zum Fluss reicht, weist wie ein klammer Finger Richtung Nordpol. Wer dort den Weihnachtsmann vermutet, sucht vergeblich. Santa Claus ist seit 1985 Rovaniemis berühmtester Einwohner, 2010 erhielt die Stadt den Status als offizielle Heimatstadt des Weihnachtsmanns. 365 Tage im Jahr können Kinder und „große Kinder“ – wie der Weihnachtsmann selbst Erwachsene nennt – ihn besuchen. „Bis zum Alter von 100 Jahren sind alle Kinder.“ Der Mann mit dem weißen Bart und der tiefen Stimme lacht sein polterndes „Hohoho“. „Demnächst besucht mich die erste Erwachsene!“ Eine Frau, die 96 war, als sie zum ersten Mal hier war, hat versprochen wiederzukommen, wenn sie ihren 101. Geburtstag feiert.

Das Weihnachtsmanndorf liegt direkt am Polarkreis und ist die berühmteste Attraktion Lapplands. Eine halbe Million Besucher zählt der Weihnachtsmann pro Jahr. Wer dabei an Kitsch und Bling-Bling denkt, irrt. „Wir zelebrieren das traditionelle, finnische Weihnachten“, erklärt Santa bei unserem Gespräch „Ein besinnliches, fröhliches Fest im Kreise der Familie!“ Und zerstreut meine Vorbehalte endgültig mit dem nächsten Satz. „Würden wir alle jeden Tag im Geist von Weihnachten leben, wäre diese Welt ein besserer Ort.“ Der Mann mit den dicken Filzschlapfen ist eloquent, weltoffen, sympathisch, täglich plaudert er mit Kindern aus Japan, dem Libanon oder Südafrika. Manchmal besucht er alte Menschen oder schwer kranke Kinder, die nicht mehr in der Lage sind, zu ihm zu reisen. „Das Glück eines senilen 90-Jährigen, wenn er Santa in den Arm nimmt, sind Momente, die mich tief berühren.“

„Eine einzige Hütte am Polarkreis und rundherum Bäume, nichts als Bäume.“ Inga Pokka-Jääskö lebt schon ihr ganzes Leben hier und erinnert sich, wie alles begann. 1950 besuchte Eleanor Roosevelt Rovaniemi und wollte den nördlichen Polarkreis sehen. „Die Stadtverwaltung baute also hier für sie eine Hütte. Das war der Anfang.“ Die kleine Hütte steht heute noch, neben dem Postamt des Weihnachtsmanns. Und rundherum noch etwa 50 weitere mit Geschäften, Restaurants und Schnee-Action-Anbietern. „Meine Eltern waren die Ersten mit einem Stand. Damals hatten wir oft nur einen Besucher pro Tag. Und der hat nichts gekauft.“ Da war Inga acht Jahre alt. Inzwischen führt sie mit ihrem Mann Marko das „Santa Claus Holiday Village“ mit Restaurant, Café, Souvenirshop und vermietet über hundert traditionelle Holzhäuser. Noch nie haben die beiden Weihnachten zu zweit verbracht. „Da kommt doch Santa zu uns!“ Marko schüttelt entrüstet den Kopf. 150 Kinder und ihre Familien füllen am 24. Dezember die große Lobby-Holzhütte und können ihr Glück kaum fassen, wenn Santa und seine Rentiere vorfahren. „Kannst du dir ein besseres Weihnachten vorstellen?“

Auf den ersten Blick wirkt Rovaniemi wie eine junge Stadt, kaum ein Gebäude ist älter als sechzig Jahre. Und schön ist sie nicht. Bis auf einige wenige Häuser im Zentrum wurde die Stadt im Lapplandkrieg dem Erdboden gleichgemacht. Bilder von damals, die im Arktikum zu bestaunen sind, zeigen ein Trümmerfeld, aus dem nur noch die Schornsteine ragen. „Die Menschen wurden evakuiert, aber als sie zurückkamen, war da nichts mehr.“ Marja Jalkanen führt Interessierte durch das Museum, dessen Ausstellungsräume links und rechts des Glastunnels unter der Erde liegen. Wieder aufgebaut wurde die Stadt mithilfe des berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto. „Den Grundriss der Stadt plante er in Form eines Rentierkopfes, des Tiers, ohne das es uns alle hier nicht gäbe. Wir stehen etwa da, wo sein Auge wäre.“ Auch einige wichtige Gebäude wurden von Aalto entworfen und erbaut, das bedeutendste das Verwaltungs- und Kulturzentrum, bestehend aus Stadthalle, Stadtbibliothek und Lappia Hall, in der unter anderem Rovaniemis international anerkanntes Theater zu finden ist. „In Wahrheit ist Rovaniemi uralt.“ Schon 6000 vor Christus lebten hier nach dem Rückzug der Gletscher die Menschen von Fischfang und Jagd. „Erst mit Beginn des lukrativen Holzhandels vor 200 Jahren begann die Stadt schnell zu wachsen.“ Stundenlang könnte Marja über Rovaniemis Geschichte erzählen, aber das Arktikum ist nicht nur Museum, sondern zugleich arktisches Forschungszentrum. Zu Natur, Umwelt und der indigenen Bevölkerung der Arktis, den Samen, wird hier geforscht. Wir betrachten ihre bunten Trachten und die geheimnisvolle Schamanentrommel, genannt Kannus. „Laut Sami ist sie aus dem Holz des heiligen Weltenbaums gefertigt und dient Schamanen als symbolisches Reittier auf ihren mystischen Himmelsritten.“

Himmelsreisen anderer Art unternimmt Nacht für Nacht der junge Oberösterreicher Jaime Bayer. Schon den dritten Winter geht er als Tourguide auf Nordlichtjagd. Langweilig wird ihm das nicht. „Nordlichter machen süchtig!“ Wer einmal das tanzende Licht gesehen hat, weiß, wovon er spricht. „Jedes Mal anders und jedes mal pure Magie!“ Wir stapfen durch knietiefen Schnee, es geht leicht bergauf. Unser Ziel ist ein baumfreier Hügel im Nationalpark Pisavaara. Seit 800 Jahren leben hier keine Menschen, nur Elch, Wolf und Bär streifen durch die Wälder, und doch gehört dieser Flecken Wildnis zum Stadtverwaltungsgebiet. Von den minus 23 Grad der mondhellen Nacht merkt man in den dicken Overalls nichts, nur das Atmen fällt bei der Anstrengung schwer. Wer seine Kamera nicht dicht am Körper trägt, schießt heute Nacht kein Nordlicht-Foto mehr.

Um das geheimnisvolle Himmelsphänomen Aurora Borealis ranken sich so viele Legenden, wie es Formen und Farben gibt. Meist ist sie grün, bei starker Energie auch violett oder blau. Für die einen sind es Eiskristalle, die der Polarfuchs aus seinem Pelz schüttelt, andere glauben den Tanz verstorbener Jungfrauen zu sehen, die Wikinger erkannten die glitzernden Schilde der Walküren im Kampf. Ich sitze mit Jaime am wärmenden Feuer einer Kota, der traditionellen, runden Holzhütte, und lausche seinen Geschichten bei dampfendem Tee und Rentierbratwurst. „Die Sami sehen in den tanzenden Lichtern ihre Ahnen.“ In dieser Nacht sind Ahnen und Jungfrauen faul, unsere Aurora-Alarm-Apps bleiben stumm, zu schwach ist die elektrische Aktivität.

Die Jahresdurchschnittstemperatur in Rovaniemi beträgt nur 0,3 Grad, nicht selten klettert im Winter das Thermometer auch bei strahlendem Sonnenschein nicht über die Minus-15-Grad-Marke. Das freut Heidi und Ville Haavikko. Bereits das zehnte Jahr bauen sie jedes Jahr ein neues Hotel aus Schnee und Eis. „Als Ville mit der Idee zu mir kam, hab ich gefragt, ob er betrunken ist,“ lacht Heidi. Damals waren beide Studenten, 23 und 24 Jahre alt. Heute haben sie zwei Töchter und beschäftigen vierzig Angestellte. ­„Ville hat sich die Technik selbst beigebracht, jetzt zeigt er Menschen auf der ganzen Welt, wie man aus Wasser Häuser baut.“ Ville liebt es zu tüfteln, zu kreieren. Für ihn also ein Segen, dass seine Bauwerke jeden Sommer dahinschmelzen. „Schon wenn er das aktuelle Hotel baut, macht er Pläne für das nächste.“ Begonnen haben sie mit 30 Eisbetten, heute sind es 84. Wem die minus fünf Grad im Eishotel trotz dicker Rentierfelldecken zu frostig sind, der nächtigt besser wohlig warm und unter Sternenhimmel in einem der Glasiglus. „Einer von uns hat immer Nordlichtdienst. Der bleibt auf und drückt den Nordlichtalarm, der dann in allen Zimmern und den Iglus angeht.“

Eine andere Möglichkeit, das Nordlicht friedlich und mitten in der Natur zu genießen, hat Villes Bruder Olli gefunden. Mit Uni-Kollegen ist ihm eine Sensation gelungen: eSled, das erste E-Snowmobil, wurde hier in Rovaniemi entwickelt, auch Österreichs Skiregionen haben Interesse angemeldet. „Die größte Herausforderung waren Akkus, die bei diesen Temperaturen funktionieren.“ Voll Verachtung wurden die lauten Schneemobile bisher von mir gemieden, jetzt kralle ich meine Fäustlinge in Ollis Overall, als er auf der freien Fläche des Sees Lehtojärvi endlich Vollgas gibt. Kein Lärm, kein Gestank! Eisfischer und Langläufer werden schnell kleiner, bis uns wieder der Winterwald verschluckt. Riesenhaft, wie weiße Kerzen stehen die niedrigen Kiefern, tief gebeugt von der Schneelast. „Tykkylumi“ erklärt mir Olli das Phänomen, das nach Winterwunderland aussieht, aber schlimme Folgen haben kann. Für das finnische „Tykky“, das diese Schneekonsistenz beschreibt, gibt es keine deutsche Übersetzung. Unter dieser schweren, festen Schneemasse brechen die Bäume, im sonst so stillen Winterwald ist ihr Krachen weithin zu hören. Wieder gleite ich fast lautlos durch den Schnee. Durch eine Stadt, die keine Stadt ist, sondern ein urbaner Außenposten inmitten wilder Natur.

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