48 Stunden in Sarajevo

Diese Stadt verbindet den Orient mit dem Okzident wie keine andere in Europa. Dazu serviert die bosnische Gastfreundschaft köstliche Ćevapčići und ausgezeichneten Kaffee

STADTPORTRÄT | STEPHAN WABL | COMPLETE MAGAZIN 2/18

Foto: Kurt Prinz

Wenn Sulejman Hrgic vor seinem Handwerksladen in der Kovači-Straße auf den Hügel auf der anderen Seite der Stadt schaut, hat er die ganze Geschichte Sarajevos im Blick: den osmanischen Bazar mit den vielen kleinen Cafés und Ćevapčići-Restaurants, die beeindruckende Gazi-Husrev-Beg-Moschee, das Rathaus aus der Zeit der Habsburger und die Gondel hi-nauf zur alten Bobbahn, auf der 1984 die olympischen Wintersportler um die Medaillen fuhren. In diesen Momenten wird dem jungen Mann mit den roten Haaren, Sommersprossen und breitem Lächeln klar, warum er seine Heimatstadt so gerne hat. „In Sarajevo vermischen sich der Osten und der Westen mit der Gastfreundschaft des Balkans. Das gibt es in keiner anderen Stadt in Europa.“

Und in der Straße des 32-jährigen Kupferschmieds trifft sich die Welt mit den Einheimischen. Denn während Hrgic den vorbeiziehenden amerikanischen, arabischen, europäischen und japanischen Besuchern mit viel Charme seine Kupferstiche anpreist, bringt der Kellner von Gegenüber eine Runde Kaffee für ihn und seine Freunde. „Hier kennt jeder jeden. Die Kovači-Straße ist nicht nur unser Arbeitsplatz, sondern fast schon unser Zuhause.“ Die Vorbeiziehenden werfen einen kurzen Blick in Hrgics Laden und spazieren weiter zur Gelben Bastion – dem schönsten Aussichtspunkt über Sarajevo. Von hier aus erstreckt sich die Stadt entlang des Miljacka-Flusses schlauchförmig wie ein Miniaturmodell verschiedenster Architekturstile: Die Minarette im alten Bazar werden abgelöst von der Fußgängerzone mit ihren Häusern und Kirchen aus der Gründerzeit und gehen im Westen der Stadt über in endlos aneinandergereihte Plattenbauten aus der Zeit, als Jugoslawien noch existierte. Eingebettet ist dieser jahrhundertealte Mix in sanfte Hügel, die wiederum viel über die jüngste Geschichte der Stadt erzählen. Auf ihnen befinden sich zahlreiche muslimische Friedhöfe mit ihren spitzen weißen Grabsteinen. Viele Einwohner von Sarajevo fanden hier während der dreijährigen Belagerung der Stadt im Jugoslawienkrieg ihre letzte Ruhestätte.

Kulturelles Zentrum des Balkans

Elma Jukovic hat diese Zeit nicht miterlebt. Die 28-Jährige hat die Kriegsjahre mit ihrer Familie in Deutschland verbracht. Heute will die Schauspielerin dort anknüpfen, wo das boomende Kulturleben von damals geendet hat. „Sarajevo war in den 1980ern die kulturelle Hauptstadt des Balkans. In den Bereichen Film, Musik und Literatur ist damals wahnsinnig viel passiert.“ Mittlerweile ziehen vor allem das im Sommer stattfindende „Sarajevo Film Festival“ und das Kunstfestival „Sarajevo Winter“ wieder zahlreiche Künstler und Besucher in die bosnische Hauptstadt. Aktuell ist Jukovic auch am Nationaltheater in Sarajevo zu sehen. Das Theaterhaus am Susan-Sontag-Platz wurde um die Jahrhundertwende vom Architekten Karel Pařík geplant. Der gebürtige Tscheche studierte in Wien an der Universität für bildende Kunst und zeichnete für die Planung von 70 Gebäuden in Sarajevo verantwortlich. Er hat der ehemaligen osmanischen Stadt in der Habsburger Zeit zwischen 1878 und 1918 ihr europäisches Antlitz verpasst. Apropos Habsburger: An der Lateinerbrücke über den Miljacka-Fluss nahm das Ende der Habsburger Monarchie seinen tragischen Ausgangspunkt, als am 28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen wurden. Heute erinnert dort ein kleines Museum an das Attentat. Eine spezielle Stadtführung zeichnet die Ereignisse von damals nach.

Zurück in der Kovači-Straße bringt der Kellner des Cafés „Ministry of Ćejf“ (Ministerium des Vergnügens) eine weitere Runde Kaffee in Sulejman Hrgics Handwerksladen. Neben bosnischem Kaffee hat der Kellner auch arabischen im Angebot. Beide werden auf dieselbe Art zubereitet: Die gemahlenen Bohnen werden in einer Kanne auf dem Herd aufgebrüht und dann in „Fildžan“, kleinen Mokkatassen, serviert. Was ist denn eigentlich der Unterschied? „Der arabische ist stärker, aber sonst sind sich beide sehr ähnlich“, meint der Kellner. Und wie unterscheidet sich wiederum der türkische Kaffee von den anderen beiden? „Der ist irgendwo in der Mitte“, erklärt er, ohne zu zögern. Ganz sicher scheint er sich nicht zu sein, worin genau der Unterschied zwischen bosnischem, arabischem und türkischem Kaffee liegt. In Sarajevo vermischen sich eben Orient und Okzident.

Wer hat die besten Ćevapčići?

In der Zwischenzeit hat Haris im kleinen Handwerksladen Platz genommen. Er ist ein Freund des Kupferschmieds und führt schräg gegenüber ein Geschäft für Metallwaren. Was bosnischen und arabischen Kaffee unterscheidet, interessiert ihn weniger. Ihm ist momentan wichtiger, ob Burgund gegen Blau gewinnt. In den kommenden Tagen steht das Stadtderby FK Sarajevo gegen FK Željezničar Sarajevo am Programm – und Haris ist Fan des FK Sarajevo. „Ich bin in der Nähe des Stadions aufgewachsen und schon mit meinem Vater zu den Spielen gegangen“, erzählt er. Die Heimstätte seines Fußballklubs ist das Olympiastadion im Stadtteil Koševo, in dem die Olympischen Winterspiele 1984 eröffnet wurden. Ein Ereignis, auf das die ganze Stadt noch heute stolz ist. Das Derby wird aber in Grbavica, dem Stadion des Stadtrivalen Željezničar (kurz: Željo), gespielt. Grbavica ist jedem Bosnier ein Begriff. Denn der Bezirk ist so etwas wie eine eigene Plattenbaustadt in Sarajevo – und genau am Stadion vorbei führte während des Krieges die Frontlinie. Der bekannteste ehemalige Spieler des Klubs ist ein gewisser Ivica Osim. Der „Strauß von Grbavica“ führte als Trainer den SK Sturm Graz in den 1990er Jahren zum ersten österreichischen Meistertitel und bis in die Champions League. Auch im Sport war die Stadt immer ein Botschafter der Kulturen.

Das Duell FK Sarajevo gegen Željo findet aber nicht nur am Rasen statt, sondern auch in den Küchen der Stadt. Denn die gleichnamigen Restaurants im Bazar in der Altstadt beanspruchen für sich, die besten Ćevapčići Sarajevos zu machen. Wie in der aktuellen Fußballtabelle haben auch hier die Blauen die Nase vorne. Gekonnt balanciert die Kellnerin mit blauer Mütze und Weste die sechs Tabletts, belegt mit den Würsten aus Lamm- und Rindfleisch im Lepinja-Brot und reichlich Zwiebel, aus der Küche zu den vollen Tischen. Ihr bleibt auch noch genügend Gelassenheit, um mit einem selbstbestimmten Lächeln und einem Augenzwinkern klarzustellen, wer die Ćevapčići-Rangliste anführt: „Željo!“ Wer kann ihr da schon widersprechen?

Kupferschmied Hrgic hat mittlerweile seinen Arbeitstag beendet und schickt sich an, den kleinen Laden in der großen Welt der Kovači-Straße zu schließen. Er macht sich auf in Richtung Bazar. Begleitet wird er von den Stimmen zahlreicher Muezzins, dem Licht des alten Habsburger-Rathauses und dem Duft aufgetischter Ćevapčići. Ein paar Schritte später ist der junge Mann im Herzen der Stadt zwischen Orient und Okzident verschwunden.

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