48 Stunden in Weimar

Die Stadt in Thüringen blickt auf eine lange Geschichte im Zentrum des Kulturgeschehens zurück. Nächstes Jahr feiert man hier 100 Jahre Bauhaus

STADTPORTRÄT | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 3/18

Foto: Karin Wasner

„Der Schiller schaut richtig schnucklig aus.“ Die junge Frau betrachtet prüfend das Selfie, das sie von sich und den beiden bedeutendsten deutschen Schriftstellern gemacht hat. Für Studenten, die es sich in lauen Nächten rund um das Goethe-Schiller-Denkmal gemütlich machen, gehört das Erklimmen von Johann Wolfgang und seinem Kumpel Friedrich ebenso zum Studienerfolg wie die Dissertation. Und 2018 gilt im Unterschied zu 1800: Pic or it didn’t happen.

Wer Weimar hört, denkt sofort an sie: Goethe, Schiller. Sturm und Drang und Weimarer Klassik sind untrennbar mit den beiden Dichtern verbunden. „Der Zauberlehrling“, „Faust“, „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“ – da mussten wir alle durch. Ihre Schöpfer haben hier gelebt und gearbeitet. Und mit ihnen Herder und Wieland, zusammen das „klassische Viergestirn von Weimar“. Immer wieder ein Haus, das stolz ein „Hier wohnte“- oder „Hier speiste“-Schild ins Rennen führt. Verschnarcht und ein bisschen öde erwartet man sich die Stadt. Und wird gänzlich überrascht.

Ja, Weimar ist klassisch schön. Hübsche Fassaden, urige Pflastersteine, schattenspendende Bäume. Holztore. Blumenkübel. Fiaker traben durch die Stadt. Man hat das Gefühl, in ­
15 Minuten so ziemlich überall hinzukommen. Aber irgend­etwas ist hier anders. Warum ist es nicht fad?

„Die Unis bringen uns frisches Blut.“ Anselm Graubner ist Hotelier und Kunst- und Kulturvermittler. Ihn kennt hier jeder. Er ist einer, der etwas bewegt, der dabei ist, wenn etwas passiert. Das Weimarer „Holzhotel“ geht auf sein Konto. „So was kommt raus, wenn ein alter Öko wie ich mal die Chance kriegt, etwas Großes zu verwirklichen.“ Er schmunzelt und erzählt. In einer holprigen Gasse neben Goethes Wohnhaus wurde vor zehn Jahren ein altes Haus versteigert. Anselm borgte sich Geld bei Freunden und griff zu. Mit lokalen Architekten, Designern und Handwerkern entstand ein energieeffizientes Haus mit Wänden aus Holz und Lehm. „So was passiert einem Typ wie mir einmal im Leben, das wollte ich richtig machen.“ Mittlerweile wird er ins Ausland eingeladen, um sein Wissen über Holzbauweise im Stadtzentrum zu teilen. „In einer Stadt wie Weimar darf man nicht nur in der Vergangenheit leben. Ich will an die Zukunft denken, dafür sorgen, dass es lebendig bleibt und sich entwickelt, Dinge ausprobieren.“ Eben hat er wieder etwas „ausprobiert“. Mit Unterstützung der Heyge-Stiftung hat er die alte Notenbank, die seit dem Bankencrash 2009 leer stand, in einen Ort verwandelt, an dem sich etwas bewegt. „Statt Banknoten geht es jetzt um Musiknoten!“ Mit dem Erlös des Gesamtprojekts werden Kinder mit Musik frühgefördert. In Veranstaltungssälen finden Konzerte statt, im ehemaligen Tresorraum probt hinter Eisengittern und zwischen Bankschließfächern eine junge Rockband, wo früher das Westgeld besonders sicher verwahrt worden ist. Designer, Architekten und Mediengestalter mieten sich nach dem Studium in früheren Konferenzräumen ein. Synergien entstehen bei Fahrten im ältesten Lift der Stadt – denn der hat es nicht eilig. „Die jungen Leute sprudeln über vor Motivation und Energie. Und einige bleiben und verwirklichen hier ihre Ideen.“

Etwa 65.000 Menschen leben in der Stadt, davon 6.000 Studenten. Sie studieren entweder an der Bauhaus-Universität oder der Hochschule für Musik. Frische, kreative, leidenschaftliche Geister der Moderne. Einer von ihnen ist Jolande Kirschbaum. „Wir wollen eine neue Art von Gemeinschaft, etwas Anderes, Positives, eine neue Vision!“ Mit fester Stimme zitiert sie aus dem Bauhaus-Manifest des Architekten Walter Gropius. Die junge Studentin führt eine Gruppe Interessierter durch die Gebäude der Bauhaus-Universität. Hier eine Anekdote über van de Velde, dort ein Wandgemälde von Oskar Schlemmer. Jolande studiert im achten Semester Urbanistik, sie kennt jeden Winkel, weiß eine Geschichte zum Holzgeländer und eine zum Türknauf. Derzeit dröhnen die Bagger, vor dem Haupteingang versteht man kein Wort mehr. Das Uni-Gelände wird für das Jubiläumsjahr flott gemacht, am anderen Ende der Stadt ist das neue Bauhaus-Museum beinahe fertig. 2019 feiert Weimar 100 Jahre Bauhaus. Hier wurde es gegründet, sieben von nur vierzehn Jahren, die es bestand, verbrachten die Künstler in Weimar. Vor hundert Jahren wurde aus der biederen Großherzoglichen Kunstschule unter dem belgischen Maler Henry van de Velde und seinem Nachfolger Walter Gropius die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich Architektur, Kunst und Design des 20. Jahrhunderts. Walter Gropius kam nach dem Ersten Weltkrieg aus Wien nach Weimar. Er war es, der der Bewegung ihren Namen gab. „Gropius wollte keine Trennung zwischen Künstlern und Handwerkern, seine Studenten sollten sich als beides verstehen.“ So wie die Kunsthandwerker in den Bauhütten, die im Mittelalter z. B. beim Bau einer Kathedrale rund um das geplante Gebäude errichtet wurden. „Sie alle arbeiteten gemeinsam an einem Gesamtkunstwerk, das vom Kerzenhalter bis zur Fassadenfigur durchdacht war.“ Für Gropius sollte „Bauhaus“ die ambitionierte „Bauhütte“ der Zukunft werden.

Bis heute prägt der Begriff unser Verständnis von modernem Design und Architektur. Das für die international beachtete Ausstellung 1923 entworfene Direktionszimmer Gropius’ würde uns im Ikea-Katalog nicht auffallen, im Deutschland der Zwischenkriegszeit war es ein Skandal. Schüler und „Meister“ arbeiteten und lebten erstmals eng zusammen, auch das war der an strenge Hierarchien gewöhnten Bevölkerung überaus suspekt. „Für das konservative Bürgertum waren die langhaarigen, vegetarisch lebenden Studenten, die im Ilm-Park meditierten, ein Haufen Verrückter.“

Noch heute besinnt sich die Universität auf die Philosophie ihrer Gründer. Gearbeitet wird praxisorientiert und interdisziplinär, im ersten Jahr sollen sich die Studenten ausprobieren. Wie damals liegt der Schwerpunkt auf den Werkstätten und Ateliers, man kennt sich und arbeitet zusammen. „In Weimar ist es leicht, auch mit ganz wenig etwas auf die Beine zu stellen. Hier hast du sofort gute Leute an der Hand, die können, was du nicht kannst.“ Claudia Köcher, die Designerin hinter dem Label Zwillingsnadeln, entwirft, fertigt und verkauft handgemachte Hüte in ihrem wunderschön gestylten Laden in der Windischenstraße. Bella, ein weißer Pudel, schnarcht leise zwischen den außergewöhnlichen Kopfbedeckungen. „Man hilft sich gegenseitig, seine Träume zu verwirklichen.“ Inzwischen hat sie Kunden auf der ganzen Welt, aber auch Stammkunden, die nur wegen ihrer Hutkreationen immer wieder nach Weimar kommen. „Mich fasziniert altes Handwerk. Hutmacher, Federschmuckmacher, so etwas lernt und kann heute kaum noch jemand. Ich will nicht, dass das ausstirbt.“ Sie wälzt Bücher und bringt sich bei, wie man Gänsefedern vom Bauern aus dem nahen Dorf färbt oder Haute-Couture-Stickereien anfertigt. Auch für sie gibt es keine Trennung zwischen Kunst und Handwerk. „Ich bin Künstlerin, die mit den Händen arbeitet.“ Und das oft viele Stunden lang. „Wenn ich eine Idee habe, muss die raus. Dann ist egal, wie lange das dauert oder wer das irgendwann kaufen und bezahlen soll.“ Einen Monat lang knüpfte sie Tausende winzige Tüllstreifen zu zwei Hasenohren. „Die Stadt hat eine besondere Energie. Ich komme hier runter und habe die Muse, meine Visionen umzusetzen.“ Inspiriert wird sie dabei von den vielen kreativen Geistern vor ihr. So war beispielsweise ihr früheres WG-Zimmer das Arbeitszimmer von Wassily Kandinsky.

Um Kreativität geht es auch in der schicken Artographie-Werkstatt von Christiane Werth einige Gassen weiter. Sie hat Mediengestaltung studiert, heute entwirft und produziert sie hübsche Büroartikel. Ihr Geschäft ist voll mit schönen Dingen. „Gerade Gegenstände, die man jeden Tag in die Hand nimmt, sollten doch gut aussehen.“ Der Laden ist aus ihrer Abschlussarbeit auf der Bauhaus-Uni entstanden. „Ich hatte schon das gesamte Konzept, ich musste mich nur noch trauen, es umzusetzen.“

Wenige Schritte weiter öffnet sich die Gasse hin zu einem Platz. Hier befindet sich der Markt voller Historie, so weit das Auge reicht. Die bunten, schmuck renovierten Renaissancebauten an seiner Ostflanke sind Weltkulturerbe, vor ihnen plätschert der älteste Brunnen Weimars. Aus ihm haben schon 1540 die Marktschreier Wasser für die heiseren Kehlen geschöpft. Hier atmet man das klassische Weimar. Wie seinerzeit werden Obst, Gemüse und Kunsthandwerk verkauft, jährlich feiert die Stadt hier den beliebten Zwiebelmarkt. In einer bunten Schlange zwischen Bauarbeitern, Studenten und rüstigen Rentnerinnen mit Spitzensonnenschirm stellt man sich bereits am Vormittag für die Rostbratwurst an.

Durch Frauentor und Schillerstraße, vorbei am Denkmal von Goethe und Schiller macht sich die Gruppe Studenten schmatzend und schwatzend auf den Weg zur Universität. Am Wielandplatz gibt es eine kurze Verzögerung und Gelächter. An diesem Morgen hat Christoph Martin Wieland eine Bierflasche in der Hand. Aber für die jungen Rabauken in ihrem Sturm und Drang hatte der alte Dichter ja schon vor 300 Jahren Verständnis.

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