Auf Cowboys Spuren

Von Cowboyboots bis Ziegen als Bürgermeister: Wo sich der Rio Grande durch die texanische Prärie schlängelt, kann man schöne und schrullige Geschichten erleben

JASMIN KREULITSCH
REISE, COMPLETE MAGAZIN 2/21

Foto: Texas Tourism/Kenny Braun

Juan schnuppert gerne an Leder. Das herbe Aroma begleitet ihn Tag für Tag, wenn er zur Arbeit in die Lucchese Boots Factory kommt. Er öffnet die Tür zur Fabrikhalle – und im Bruchteil einer Sekunde ist man überwältigt von Gerüchen, Geräuschen, Gesprächen; es wird gehämmert, geschliffen und gefärbt. 318 Mitarbeiter kreieren Stiefelmodelle in feinster Handarbeit am Rande von El Paso, wo der Wilde Westen in Texas beginnt.

This boots are made for walkin’

Die westlichste Stadt von Texas liegt direkt an der Grenze zu Mexiko. Vom Herz der Stadt am San Jacinto Plaza sind es nur wenige Häuserblocks in Richtung El Paso Street, die nach Juarez führt, dem mexikanischen Gegenstück auf der anderen Uferseite des Rio Grande. El Paso und Juarez sind durch eine Grenze geteilt, die Menschen sind es aber nicht. Kulturelle Unterschiede verschwimmen und vereinen sich auf beiden Seiten. Arbeiter spazieren jeden Morgen über die Grenze, in den Restaurants brutzeln Burger neben Maistortillas, jeder mixt Spanisch und Englisch. Amerika und Mexiko zelebrieren eine friedliche Koexistenz, auch in der Lucchese Boots Factory. Die Mitarbeiter kommen aus beiden Ländern, sie eint aber eine Mission, die 1883 begann: Damals immigrierte Salvatore Lucchese von Palermo nach Texas und gründete das Unternehmen. Zu dieser Zeit erlebte der Cowboyboot eine Verwandlung. Ursprünglich mit kniehohem Schaft, runder Spitze und halbhohem Ansatz entworfen, waren Kavalleriestiefel der Vorgänger der Cowboyboots. 1875 revolutionierte der Stiefelmacher Charles Hayer die Stiefelform: Nach seinen Entwürfen entstand die spitze Form, damit der Cowboy schneller in die Steigbügel kommt und der hohe und schräge Absatz für einen besseren Halt im Steigbügel und die Möglichkeit, sich beim Lassofang der Rinder in den Boden stemmen zu können. Noch heute wird nach Entwürfen von einst produziert: „Letztendlich machen wir seit 1883 die gleiche Art von Stiefeln“, sagt Juan. Zwei Monate dauert es vom ersten Arbeitsschritt zum fertigen Boot, der währenddessen über rund 130 Arbeitstische wandert. Alle Schritte passieren per Hand, nur wenige Teile des bestickten Leders laufen über Pfaff-Maschinen – der einzige mechanische Arbeitsschritt. Das erklärt die Preise. Zwischen 500 und 13.000 Dollar muss man für ein Paar Lucchese-Boots hinblättern, von denen in der Fabrik 450 Paare am Tag gefertigt werden. Arnold Schwarzenegger nennt angeblich 50 Paar sein Eigen.

Die Wüste trägt Prada

Um Schuhe geht es auch auf einer Straße auf dem Weg nach Marfa. Wo kilometerweit nichts zu sehen ist als verbrannte Erde und schnurgerader Asphalt, steht ein Prada-Store. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset realisierte hier die Kunstinstallation „Prada Marfa“ (zwei Kilometer westlich von Valentine am Highway 90). Zwar ist im Schaufenster die Herbst-Kollektion 2005 von Prada zu sehen, kaufen kann man diese aber nicht. Die Künstler wollten mit dieser unwirklichen Szenerie ein Statement gegen die Konsumgesellschaft abgeben. Auf einer anderen Landstraße thronen indes überdimensionale Figuren im Präriegras am Straßenrand. Auf dem Weg nach Marfa liegt die Little Reata Ranch (sechs Kilometer westlich von Marfa am Highway 90), wo James Dean, Elizabeth Taylor und Rock Hudson in einer Filmkulisse lebendig werden. Grund ist der Film „Giant“ („Giganten“) aus dem Jahr 1956. Damals brachte das Filmstudio Warner Bros den Roman-Bestseller von Edna Ferber auf die Leinwand. Die Kulisse wurde in Hollywood gebaut, mit dem Zug nach Marfa gebracht und vor Ort zusammengesetzt.

Marfa ist ein Kosmos für sich. Geschäfte haben keine Öffnungszeiten. Die Türen gehen auf, wenn die Betreiber ausgeschlafen sind. Viele Kreative leben hier, die sich in der Stille der Stadt verwirklichen wollen; Aussteiger, denen das Leben in US-Großstädten zu hektisch war. Dabei ist Marfa auf den ersten Blick gewöhnlich. Gerade mal 1.981 Menschen wohnen hier. Früher lebte die Stadt von einem großen Viehverladebahnhof, heute ist Marfa ein Ort für Kunst und die Schlagworte Lights, Giant, Prada, Judd, Chinati. Doch was steckt dahinter? Die „Marfa-Lichter“ hüllen den Himmel über Marfa in ein besonderes Licht. Sie erscheinen während der Nacht und werden als kugelförmig, baseball- bis basketballgroß und hell leuchtend beschrieben. Giant meint den Film mit James Dean, Elizabeth Taylor und Rock Hudson, Prada die Kunstinstallation – und Judd und Chinati sind zwei Begriffe, die seit den 70er-Jahren mit Marfa verbunden sind: Donald Judd, einer der bekanntesten Vertreter der Minimal Art, kam in den 70er-Jahren nach Marfa. Seit seinem Tod 1994 betreibt die von ihm gegründete Chinati Foundation das Areal für zeitgenössische Kunst inmitten der texanischen Wüste.

Lajitas: Ziege als Bürgermeister

Es ist auch die Wüste, die allgegenwärtig ist, wenn man sich zum Big Bend National Park aufmacht. Lajitas im südwestlichen Teil des Brewster County gilt als Tor hierfür. Einst lebten mexikanische Indigenenstämme hier, dann kamen die Apachen, später die Comanchen. Erst 1852 wurde das Gebiet von einem US-Offizier näher erkundet. Man entdeckte Quecksilber, und viele Anglo-Amerikaner siedelten sich an. Lajitas entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsplatz. Zumindest bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Als der Quecksilberabbau 1949 zurückging, hatte Lajitas nur noch vier Einwohner. Erst 1976 kaufte ein Unternehmer das Areal und verwandelte es in ein Feriengebiet. Heute gilt Lajitas als Urlaubsort mit schrulliger Attitüde. So ist Clay Henry III., der Bürgermeister von Lajitas, beispielsweise ein Ziegenbock. Was in den 1980er-Jahren als Scherz entstand, ist heute eine Tradition, die mit Augenzwinkern fortgeführt wird: Dankt ein Bürgermeister ab, wird ein neuer gewählt – immer eine Ziege.

Terlingua: Geniale Geisterstadt

Lajitas hat es geschafft, keine Geisterstadt zu werden, anders ist das in Terlingua. Zwischen feinem Wüstenstaub und saftigen Kakteen thronen Ruinen verlassener Häuser, mit schiefen Steinwänden und von Wüstengras überwuchert. Auch hier spielte im 19. Jahrhundert Quecksilber die Hauptrolle, doch mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Anfang der Großen Depression ging der Quecksilberabbau zurück. 1946 verließen die letzten Minenarbeiter die Stadt – und Terlingua wurde zur Ghost Town. Rundum nur Wüste und Prärie, im Dorf wenige Häuser und Wohnwägen, darunter viele Aussteiger. „Ich muss sieben Stunden fahren, um gutes Sushi zu bekommen“, erzählt John, einer der Bewohner. Er trägt Cowboyboots und -hut und kommt jeden Abend zu The Porch, um ein Bier zu trinken. The Porch, eine breite Veranda vor dem „Starlight Theater Restaurant and Saloon“, ist das Herz von Terlingua. Hier trifft man sich bei Sonnenuntergang. Da das Gelände in Privatbesitz ist, darf man Alkohol ohne Papiersackerl im Freien trinken und dabei zusehen, wie der Sonnenuntergang in den Sternenhimmel übergeht. Ist die Sicht klar, erkennt man das 80 Meilen entfernte Gebirge Santa Fe de Los Pinos in Mexiko.

Die Einsamkeit der texanischen Wüsten-landschaft offenbart sich im Big Bend National Park. Er ist nicht der größte, aber der artenreichste Nationalpark der USA. Da die Höhe des Parks von 500 Metern bis zu 2.300 Metern reicht, gibt es eine Vielfalt an Lebensräumen und Tier- und Pflanzenarten. Der größte Teil gehört zur Chihuahua-Wüste, die tief bis nach Mexiko reicht, es ist aber der Rio Grande, der als Konstante gilt: Der Fluss mäandert wie ein langes Band durch die Wüste und die Bergketten. Auf einer Fläche von fast 3.300 km² ist die Big-Bend-Region ein Symbol für die unendliche Weite von West-Texas und jene ausgedehnten Prärie- und Wüstenflächen, wo der Horizont niemals zu enden scheint. Staubige Wüstenebenen mit saftigen Yuccas und Kakteen, hohe Berge mit tiefen Canyons, dazwischen eine gewundene Straße, auf der man stundenlang keinem anderen Auto begegnet. Kein Wunder, dass die ersten spanischen Entdecker diese Gegend „El Despoblado“ – „Das unbewohnte Land“ – tauften.


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