British Columbia

Eine abenteuerliche Reise durch die westlichste Provinz Kanadas – von der Pazifikküste bis zu den Rocky Mountains

REISE | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 2/16

Foto: Karin Wasner

Ein ohrenbetäubendes Tuten ertönt, als die Fähre vom Dock mit dem klingenden Namen „Tsawwassen“ Richtung Vancouver Island ablegt. Möwen und Wasserflugzeuge landen und starten unermüdlich auf den dunklen Wellen des Pazifischen Ozeans, der mich umgibt. An Deck machen Menschen in bunter Funktionskleidung mit stoß-und wasserfesten Mobiltelefonen Fotos voneinander. „Awesome!“, tönt es überall, als wäre es ein Code unter Kanadareisenden. Unter Deck warten die dazu passenden Vehikel auf ihren Einsatz. Vom 60-m2-Mobile-Home mit Designerküche bis zum rostigen VW-Bus mit Peacezeichen am Heck und Surfbrett am Dach ist alles dabei. Jedem seine eigene Vorstellung von Abenteuer.

Zwei Stunden dauert die Fahrt durch den Strait of Georgia. Die 30 km breite Wasserstraße trennt das Festland British Columbias von der größten Insel Kanadas. Wir schippern vorbei an tiefgrün bewaldeten Fjorden. Am Ufer sehe ich kaum ein Zeichen menschlicher Zivilisation.

Am Pier in Nanaimo winkt Nadine Chodl. Die junge Deutsche kam vor sieben Jahren zum Studieren nach Kanada und wollte nicht mehr weg. Neben der Uni jobbte sie als Wanderguide, inzwischen arbeitet sie bei Vancouver Island Tourismus. „Wenn man die Natur liebt, gibt es keinen besseren Ort!“, lacht die sportliche Blondine. „Die Insel ist ein Outdoor-Paradies. Ich wandere und paddle seit Jahren fast jedes Wochenende mit Freunden und hab’ erst einen Bruchteil gesehen.“ Der höchste Berg der Insel ist über 2.000 Meter hoch, die Strände an der Westküste sind als Surfer-Eldorado weltbekannt, die Fjorde und Seen ideal für Kajakfahrer. Vancouver Island beherbergt Küstenregenwälder, in denen Douglasien Wuchshöhen bis zu 100 Meter erreichen. Zwischen den uralten Bäumen jagen Schwarzbären, Pumas und Wölfe. Etwa zwanzig Prozent der Inselfläche sind heute als ökologische Reservate unter Schutz gestellt.

Das war nicht immer so. Um mehr zu erfahren, muss ich auf die andere Seite der Insel, nach Ucluelet, wo Ted Eeftink seit über 20 Jahren Paddel-Touren organisiert. Ich sitze in einem roten Seekajak. Ted, ein Mann mit von der Sonne gegerbter Haut, in einem blauen. „Hier stand viel auf dem Spiel. Vielleicht alles“, sagt Ted. Er war dabei, als in den frühen 90ern die Clayoquot-Proteste in die Geschichte eingingen. „Unser friedlicher Protest gegen die Holzindustrie und deren Kahlschlag war damals der größte Akt zivilen Ungehorsams in Kanada. Er ist bis heute Symbol für den Konflikt Naturschutz und Forstwirtschaft“, erinnert er sich und kann seinen Stolz nicht verbergen. Sein Paddel sticht Ted währenddessen so gekonnt ins türkisblaue Wasser des Clayoquot Sound, dass ich kaum mithalten kann. „Seite an Seite mit den First Nations haben wir die Holzrouten nach Meares Island blockiert. Für die indigenen Völker der Tla-o-qui-aht ist das bis heute ein spiritueller Ort und die wichtigste Trinkwasserquelle der Region.“ Heute ist das Gebiet Teil des Pacific Rim National Parks und als UNESCO-Biosphären-Reservat streng geschützt. Und es gibt noch mehr gute Neuigkeiten: Diesen Februar hat British Columbia nach zehnjährigen Verhandlungen einen umfassenden Schutzplan verabschiedet, der einen Küstenregenwald von der Größe Belgiens vor der Abholzung bewahrt.

Naturschutz ist auf Vancouver Island zentrales Thema. „Hier wurde Umweltschutzgeschichte geschrieben!“, bestätigt auch Kati Martini, die Chefin von Remote Passages Marine Adventures. Im Surferdorf Tofino veranstalten sie und ihr Mann Don Travers Whale-Watching-Exkursionen, um ihre Leidenschaft für das Meer und seine Bewohner mit anderen zu teilen. „Bei uns in Vancouver wurde 1971 Greenpeace gegründet. Mit einem alten Fischkutter haben sich hier im Pazifik die Umweltschützer zwischen Wale und sowjetische Harpunen gestellt.“

In einem gefütterten Wind-und-Wetter-Overall und Schwimmweste besteige ich mit anderen Interessierten eines ihrer knallgelben Zodiaks. In wildem Tempo preschen wir aufs offene Meer, wo wir tatsächlich Grauwale, Seelöwen und Otter erspähen. Bei diesem Anblick wird mir auch klar, warum Whale Watching sehr wohl mit Artenschutz zu tun hat. „Du liebst, was du kennst, und du beschützt, was du liebst“, erklärt Kati ihre Philosophie.

Die Tatsache, dass sie und ihr Mann den Menschen ermöglichen, die Tiere in freier Wildbahn zu beobachten, bewahrt sie. „Oft geht’s ja leider nur ums Geld. Wir geben den Tieren lebendig einen Wert.“ Die beiden arbeiten eng mit verschiedenen Forscherteams zusammen. Sie liefern wertvolle Daten über Walsichtungen und unterstützen mit einem Teil ihrer Einnahmen verschiedene Umweltprojekte.

Von der maritimen Wildnis der Insel fällt mir der Abschied nur deshalb nicht ganz so schwer, weil schon das nächste Abenteuer wartet. Nordöstlich ins Landesinnere führt mich meine Route in den Wells Gray Park. Hier vermute ich das klassische Kanada der Trapper und Goldsucher und hoffe, auf Bären, Elche und Caribous zu treffen. Auf den 5.400 km² des Parks gibt es sechs große Seen. Einer davon ist der Clearwater Lake. An seinem Ufer hat sich Gord Jones ein eigenes, kleines Paradies geschaffen. Mit einer Tasse dampfenden Kaffees empfängt er mich viel zu früh am Morgen auf der hölzernen Veranda seines kleinen Osprey Cafés. „Als ich hierher kam, war hier nichts.“ Und dazu sollte erwähnt werden, dass hier für meine Begriffe immer noch ziemlich viel Nichts ist. Gord kündigte seinen Job bei der Eisenbahn und begann mit dem Vermieten von einigen Booten mitten im Provincial Park ein neues Leben. Seine Frau Doris ist Künstlerin und mit ihren Eltern schon als Kind von Bad Ischl nach Kanada ausgewandert. Zum Malen zieht sie sich oft tagelang in die Einsamkeit der Natur zurück. „Meine Frau macht den besten Cranberry-Kuchen Kanadas“, zwinkert er mir zu und springt auf, um den Beweis aus der Küche zu holen. „Das Rezept ist von ihrer Grandma aus Österreich.“ Das Café und die Lake-Tours, die er organisiert, sind Familiensache. Gord geht morgens um drei fischen, um anschließend die Forellen für die Sandwiches zu räuchern. Sein Sohn Raymond arbeitet als Guide und begleitet Abenteuerlustige auf ihren Touren durch den Nationalpark.

Mehrere Tage durch ungezähmte Wildnis ist man mit dem Kajak oder Kanu unterwegs zum Rainbow Fall, einem mächtigen Wasserfall am Ende des Azure Lakes. Zwischen Cranberry-kuchen und dem Beweisfoto vom Wasserfall liegen Blasen an den Händen, heftige Regenschauer, knackende Lagerfeuer, kühle Nächte im Zelt, kreisende Weißkopfseeadler, Pumaspuren im Sand und immer wieder dieses Bild von Kanada, wie man es aus „Universum“-Dokus im Kopf hat: grüne Wälder auf Bergrücken, die sich im klaren Wasser spiegeln. Die innere Ruhe, die sich einstellt, wenn man tagelang übers Wasser gleitet, ist unbeschreiblich. Keine Nachrichten, kein Whatsapp-Piep, keine Autohupe. Man ist aus der Welt gefallen und sie dreht sich trotzdem weiter.

Zurück in der Zivilisation suche ich schnell wieder den Ausgang. Diesmal allerdings nicht mit leisen Paddelschlägen, sondern mit lauten Rotoren. Ich stehe auf einem weißen, auf den Asphalt gemalten Kreuz und ziehe den Kopf ein. In dem Helikopter, der soeben die Motoren angeworfen hat, sitzt Michelle Wiegele und ruft mir etwas zu, das ich nicht verstehen kann. Michelle ist die Tochter von Mike Wiegele, dem Heliskiing-Pionier, und Geschäftsführerin des weltweit bekannten Resorts in der Stadt Blue River. Sie nimmt mich mit auf einen Helikopter-Versorgungsflug zur Grizzly Hut mitten in den Monashee-Bergen. Im Winter bietet die Blockhütte den Heliskiern Unterschlupf. Der Himmel ist nebelverhangen, die Berge und ihre Gletscherfelder sind mystisch verhüllt. Endlich sehe ich meine ersten Bären in den Flüssen unter mir plantschen. „Was du da siehst, sind im Winter fast 5.000 km² Skigelände mit schönstem Powder“, schwärmt Michelle. Ihr Vater, Mike Wiegele, war ein Draufgänger, wie viele der Abenteurer und Auswanderer, die ich hier treffe. Der junge Kärntner kehrte 1959 mit nur einundzwanzig Jahren der Heimat für immer den Rücken. 1970 gründete er das weltweit führende Unternehmen für Heliskiing. Während der Skisaison beschäftigt die Familie „Weeglee“, wie die Kanadier Wiegele aussprechen, an die 200 Mitarbeiter. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Michelles Begeisterung für die Berge ist ansteckend. Ich will jetzt hoch hinaus: in die Rocky Mountains. Schon seit ich von der Fähre gestiegen bin, türmen sie sich wie eine kitschige Fototapete am Horizont auf. Ihre höchste Erhebung in Kanada, der Mount Robson mit stolzen 3.954 Metern, ist mein Ziel. Eine mehrtägige Wanderung führt vorbei am Postkartenmotiv Kinney Lake durch das Tal der Tausend Wasserfälle bis zum berühmten Berg Lake, der von drei Gletschern gespeist wird. Die Blasen bekomme ich diesmal an den Füßen.

Unwirklich blau ist das Wasser des Sees, die türkis schimmernde Gletscherzunge reicht bis ans Ufer. Dahinter ragt die fast senkrechte, über 2.300 Meter hohe, schneebedeckte Nordwestseite des Mount Robson empor. Im ersten Moment bin ich sprachlos – und das nicht nur, weil mir die Puste fehlt. Dann aber erwischt es auch mich: „Awesome …!“

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