Das Land aus dem Bilderbuch

Ob in Edinburgh, den Highlands oder an der Westküste – Schottland ist fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein

REISE | ELISABETH SCHEPE | COMPLETE MAGAZIN 3/16

Foto: Karin Wasner

Im kniehohen Gras stehend zeigt uns Gilbert Summers die Stadt, die sich rund um uns ausbreitet. Der Nordwind pfeift über Arthur’s Seat, Edinburghs natürlichen Aussichtspunkt und „Hausberg“ – wenn man bei 251 Höhenmetern denn so will. Gilbert, in seinem Safari-Outfit für jegliche Wetterphänomene und Klimazonen gerüstet, nennt Schottland liebevoll ein „Schlachtfeld von Wetterströmungen“. Davon bekommen wir an diesem sonnigen Herbsttag Gott sei Dank kaum etwas mit. „Bis zur Grenze nach England sieht man hier“ – Gilbert klettert auf einen Felsen und zeigt Richtung Süden. Nördlich dieser Grenze, die zuletzt beim Brexit deutlich wurde, beginnt das Land der Schotten. Und die Schotten lieben ihr Land. Schon in Edinburgh beginnen wir zu verstehen, warum. Die Stadt liegt wie Rom auf sieben Hügeln, auf einem von ihnen thront das Schloss. Bis zu seinen Toren hinauf führt die Royal Mile, jene berühmte Straße, die sich an historischen Fassaden entlang ihren Weg bahnt. Gemeinsam mit Stadtführer Gilbert schlendern wir auf dieser Straße der Straßen an gemütlichen Pubs und jeder Menge Kilt-, Whisky- und Kaschmirshops vorbei. Etwas unterhalb der Royal Mile zeigt uns der pulsierende Grassmarket die aufgeweckte, internationale Seite der Altstadt. Streetfood-Stände mit Spezialitäten aus Afrika bieten hier neben alteingesessenen Pubs, italienischen Restaurants und Gastgärten mit bunten Tischen und Stühlen genau das richtige Flair für ein Glas Guinness.

Am nächsten Tag landen wir nach dem ersten Linksverkehr-Schreck heil in Dunkeld am Fluss Tay, dem ersten dieser friedlichen schottischen Örtchen, die mit ihren Steinhäusern, Blumengärten und rauchenden Kaminen direkt einem Kinderbilderbuch entsprungen sein könnten. Craig Stuart knattert in seinem Pickup die Hauptstraße von Dunkeld entlang. In Wanderschuhen, Fließpulli und Shorts öffnet er seinen Juwelierladen. Den Schmuckdesigner sieht man ihm erst an, als er konzentriert hinter seiner hölzernen Werkbank sitzt und mit einem feinen Messer eine Brosche bearbeitet. „Mein Schmuck hat mit der Landschaft zu tun. Er soll darstellen, wie sich die Natur ihr Land wieder zurücknimmt“, sagt Craig und erklärt uns, wie er Schichten von Edelmetallen kombiniert und sie zu einem Muster verschmelzen lässt, das an fließendes Wasser erinnert.

Nach Dunkeld begleitet uns der Fluss Tay noch ein Stück weiter, bevor wir sein Ufer in Richtung Norden verlassen und die Straße in den Cairngorms-Nationalpark, den größten der Britischen Inseln, nehmen. Violette Hügel voller wilder Erika begleiten uns auf unserem Weg, grasende Schafe sprenkeln als weiße Punkte die Hänge, Flussarme bahnen sich den Weg durch die Ebene. Eine Landschaft, so weich und gemütlich, dass man sich am liebsten hineinlegen möchte. Irgendwo müsste jetzt eigentlich noch ein Dudelsack spielen. Hier, mitten im schottischen Nirgendwo, empfängt uns Walter Micklethwait im karierten Flanell-Hemd auf seinem Hof. Neben gackernden Hühnern und allerlei kuriosen Sammlerstücken, Gefährten und Gerätschaften steht der Schuppen, der im britischen Fernsehen ob seiner ausgefallenen Einrichtung zum „shed of the year“ gekrönt wurde. In diesem preisgekrönten Schuppen stellt Walter seinen Crossbill Gin her. Vor wenigen Jahren noch Antiquitätenhändler in London, übernahm er 2007 die Farm seiner Großeltern und bastelt seither an allen möglichen Ideen he-
rum. „I like things“, sagt er achselzuckend und zeigt uns seine neuesten Projekte. So hat er einen alten Militärtruck zur Bed-&-Breakfast-Unterkunft umfunktioniert oder aus einem Pferdeanhänger eine mobile Gin-&-Tonic-Bar gebastelt. Die Gin-Idee kam Walter ausgerechnet in einem Pub, wo er auf den Destillateur Jonathan Engels stieß. Jonathan hatte das Know-how, Neu-Schotte Walter die Wacholderbüsche. Eben jene steuert Walter nun mit seinem dreckbespritzten Range Rover an und zeigt uns, wie er die reifen blauen Beeren erntet, die am Ende den einzigartigen, hundertprozentig schottischen Gin ergeben.

Wir bleiben gleich beim starken Alkohol. Etwas weiter nördlich, am Gelände der Tomatin Destillery, führt uns Scott Fraser, der das Visitor Centre leitet, vorbei an überdimensionalen Kesseln, in denen aus Wasser, Gerste und Hefe Single Malt entsteht. „Das Wasser kommt von den Bergen da drüben“, sagt Scott und zeigt aus dem Fenster der Halle. Auf nachhaltige und lokale Produktion wird bei Tomatin besonders geachtet. Zwölf Jahre oder länger reift der Whisky in Eichenfässern, bevor das schottischste aller Getränke genossen werden kann. „Es ist ein Kompliment, dass so viele Leute versuchen, schottischen Whisky zu kopieren“, sagt Scott, krempelt die Ärmel hoch und schenkt Kostproben seiner besten Tropfen ein. Eines gibt er uns noch auf den Weg mit: „Hör nicht auf Leute, die dir sagen, wie Whisky schmecken soll. Whisky ist immer Ansichtssache.“

Von der Tomatin Destillery geht es immer weiter hinein in das schroffe Herz der Highlands. Ortsschilder tragen hier neben den englischen auch unaussprechliche gälische Namen, die Hügel werden felsiger, die Wiesen steiler und die Siedlungen seltener. Immer wieder steht ein einzelner Vogelbeerbaum in der Landschaft. Der „Rowan Tree“ soll – so die Volkskunde – die Bewohner der Highlands vor Hexen schützen.
Die Schotten blicken auf eine blutige Geschichte von Aufständen gegen England, aber auch von Rissen innerhalb ihrer Nation zurück. Am Ufer von Loch Shiel, einem der malerischsten Seen im schottischen Hochland, thront auf einem Turm die Statue eines hünenhaften Highlanders im Kilt. Hier hisste 1745 Bonnie Prince Charlie seine Standarte. Sein Vater war der im Exil lebende James Francis Edward Stuart – laut seinen vor allem in Schottland zahlreichen Unterstützern, den Jakobiten, der rechtmäßige
englische Thronfolger. Bonnie Prince Charlies Jakobitenaufstand, unterstützt von schottischen Clans, wurde nach nur einem Jahr von britischen Regierungstruppen niedergeschlagen. Der unglückliche Prinz musste sich in den Highlands verstecken und schließlich fliehen. Heute genießen Touristen direkt unter dem Kilt seiner Statue eine fabelhafte Aussicht auf den See und die umliegenden Berge.

Direkt hinter dem Denkmal rattert eine Eisenbahn über das Glennfinnan-Viadukt. Sie hielt für diverse Szenen der „Harry Potter“-Saga als „Hogwarts Express“ her. Am Ende der Zugstrecke wartet zwar keine Zauberschule, dafür Mallaig, der letzte von vielen kleinen Orten an der Westküste. Gerade legt die Fähre Richtung Isle of Skye ab, Kutter trudeln ein, Fischer in gelben Gummistiefeln tragen Kübel mit dem frischen Fang durch den Hafen. Weiße Strände, karibikblaues Meer und Kinder, die im Sonnenschein Sandburgen bauen, lassen fast vergessen, dass wir immer noch in Schottland sind. Als wir in das Landesinnere fahren und uns im Pub eine große Portion schottischer „Haggis“ – faschierte Schafsinnereien vermischt mit Hafermehl – serviert wird, sind wir uns aber wieder ziemlich sicher. Zum Frühstück am nächsten Morgen gibt’s Blutwurst.

Hier, zwischen steilen Berghängen, liegt das Glen-Coe-Tal, ein Paradies für Kletterer, Wanderer und die Filmindustrie. Produzenten von „Highlander“ oder „Braveheart“ haben das Potenzial dieser Gegend erkannt und sie auf internationale Leinwände gebracht. 2003 wurden hier außerdem Teile von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ gedreht. Auch James Bonds Familienanwesen, das in „Skyfall“ zum zentralen Schauplatz wird, liegt ganz in der Nähe, im malerischen Glen-Etive-Tal.

Im Rückspiegel werfen wir einen letzten Blick auf die beschneiten Berggipfel, während sich vor uns das blitzblaue Wasser des Rannoch-Moors ausbreitet. Wie so oft auf dieser Reise folgt ein Postkartenmotiv dem anderen. Und das ist – obwohl Schottlands Charme schon längst kein Geheimnis mehr ist – immer wieder kaum zu glauben.

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