Der Balkon Europas

In Georgien erwartet Reisende eine prall gefüllte Wundertüte

REISE | WALTER M. WEISS | COMPLETE MAGAZIN 1/17

Foto: Walter M. Weiss

Die Legende, die uns Mariam gleich am ersten Abend bei einem Glas Roten erzählt, geht so: Als Gott, der Schöpfer, alles Land der Erde an die Völker verteilt hatte, traten als letzte die Georgier vor ihn hin. Auf die Frage, weshalb sie so spät kämen, bekannten sie freiwillig und fröhlich: „Wir haben ein paar Flaschen guten Weins auf dein Wohl geleert.“ Da habe der Allmächtige milde gelächelt und gemeint: „Dann also, meine Kinder: Die Erde ist bereits vergeben. So will ich euch ein Stück von meinem Paradies überantworten.“

„Nein“, fügt unsere Reisebegleiterin gleich an, „durchwegs ein Garten Eden ist meine Heimat keineswegs.“ Georgien hat sehr wohl seine rauen, abgründigen Seiten. Auch wurde es von seinen türkischen, persischen und russischen Nachbarn über die Jahrhunderte oft arg drangsaliert. Andererseits steckt in der Geschichte doch auch ein Korn Wahrheit. Denn diese kleine Nation, die sich angesichts ihrer historischen Erfahrungen gerne als „Balkon Europas“ bezeichnet und sich nach Nähe zu EU und NATO sehnt, ist in der Tat ein besonderer Flecken Erde. Seine landschaftliche Vielfalt ist, gemessen an einer Fläche von gerade einmal 70.000 Quadratkilometern, enorm: ewiges Eis auf wild zerklüfteten Fünftausendergipfeln. Am Schwarzen Meer, im Westen, von Palmen gesäumte Badestrände. In deren Hinterland subtropische Gärten. In entgegengesetzter Himmelsrichtung eine Halbwüste mit bunten, baumlosen Felsen. Und dazwischen weitläufige dichte Wälder und fruchtbare Felder.

Der von Mutter Natur so überreich gedeckte Gabentisch trug wohl dazu bei, dass die Heimat von heute 3,7 Millionen Menschen allzu oft die Begehrlichkeit anderer Völker weckte. Das begann in der Frühantike mit dem Zug der griechischen Argonauten, die, wie aus dem Schulunterricht vielleicht erinnerlich, in der Kolchis, dem heutigen Westgeorgien, unter Führung Jasons und mithilfe Medeas dem Goldenen Vlies nachjagten. Es gipfelte in der Ära des Georgiers Stalin. Ihm wird in seinem Geburtsort, dem Städtchen Gori, übrigens immer noch mit einem pompösen Museum so frag- wie sehenswürdig gehuldigt.

Exemplarisch lassen sich die zahlreichen Heimsuchungen am Schicksal der Hauptstadt Tbilisi alias Tiflis festmachen. Seit ihrer Gründung vor 1.500 Jahren wurde sie 40 Mal zerstört. Man sollte meinen, ein so verheerendes Los hätte ein Volk dauerhaft gebrochen. Das Gegenteil ist der Fall. Vielleicht haben gerade die multiplen Traumata bei den Georgiern das Bewusstsein für die Kostbarkeit jedes Augenblicks geschärft; sie Lebenskünstler werden lassen, die Feste aus Überzeugung feiern, wie sie fallen, und für einen guten Tropfen sogar ein Rendezvous mit Gott sausen lassen.

„Was du verschenkst, ist dein, was du behältst, auf ewig verloren.“ Mit diesem Spruch und gefülltem Trinkhorn prostet uns Awtandil Katrikadze zu. Der Ex-Profifußballer betreibt in Chokhatauri, Provinz Gurien, eine schmucke Pension. Er hat wie alle Georgier das Gebot der Gastfreundschaft verinnerlicht. Hier wird der Fremde mit Darreichungen und Aufmerksamkeit regelrecht überschüttet. Taucht einer auf, eilt die Kunde von Nachbar zu Nachbar, von Freund zu Freund. Tische werden zusammengerückt, Gläser geholt, Flaschen entkorkt. Und in den Küchen beginnen die Frauen zu zaubern.

So tischt auch Awtandils Frau Denkwürdiges auf: ein Vorspeisen-Potpourri mit Chinkali und Chatschapuri, den legendären fleischgefülllten Teigtaschen und käsebelegten Teigfladen, Variationen von Huhn, Rind, Lamm und raffiniert gewürzte Eintöpfe. Ebenso denkwürdig gestaltet sich der Ablauf des Abends: Denn ein georgisches Gastmahl, eine „Supra“, unterliegt nach uralter Sitte einem so strengen wie poetischen Reglement. Im Zentrum steht eine endlose Serie an Trinksprüchen, die ein Tischmeister, der „Tamada“, den Anwesenden reihum zuteilt. Die Toasts folgen dabei einem fixen Themenkanon: Der erste gilt der Gastgeberfamilie. Es folgen Eltern, Freunde, Verwandte, der Frieden sowie die Vergangenheit und Zukunft des Landes. Auch der Ahnen und Helden wird gedacht. Irgendwann wechselt Awtandil zu abstrakten Tugenden – Liebe, Freundschaft, Humanität, Edelmut. Am Ende besiegeln wir das Besagte mit einem herzhaften Schluck und inbrünstig geschmetterten „Gaumardschos!“.

Apropos „Zum Wohl!“: Ein Generalthema ist der Wein. Und zwar seit etwa 8.000 Jahren. Die östliche Provinz Kachetien gilt als älteste Anbauregion der Welt. Inzwischen produziert man hier auf technologisch modernstem Niveau köstliche Tropfen. In den kleineren Betrieben ist bis heute eine spezielle naturnahe Herstellungsmethode in Gebrauch: Die Trauben werden mit bloßen Füßen in Bottichen zerstampft, hernach in tönernen Riesenamphoren gelagert. Diese „Qvevris“ werden in den Kellerboden eingelassen, damit kein Schimmelpilz eindringt, mit einem durch Ton und Holzasche abgedichteten Stein versiegelt und erst Monate später nach völliger Ausreifung wieder geöffnet.

Die kulinarischen Genüsse sind freilich nur ein kleiner Teil im Mosaik der georgischen Attraktionen. Da warten quirlige geschichtsreiche Städte wie Kutaisi, der Hafen Batumi oder, geradezu toskanische Leichtigkeit verströmend, Signagi. Luft- und Thermalkurorte locken, Ferienstrände, Schlossanlagen wie in Akhaltsikhe, archaische Höhlensiedlungen, Fundgruben für antike Goldschätze – kurz: die touristische Überraschungstüte ist prall gefüllt. Auch Aktivsportler haben die Qual der Wahl: Ob man per Schlauchboot oder von der Luft aus Canyons erkundet, labyrinthische Tropfsteinhöhlen durchwandert, sich zum Klettern oder Trekking im Kaukasus tummelt oder ebendort im Winter die Piste hinunterfegt. Überhaupt die Gebirgsregionen! Swanetien, Chewsuretien und, ganz im Osten, das nach wie vor nur in vielstündiger Anfahrt über ein schwindelerregend schmales Sträßchen erreichbare Idyll Tuchetien: Dort sind die Menschen im Alltag noch hoch zu Ross unterwegs und huldigen heidnischen Bräuchen. Die Dörfer kleben mit ihren steinernen Wohntürmen so pittoresk wie wehrhaft an steilen Hängen. Und die Kulisse bilden Wälder, Hochweiden, von Schafherden bevölkert, ein Kranz schroffer Gipfel, und Bergwiesen, die im Frühsommer so unbändig blühen und duften, dass man sie ein Leben lang nicht vergisst.

Dann wäre da noch die Orthodoxie, der Glaube: Die Georgier haben schon im Jahr 350, als zweites Volk nach ihren armenischen Nachbarn, das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Mtskheta, Alaverdi, Ikalto, Gelati, Nikortsminda, Tsromi, Samtavisi, Davit Garedscha und natürlich Tbilisi – das Land ist ein Fest für Freunde kostbarer Sakralarchitektur, gespickt mit methusalemischen Klöstern und Kirchen. Zur Sonntagsmesse sind die Gotteshäuser voll. Dann sieht man Jung und Alt mit Inbrunst knien, beten und mit oft herrlich sonoren Stimmen zur Liturgie singen.

Wie in einem Brennglas gebündelt finden sich all diese Vielfältigkeiten und Gegensätze in der Hauptstadt. Tbilisi verströmt eine merkwürdige Melange von Atmosphären: halb mediterran, halb orientalisch, versetzt mit einer Portion real existierender Desolatheit Moskauer Provenienz. Hinzu kommen im denkbar krassen Kontrast zur verbreiteten Armut eine gesalzene Prise Neureichen-Protz und, typisch für Zeiten des Umbruchs wie diese, eine Art tropisches Gründerklima, erkennbar an den vielen neuen Lokalen und Läden, an manch ambitioniertem Büroturm und auf Hochglanz renovierten historischen Gebäuden. Es ist eine einnehmende Stadt – nicht ohne Schwermut, aber doch auch sehr heiter, mit krummen, holprigen Gassen im Zentrum und Häusern mit aufwendig geschnitzten Holzbalkonen; geradezu mondän hingegen und gespickt mit hochkarätigen Museen und Musentempeln entlang der Flaniermeile Nummer eins, des Rustaweli-Boulevards. In den öffentlichen Parks sitzen Männer grübelnd über Schachbretter gebeugt oder vor Stapeln antiquarischer Bücher, die sie zur Aufbesserung ihrer Mini-Renten feilbieten. Und an Sommerabenden, wenn sich die Hitze, für die das felsige Tal des Mtkwari-Flusses berüchtigt ist, etwas gemildert hat, plätschert auf den Veranden und Außentreppen die Geselligkeit des Südens dahin. In den schickeren Vierteln, in und vor den trendigen Clubs und Bars in der Chardin-Straße zum Beispiel, flirten derweil scharenweise Studenten, mit Smartphones bewehrt, um die Wette.

Im Epizentrum dieser Ausgehzone, der Leselidse-Straße, zeigt uns Mariam am letzten Tag der Reise stolz ein Sammelschild. Es weist Passanten den Weg zur nächsten Basilika und Kathedrale, zu einer armenischen Kirche, einer Moschee und einer Synagoge. Diese friedliche Koexistenz, die hier den Glaubensgruppen seit Jahrhunderten weitgehend problemlos gelingt, und der zukunftsfrohe Geist, der Georgien heute beseelt, prägen sich bei jedem Reisenden ein. Sie sind nur zwei Gründe, warum man von dem ungewöhnlichen Land im Südkaukasus noch viel hören wird.

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