Der Dauerbrenner

Österreichs bester Skifahrer Marcel Hirscher geht auf seinen sechsten Gesamtweltcupsieg in Folge los – auch wenn er das selbst nicht so sagen würde

INTERVIEW / PORTRAIT | DAVID SCHWARZENBACHER | COMPLETE MAGAZIN 3/16

Foto: Atomic/Mirja Geh

„Warum tun Sie uns das bloß an?“, fragt der Reporter vom norwegischen Fernsehen. Er ist verschwitzt wie nach einem Marathon. Auch seine Kollegin mit der Kamera auf der Schulter hat einen hochroten Kopf. Kein Wunder, es ist warm an diesem Sommertag und der Weg ist steinig und steil. „Das passt schon so, ihr Journalisten schafft mich ja auch ganz schön während der Saison“, sagt Marcel Hirscher mit einem schiefen Grinsen und stapft mit kräftigen Schritten voraus. Hinter ihm folgen 50 keuchende Journalisten aus sieben verschiedenen Ländern.

Aufwachsen als Hüttenkind

Das Ziel ist die Stuhlalm im Salzburger Tennengebirge, etwa 1.500 Meter über dem Meer, auf die der Skistar zum Medientag geladen hat. Für den 27-jährigen Vorzeigeathleten ist die einstündige Wanderung maximal leichtes Aufwärmprogramm, außerdem kennt er hier jeden Stock und jeden Stein: Vater Ferdinand war 19 Jahre lang Pächter und Hüttenwirt auf der Stuhlalm. Bis zu seinem 14. Lebensjahr verbrachte Marcel deshalb jeden Sommer hier. Warmes Wasser: Fehlanzeige – genauso wie Fernsehen oder Playstation. Dafür gab es Schlangen und Frösche zu fangen, Baumhäuser zu bauen und Kaiserschmarrn zum Mittagessen.

Unten im Tal, in Hirschers Heimatort Annaberg, liegt der Harreit-Lift. Hier fuhr er unter den Augen seines Vaters, der als persönlicher Berater auch heute noch an seiner Seite steht, seine ersten Schwünge auf Skiern. Was darauf folgte, kann gut und gerne als Bilderbuchkarriere beschrieben werden: Skihotelfachschule in Bad Hofgastein, rascher Aufstieg in den Jugendmannschaften, erste Erfolge im Europacup. 2007 debütierte Hirscher in Lenzerheide mit gerade einmal 18 Jahren im Weltcup. Der Sieger von damals hieß Aksel Lund Svindal.

Neun Jahre später hat Hirscher selbst 39 Weltcupsiege auf dem Konto und damit den Norweger bereits überflügelt. In der abgelaufenen Saison gewann er zum fünften Mal hinter-einander den Gesamtweltcup: Das ist vor ihm noch keinem gelungen – auch keinem Maier oder Stenmark. Nun könnte der sechste Streich folgen, selbst wenn Hirscher, wie immer, tiefstapelt: „Ich habe den Gesamtweltcup zu Saisonbeginn nie als konkretes Ziel. Das ergibt sich erst im Lauf einer guten Saison.“ Überhaupt habe er das Gefühl, dass es „immer zäher“ werde. Die junge Generation sei schneller, besser und dynamischer – „dieses Tempo muss man erst einmal mitgehen“.

Möglich ist das auch für ein Naturtalent wie Hirscher nur mit beinhartem Training. Im Nachbarort Abtenau baut sich der Annaberger bei Fitnesscoach Gernot Schweizer schon im Sommer die Reserven auf, von denen er in der langen Wintersaison zehrt. „Hügelsprints, 400 Meter bergauf, das ist teilweise echt brutal!“ Nicht umsonst gilt Hirscher als einer der fittesten Athleten im Skizirkus.

Energietanken in der Heimat

Nach neun Jahren „im Radl“ ist für Hirscher auch die Motivation ein Thema: „Für mich ist wichtig, dass ich immer noch die Begeisterung und das Feuer spüre.“ Der Rückzug in die Natur helfe, den Kopf frei zu bekommen, egal ob am Motocross-Bike oder beim Wandern. „Wenn man am Gipfel steht, keine Autos mehr hört, keine Nebengeräusche, gar nichts, dann ist das schon extrem lässig.“ Und einfach nur einmal die Füße hochlegen, nichts tun, ausspannen – geht das auch? „Ja, wenn ich meine Sache beim Training und im Freizeitsport gut gemacht habe, ist das Füßehochlegen danach auch wichtig. Das kann ich schon auch sehr gut.“

Hirscher ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Mit einer halben Million Fans auf Facebook ist es jedoch schwierig, dem Rummel völlig zu entgehen. „Ich kann zum Teil ja nachvollziehen, warum die Leute Selfies und Autogramme wollen, und bin froh über die Wahnsinnsunterstützung. Aber wenn ich mir im Restaurant grad einen Bissen Fleisch in den Mund stecken will und mir ein Handy vor die Nase gehalten und ein Arm um die Schulter gelegt wird, da find’ ich’s in der Situation nicht mehr lustig. Grenzen muss es schon geben – und eine Privatsphäre.“ Auch deshalb ist Hirscher der Rückzug in die Heimat wichtig: „Die Leute hier kennen mich, seit ich in Windeln herumgelaufen bin. Da gibt es dann einfach keine ,Star-Barriere‘ mehr.“

Die Erwartungshaltung, die in der Skination Österreich auf dem Seriensieger liegt, ist riesig. Besonders in Erinnerung hat Hirscher die Heim-WM in Schladming 2013, als er im Slalom nach dem ersten Durchgang in Führung lag und im Ziel 40.000 Fans auf die Goldmedaille hofften: „Da bin ich fast eingegangen, aber am Ende habe ich es irgendwie runter geschafft.“ Mit zunehmender Erfahrung lerne man, den Druck besser zu bewältigen. „Das Wichtigste ist, dass man den Sport relativiert und sich am Start selbst sagt: Wenn es gut geht, geht’s gut, und wenn nicht, dreht sich die Welt trotzdem weiter.“

Eine Bilderbuchkarriere in Zahlen

• 39 Weltcupsiege

• Sechs Disziplinen-Weltcups (je dreimal Slalom und Riesentorlauf)

• Fünf Siege im Gesamtweltcup (2012–2016)

• Vier Weltmeistertitel in Slalom (2013), Kombination (2015) und der Mannschaft (2013, 2015)

• Eine Olympia-Silbermedaille im Slalom (2014)

Saisonstart des Ski-Weltcups: 22.–23. 10., Sölden (Riesenslalom)

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