Der Kampf gegen die Glatze

80 Prozent der Menschen kämpfen irgendwann in ihrem Leben mit Haarausfall – und sind bereit, für volles Haar viel zu tun

GESUNDHEIT | THOMAS ROTTENBERG | COMPLETE MAGAZIN 2/19

Foto: Universal Pictures

Yul Brynner zum Beispiel. Oder Telly Savalas. Die beiden fallen den meisten Menschen sofort ein. Und dann, nach ein paar Sekunden, beginnt es Namen zu regnen: Vin Diesel. Dwayne „the Rock“ Johnson. Ben Kingsley. Bruce Willis. John Malkovich. Oder … wie heißt er noch, der Captain aus „Star Trek“? Ach ja, Patrick Steward: Jean-Luc Picard wäre ohne Glatze nicht vorstellbar. So wie die anderen Genannten: Sie stehen für vieles – aber nicht für kreative Frisuren. Denn Haar ist vergänglich. Kann schütter werden. Zurückweichen. „Fliehen.“ Das kann man – eine Zeit lang – kaschieren. Übertünchen. Versuchen, es mit Frisuren, Haarteilen oder Perücken zu verstecken. Aber irgendwann funktioniert das nicht mehr. Dann treten Stars gern die Flucht nach vorn an: Anfang 2019 sogar einer, dessen Tolle in den 1970ern für seine Karriere stand: John Travolta. Der Mann aus „Grease“ trägt heute Glatze.

Hermann G. (Name geändert) kann das nicht: „Natürlich wäre das vernünftig – aber: Nicht jeder ist so stark. Ich genauso wenig wie Tausende andere.“ G. ist 36. Er arbeitet in der Werbung. Als sogenannter „Kreativer“. Als Kind hatte er dichte Locken. Zu Beginn seiner 20er begann sein Haupthaar sich zu lichten. Mit 25 sah man die Kopfhaut. Zum 30er überraschte H. seine Familie mit einer Glatze. Aber: „Ich fühlte mich nackt. Alt. Unattraktiv.“ Mit 35 legte er sich dann unters Messer. Acht Stunden und eine höhere vierstellige Summe investierte er in eine Eigenhaartransplantation. Mit Erfolg: „Nicht einmal der Friseur sieht, welche Haare verpflanzt wurden.“

Hermann G.s. Geschichte ist nicht untypisch: Fast 80 Prozent aller Menschen leiden irgendwann unter Haarausfall. Für fast alle ist das ein Problem. Denn volles Haar steht für Vitalität, Erfolg und Lebensfreude. Unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter oder Religion. Weltweit. In Österreich unterschreiben 43 Prozent der Befragten, dass volles Haar attraktiv und vital macht. Obwohl allen klar ist: Schütteres Haar ist keine Krankheit. Haare zu lassen ist normal. Etwa 100 fallen jedem Menschen täglich aus. Problematisch wird es, wenn dauerhaft mehr Haare ausfallen als nachwachsen.

Gründe für Haarausfall gibt es viele: Stress und Allergien. Krankheiten, Geburten, Operationen, Infekte oder Störungen des Immunsystems zählen zu den Ursachen. Oder eine genetische Disposition. Oder der Haarausfall hat hormonelle Gründe: Etwa eine Schilddrüsenunterfunktion. Oder zu viel Testosteron. Wer Haarausfall nicht einfach hinnehmen will, sollte die Ursachen genau erforschen – sonst wird aus einem vielleicht nur vorübergehenden Ärgernis rasch ein Dauerzustand. Im schlimmsten Fall mit schweren Nebenwirkungen.

Im Kampf gegen das lichter werdende Haar gilt es nämlich eine bittere Wahrheit zu akzeptieren: Abgestorbene Haarwurzeln werden nicht mehr „auferstehen“. Ja, Medikamente und Eigenbluttransfusionen in die Kopfhaut können das Absterben verlangsamen. Manchmal auch anhalten – oder „schlafende“ Wurzeln wachküssen. Aber: Tote Wurzeln bleiben tot. Und sobald man die Mittel absetzt, setzt das Wurzelsterben wieder ein – und ihre Nebenwirkungen können noch Jahre später auftreten: Impotenz steht ganz oben auf der Liste der Möglichkeiten.

Das Mittel der Wahl ist heute deshalb die Eigenhaartransplantation. Dabei werden Haarwurzeln aus dem meist bis ins Alter dichten Haarkranz des Hinterkopfes verpflanzt. Das passiert heute weltweit 600.000 Mal pro Jahr. Seit 2014 hat sich die Zahl der Transplantationen fast verdoppelt, sagt Karl Moser. „Der Hauptmarkt liegt in den USA, aber auch in Europa findet eine Enttabuisierung statt.“ Moser ist nicht nur ein Pionier in dieser Sparte der Medizin, sondern auch Weltmarktführer: Seine Moser Medical Group gibt es seit 40 Jahren, die von ihm entwickelte „Moser Methode“ führt die medizinische Fachliteratur als „Grundlage der Haartransplantation“. Auch wohin die Reise gehen soll, weiß der Wiener: Im Labor gelang es bereits, Haarwurzeln zu züchten. Doch daran, dass diese Wurzeln dann am Kopf wie „echte“ Haare weiterwachsen, tüfteln die Forscher noch: „Das wird noch dauern.“

Die Zielgruppe wird auch dann noch da sein. Trotz John Travolta. Hermann G. weiß das: „‚Leb damit‘, sagen nur Menschen, die nicht wissen, wie es sich anfühlt. Für mich war es furchtbar. Darum: Warum soll ich damit leben – wenn es nicht sein muss?“

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