Der Traum vom Nicht-mehr-fahren-müssen

Nichts beschäftigt die Autoindustrie derzeit mehr als autonomes Fahren. Wie weit ist diese Vision gediehen und vor allem: Wollen wir das überhaupt?

MOBILITÄT | CHRISTIAN ZACHARNIK | COMPLETE MAGAZIN 3/18

Audi Aicon. Vision eines vollkommen autonom fahrenden 2+2-Sitzers – ohne Lenkrad und Pedalerie (Foto: Audi)

1.245 Kilometer sind es vom Urlaubsort nach Hause. Von der Cote d’Azur über Italien nach Wien. Auf der Autobahn. Am Steuer. Ein Knochenjob. Die Erholung war bereits nach dem ersten Fünftel der Strecke perdu – spätestens. Und während man so fährt, gejagt von dicht auffahrenden Aggressivlingen, behindert von minutenlange Überholmanöver durchführenden Siebeneinhalbtonnern und genervt von schwer fadisierten Kindern im Fond, wünscht man sich nichts sehnlicher herbei als das, was die Automobilindustrie bereits seit Jahren als Zukunftsvision propagiert: autonomes Fahren.

Zwei Seelen in der Brust

Dabei war ein paar Tage zuvor noch alles anders. Auf den herrlich gewundenen, durch pittoreske Landschaften führenden Straßen der Alpes-Maritimes im Hinterland von Nizza auf dem Weg nach Sospel war man geneigt, die Erfindung selbstfahrender Autos als den größten Mumpitz in der Automobilgeschichte auszumachen. Wer, um Himmels willen, wollte in diesem an Autofahrerkitsch kaum zu übertreffenden Setting das Volantdrehen einem Rechner überlassen?

Wunsch und Wirklichkeit

Und genau hier sind wir einer weit verbreiteten Fehlmeinung aufgesessen: Es geht nicht ums Entweder-oder, sondern ums Sowohl-als-auch. Das bringt auch BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich zum Ausdruck, wenn er meint: „Bei uns wird immer der Kunde entscheiden, in welchem Modus er fährt. Ohne Wahlfreiheit ist für uns Freude am Fahren undenkbar.“ Eine Wahlfreiheit, die bis dato in letzter Konsequenz nicht gegeben ist. Denn auch wenn, wie es scheint, die Automobilindustrie kaum ein anderes Thema als Autonomie kennt, steckt die Technologie, wenn überhaupt, erst in den Kinderschuhen. Selbst Hand anzulegen ist derzeit noch unumgänglich. Bis Autos gänzlich von alleine fahren, werden noch einige Jahre ins Land ziehen.

Status quo

Wo stehen wir also bis dato? Automobile Autonomie wird offiziell in fünf beziehungsweise sechs Level eingeteilt. Level null beschreibt dabei Autofahren ohne jegliche elektronische Hilfestellungen. Der Fahrer ist komplett auf sich allein gestellt, muss selbstständig bremsen, lenken, Gas geben und Entscheidungen treffen – mittlerweile eine antiquierte Version der Automobilität. Level 1 und 2 beschreibt den technologischen Status quo: Darin sind Assistenzsysteme wie Totwinkelwarner, Spurhaltesysteme, Berganfahrhilfen und in weiterer Folge automatisches Einparken, aktive Spurhaltesysteme und adaptive Tempomaten, Stauassistenten und Notbrems-systeme zusammengefasst.

Zukunftsmusik

Aber schon diese Ausbaustufe stelle die Kunden zunehmend vor Probleme, wie Roland Frisch, Chefinstruktor des ÖAMTC, zu berichten weiß: „Wenn aktive Systeme in die Fahrdynamik eingreifen und Autos selbstständig lenken und bremsen, können Fahrer erschrecken“. Hier gilt es, Vertrauensbildung zu schaffen und sein Schicksal doch ein Stück weit in diese Systeme zu legen. Tatsache ist nämlich, dass es bedeutende Überwindung kostet, mit 100 Sachen auf ein Stauende zuzufahren und darauf zu vertrauen, dass der adaptive Tempomat selbstständig bremst.

Da kann man sich ganz gut vorstellen, dass eine Fahrt in einem Auto mit Autonomielevel 4 und 5, also mit Vollautomatisierung bis hin zu quasi eigenständigen Autoindividuen, zum derzeitigen Evolutionsstand des Homo Automobilensis für das Gegenteil der angestrebten Entspannung bei der motorisierten Dislokation sorgen würde. Aber relaxen Sie: Vor 2030 wird kaum damit zu rechnen sein. Bis dahin ist man weiterhin selbst schuld, wenn’s kracht.

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