Der weiße Fleck

Die „MS Europa 2“ brachte bei ihrer Premierenfahrt nach Grönland ein bisschen Luxus ins ewige Eis

REISE | ELISABETH SCHEPE | COMPLETE LUXUS 2/16

Foto: Hapag Lloyd Cruises

Unter mir geht es dreitausend Meter in die Tiefe. Schon lange zeigen sich, egal wohin man blickt, nur das stille Meer und der Horizont. Am Vortag ist das Hapag Lloyd Kreuzfahrtschiff „MS Europa 2“ aus dem Hafen von Reykjavik ausgelaufen. Die ganze Stadt war an diesem sonnigen Tag auf den Beinen. In den Cafés drängten sich die Gäste, eingepackt in warme Norwegerpullis, um die besten Plätze an der Hauswand. Ein letzter Blick noch auf das Städtchen in der Abendsonne, auf die berühmte „Harfe“ – das gläserne Konzerthaus am Wasser –, und schon steuerte die „Europa 2“ mit uns hinaus auf den Nordatlantik. Auf dem 5-Sterne-plus-Schiff könnte man fast vergessen, dass das eigentliche Ziel dieser Reise noch vor uns liegt: Grönland. Auch für einige Vielgereiste ist es der letzte weiße Fleck auf ihrer persönlichen Landkarte. Für kleinere Expeditionsschiffe sind die Fahrten ins ewige Eis Routine, für die „Europa 2“ ist es eine Premiere. Das Schiff lässt einen schnell viele Vorbehalte gegenüber Kreuzfahrten über Bord werfen. Captain’s Dinner, Tischordnung und strikten Dresscode gibt es hier genauso wenig wie platte Massenunterhaltung. Legeren, individuellen Luxus mit viel Privatsphäre will man den kaufkräftigen Gästen bieten. 370 Crew-Mitglieder arbeiten hier für nur 500 Passagiere. An Bord hat man die Wahl zwischen sieben Restaurants – vom Edeljapaner bis zum wirklich feinen französischen Bistro Tarragon. Da stört es auch gar nicht, dass wir einen Tag und zwei Nächte einsam auf hoher See verbringen. Als schließlich vom Heck aus die Umrisse einer Küste erkennbar sind, ist die Euphorie dennoch groß. Es ist sieben Uhr morgens, der kalte Wind bläst uns entgegen und vor uns liegt Grönland. Plötzlich weiß man gar nicht mehr so recht, wo man hinschauen soll. Auf den massiven Eisberg, so groß wie ein Lkw, der neben uns steil in das dunkle Wasser ragt? Auf die zackigen Bergspitzen ganz hinten am Horizont oder auf das Eingangstor zu Grönland, das sich vor uns öffnet – den Prins-Christians-Sund? Die natürliche Wasserstraße verbindet Labradorsee und Irmingersee und wartet mit einer fast unwirklichen Landschaftsszenerie auf.

Kapitän Christian van Zwamen steht an der Brücke. Für die Passagen an der grönländischen Küste sind eigens auf diese Gegend spezialisierte Lotsen an Bord des Schiffes. Sie unterstützen den Kapitän beim Navigieren. „Wir sind hier in einer abgelegenen Gegend und das Wetter kann schnell umschlagen“, sagt van Zwamen, „die Route kann sich immer plötzlich ändern – zum Beispiel wegen Gletscherabbrüchen.“ Durch den engen, hundert Kilometer langen Prins-Christians-Sund muss das Schiff besonders vorsichtig navigiert werden. Das schroffe Land ist plötzlich ganz nah. Dunkle, zerfurchte Felsen ragen neben uns in die Höhe. Teils sind sie moosbewachsen, teils tragen sie mächtige Gletscher, die von den Bergen im Innenland bis in den Sund münden. Kleine, bläulich schimmernde Eisblöcke treiben hier auf dem Wasser. Die blaue Farbe des Eises entsteht durch die Luftbläschen, die sich bei der Fermentierung des Schnees bilden, erklärt ein Geologe den Gästen via Lautsprecher. Ganz nahe am Ufer schießt plötzlich eine Fontäne aus dem Wasser. Auch seine Schwanzflosse zeigt uns der Wal, der hier gemächlich durch den Sund schwimmt. Das Naturschauspiel ist überall am Schiff präsent – sei es von der Suite-eigenen Veranda aus oder im Café mit Panorama-Glasfront. Viele Gäste tummeln sich draußen an Deck in der strahlenden Sonne, es wird Glühwein und heiße Bouillon in Tassen serviert.

Am nächsten Tag haben wir weniger Glück. Ein Unwetter spielt sich an der Westküste Grönlands ab. Der Landgang in der Hauptstadt Nuuk muss abgesagt werden. Routenänderungen wie diese sind eingeplant, die Vorräte würden wohl wochenlang ausreichen. In den Lager- und Kühlräumen im Bauch des Schiffs stapeln sich Paletten mit Orangen und Kiwis, kistenweise Champagner und schwarzer Kaviar in rauen Mengen. Etwa 400 Weine und ein erlesenes Gin-Sortiment gibt es an Bord. Alle zwei Wochen wird ein Container mit rund 110 Tonnen an Waren aus Hamburg geliefert und die Schiffsvorräte werden wieder aufgestockt.

Pünktlich nachdem sich das Unwetter wieder verzogen hat, bringt die „Europa 2“ ihre Gäste zum Highlight der Reise: die spektakuläre Diskobucht in der Baffin Bay. Der Sermeq Kujalleq, der hier nahe dem Städtchen Ilulissat in die See mündet, ist der produktivste Gletscher der Welt. Er bildet einen gigantischen weißen Fjord, in dem sich die Eismassen stauen, bis sie in die Diskobucht hinaustreiben. In Beibooten werden wir vorsichtig zwischen den Eisbergen hindurch ans Ufer nach Ilulissat geschifft. An den bunten Häuschen, fußballspielenden Kindern und in der Sonne dösenden Schlittenhunden vorbei wandern wir dem Fjord entgegen. Hoch oben am Hügel schaue ich über die mächtigen Eismassen, die sich vor mir in die weiß gesprenkelte Bucht schieben. Ein bisschen fühlt es sich an, als sei man am Ende der Welt. Fast möchte man sich in den Arm zwicken, um sicherzugehen: Ja, ich bin tatsächlich hier.


Das nächste Mal im Eis wird sich die „MS Europa 2“ im Sommer 2018 aufhalten, wenn es zu einer 19-tägigen Kreuzfahrt unter anderem nach Island und Spitzbergen geht.

Die Reise wurde unterstützt von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Anzeige

Anzeige