Die Furchtlose

In Graz wurde sie zum Publikumsliebling, in München zum Star und im Burgtheater zur fixen Größe. Schauspielerin Andrea Wenzl im Porträt

INTERVIEW / PORTRAIT | STEPHAN WABL | COMPLETE MAGAZIN 3/18

Foto: Reinhard Werner

„Diese Schauspielerin ist ein Ereignis“, meinte der Bayerische Rundfunk einst über Andrea Wenzl. Das war im Jahr 2012, Wenzl gerade am Münchner Residenztheater engagiert und frisch gebackene Preisträgerin des Bayerischen Kunstförderpreises. Das Ereignis Wenzl hat seither nichts an Energie eingebüßt. Im Gegenteil. Nach ihrem Engagement in München ging es 2015 an das Wiener Burgtheater, zwei Jahre später brillierte sie bei den Salzburger Festspielen in Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“, inszeniert von Andrea Breth. Kommenden Herbst wird die 39-Jährige am Burgtheater die Rolle der Elisabeth in Ödön von Horváths Drama „Glaube Liebe Hoffnung“ spielen. Es ist ein Wiedersehen. Denn mit Regisseur Michael Thalheimer hat die Schauspielerin und Mutter einer Tochter schon in München zusammengearbeitet. Apropos Wiedersehen: Auch mit Martin Kušej, der Wenzl als Intendant nach Deutschland geholt hat, wird es ein erneutes Zusammentreffen geben. Der Starregisseur übernimmt bekanntlich ab Herbst 2019 die Leitung des Burgtheaters in Wien. Sie sei ein „wunderbares Talent mit seltener Aura, besonderer Energie und Präsenz“, schwärmte Kušej über Wenzl schon zu Beginn ihrer Zusammenarbeit Anfang der 2010er Jahre.

Der Ursprung dieser Aura liegt in Leibnitz in der Südsteiermark. Bereits mit drei Jahren ging Wenzl in ihrer Heimatstadt zum Ballettunterricht. Abenteuerlustig, quietschvergnügt und furchtlos sieht sie auf Kinderfotos aus. Die Nachbarsburschen hätten schon bald Angst vor ihr gehabt. Mit den beiden älteren Brüdern ging es auch durchaus rau zur Sache. Als diese die jüngere Schwester einmal in eine Hängematte einwickelten, knallte Wenzl dabei zu Boden und schlug sich die Vorderzähne aus. Abschrecken ließ sich das Mädchen von diesem unglücklichen Ereignis allerdings nicht. Auf einem Foto von damals lächelt sie mit Ponyschnitt verschmitzt und hält ihrer Puppe eine Zigarette vor den Mund. Den Charakter des Bildes aus der Kindheit könnte man bereits als Hinweis auf Wenzls zukünftige Trademark deuten: ihre Stimme. „Krawall-heiser und souverän“, bezeichnete der Bayerische Rundfunk das Sprechorgan der 39-Jährigen. Gleichzeitig hat sie aber auch etwas Verschmitzt-Liebliches. In welche Richtung Wenzls Stimme ausschlägt, ist manchmal genauso unvorhersehbar wie ihre Rollen. Eines ist jedoch stets klar: Glatt sind weder ihre Stimme noch ihre Figuren. „Würde es keine Überwindung kosten, wäre es nicht so spannend. Sobald man sich sicher fühlt, sieht man das der Rolle an“, gibt Wenzl Einblicke in ihren schauspielerischen Zugang. Auch als Zuschauer sollte man sich bei Wenzls Rollen nie zu sicher fühlen: Denn wer glaubt, ihre Figuren gleich verstanden zu haben, wird im Laufe des Stückes mindestens einmal eines Besseren belehrt. Das zeigte sie auf der Bühne bereits als Margarete in Goethes „Faust“ genauso wie als Karatelehrerin im „Tatort“ oder als Wirtshausbetreiberin im Kinofilm „Die Grenzgänger“.

Schon früh haben das Publikum wie auch die Theaterkritik Wenzls Grenzüberschreitungen honoriert. Nach dem Ballettunterricht versuchte sie sich als Teenagerin im Jugendclub des Grazer Schauspielhauses. Eine Offenbarung für die junge Frau, wie sie der „Presse“ erzählte: „Ich dachte, super, das ist ja viel besser, wenn man sprechen, eine Geschichte erzählen kann. Das hatte zur Folge, dass ich mich ziemlich wenig mit Schule und ziemlich viel mit Theater beschäftigt habe.“ Die Schule hat sie aber trotzdem geschafft, und gleich nach dem Schauspielstudium in Graz wurde sie Ensemblemitglied im Schauspielhaus. In ihren acht Jahren (2002 bis 2010) im Haus am Grazer Freiheitsplatz wurde sie zum absoluten Publikumsliebling und erhielt 2008 eine Nestroy-Nominierung in der Kategorie „Beste Schauspielerin“. Nach einem kurzen Zwischenstopp am Wiener Volkstheater folgten der Umzug nach München, zwei Romy-Nominierungen und der Aufstieg in eine höhere Liga. Auf eine Traumrolle will sich die 39-Jährige allerdings nicht festlegen. In erster Linie zählt die Herausforderung. „Manchmal braucht’s die Reibung. So werden zwar Hürden aufgestellt, die kann man aber überspringen“, sagte sie gegenüber der „Kleinen Zeitung“. Und fügte hinzu: „Ich glaube, man hat die Rollen sowieso alle irgendwie in sich.“

Hier schließt sich der Kreis von der Abenteuerlust und den Ballettsprüngen in der Kindheit bis zum Hineinspringen in die unterschiedlichsten Rollen auf den größten deutschsprachigen Bühnen. Ein Ereignis ohne absehbares Ende.

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