Die grüne Lagune

Mitten im Atlantik gelegen, sind die Azoren noch immer ein fast unbekanntes Naturparadies. Kraterseen, heiße Quellen, wilde Küsten und schwarze Sandstrände warten auf São Miguel, der größten der neun Inseln, auf ihre Entdeckung

KARIN WASNER
REISE, COMPLETE MAGAZIN 1/19

Foto: Karin Wasner

Eine ungewöhnliche Stille umgibt mich. Selten ist Wald leise wie dieser. Über Wurzeln, moderndes Laub und umgestürzte Bäumstämme klettere ich abwärts, balanciere auf Steinbrocken um Schlammpfützen herum. Allein das Knacken der Zweige unter meinen Schuhen hallt seltsam laut in dem verwucherten Vulkankessel. Plötzlich wird es heller. Vor mir liegt tiefgrün glitzernd ein kreisrunder See. Rodrigo hat nicht zu viel versprochen, als er mir tags zuvor die GPS-Daten seines Lieblingsortes auf der
Azoreninsel São Miguel verraten hat.

Auf halbem Weg zwischen der Alten und der Neuen Welt liegt Europas westlichster Vorposten: die Azoren. Die neun Inseln im Atlantik gehören zu Portugal und doch wissen wir kaum etwas über diese 2.300 Quadratkilometer Welt. Uns sind sie – wenn überhaupt – aus dem Wetterbericht bekannt. Denn das meist vor bunten Wetterkarten besprochene „Azorenhoch“ ist maßgeblich für unsere Großwetterlagen verantwortlich. Es beschert uns verhasste Hitzewellen und geliebte Altweibersommer. Und Amerika und der Karibik die alljährlich gefürchteten Hurricanes.

Auch auf den Inseln selbst ist das Wetter stets Thema. „Mutável“ für wechselhaft ist für den Azoreaner nicht nur ein Wort. Wer eine Schönwetterdestination sucht, ist hier falsch. „Bei uns erlebst du vier Jahreszeiten an einem Tag!“ Den Spruch höre ich nicht zum ersten Mal. Sekunden später hält mir Ro­drigo seine Webcam-App unter die Nase: „Aber schau, in Furnas ist es jetzt gerade schön!“ Und wirklich: Irgendwo auf der Insel strahlt meist die Sonne, selbst wenn es wenige Kilometer entfernt düster und diesig ist.

Rodrigo Herédia und sein Freund João Reis, zwei ehemalige portugiesische Surf-champions, sitzen in Sportjacken und Sneakers in der Lobby ihres Hotels. „Wir kamen oft zum Surfen auf die Insel und schon ganz früh haben wir uns vorgenommen, auf São Miguel etwas aufzubauen.“ Die beiden verliebten sich erst in die Wellen und dann in die Frauen der Insel. Sechzehn Jahre ist João inzwischen mit einer Azoreanerin verheiratet. Hoch über dem schwarzsandigen Praia Santa Bárbara, dem Surfspot und längsten Strand der Insel, haben die beiden Land von der Inselverwaltung für ihre Vision bekommen. „Gleich als Erstes haben wir einen Zugang über die steilen Klippen zum Strand geschlagen. Das war das Schwierigste, aber das Wichtigste!“, strahlt João. „Barfußluxus“ sagen sie, sei das hier. Natürliche Materialien verbaut in moderner Architektur, die sich erstaunlich gut in die Landschaft einfügt. Böden, Möbel und Deko sind zum Großteil auf den Inseln produziert, die Materialien dafür: Vulkanstein, Schwemmholz und Cryptomeria, die 1860 eingeführte japanische Sicheltanne, die inzwischen überall wächst. „Surfschule und Strandbar durften natürlich auch nicht fehlen!“ Seit fast einem Jahrzehnt veranstalten die Freunde hier Surf-Championships, im September 2018 holten sie erstmals die Weltmeisterschaften auf die Insel.

Vor uns türmen sich jetzt schwarze Wolkenberge über einem tosenden Ozean. Man versteht kaum ein Wort, so laut prasselt der Regen beinahe waagrecht gegen die Scheibe. „Die Wellen, der Wind, die Natur – hier kann ich runterkommen wie nirgendwo anders“, schwärmt Rodrigo unbeirrt. Er lächelt nur achselzuckend, als ein verbeulter Sonnenschirm vor dem Fenster vorbeischießt und sein Leben an einer Natursteinmauer endgültig aushaucht.

Das feuchte Klima und die vulkanischen Böden sorgen für üppige Vegetation, sattes Grün beruhigt überall auf der Insel Auge und Gemüt. An sonnigen Tagen liegen Wiesen ausgerollt wie Teppiche unter einem blaßblauen Himmel. Wie Spielzeug sind Kühe, Schafe und Häuser darauf verteilt. Davor spritzt der Atlantik seine Gischt auf schwarzen Lavasand. 138.000 Einwohner leben heute auf São Miguel, auf den übrigen Inseln noch weitere 107.000. Anpassungsfähig mussten die Inselbewohner schon immer sein. Anfangs verdienten sie ihren Lebensunterhalt mit Weizen und Zuckerrohr, später mit Orangen. Als die im 19. Jahrhundert einem Pilz zum Opfer fielen, stellten die Großgrundbesitzer auf den Anbau von Tabak, Ananas und sogar Tee um. Milde Temperaturen und häufige Niederschläge sorgen für ein ähnliches Klima wie in den Anbaugebieten Chinas. Von den mehr als 60 Tee­fabriken hat es nur eine ins 21. Jahrhundert geschafft: die Plantações de Chá Gorreana, Familienbetrieb seit 1883. Wie damals werden die Blätter der ältesten und inzwischen einzigen Teeplantage Europas noch immer per Hand geerntet – in Bioqualität.

Heute leben die Azoreaner von Milchwirtschaft und immer mehr auch vom Tourismus. „Agitação“ – Hektik – kommt im Inselvokabular allerdings nach wie vor nicht vor. An der Tankstelle wartet das Pferdefuhrwerk geduldig, bis der Fuhrmann Kaffee getrunken und das Neueste aus dem Ort erfahren hat. Und auf den engen Landstraßen wird einer schon mal von einer Kuhherde so ausgebremst, dass er die Decke ausbreitet und ein Nickerchen macht, bis der bimmelnde Trupp vorbeigezogen ist.

1.500 Kilometer sind es zum portugiesischen Festland, etwa 2.500 Kilometer nordwestlich trifft man auf die kanadische Provinz Neufundland. Kaum ein Flecken Europa ist einsamer gelegen. Erst seit einigen Hundert Jahren sind die Inseln vulkanischen Ursprungs bewohnt, viele Azoreaner haben sie noch nie verlassen.
Anders Joana Damião Melo. „Ich bin hier bei den Ananas geboren.“ Die junge Frau mit sanften Augen und langem dunklem Haar meint die Plantagen von Fajã de Baixo, nahe der Hauptstadt Ponta Delgada. Mit achtzehn wurde ihr die – mit Abstand größte der neun Inseln – dennoch zu klein. „Ich wollte die Welt sehen.“ Joana studierte auf dem Festland, lebte in Lissabon und Spanien, arbeitete für internationale Hotelketten. Bis 2015. „Zwei gute Freunde hatten eine Vision von einem Hotel und brauchten dringend meine Hilfe!“ Joana schmunzelt. Die beiden Freunde: Rodrigo und João. Die Welt ist hier doch noch etwas kleiner als anderswo. Also kam sie nach achtzehn Jahren zurück. „Außerdem hab’ ich mir immer gewünscht, dass mein Sohn auf ,meiner‘ Insel groß wird.“ Jetzt lebt sie mit dem Dreijährigen und ihren Eltern auf dem alten Familiensitz. Eine Farm, auf der Obstbäume, Blumen und Ananas wachsen. Gemeinsam mit ihrem Bruder und den Eltern hat sie hier 2016 zwei ganz besondere Ferienapartments gebaut. „Es ist ein schönes Gefühl, für deine Heimat etwas zu schaffen.“ Eine der beiden Wohnungen sitzt auf einem steinernen Aussichtsturm aus dem 18. Jahrhundert, im Moment kuscheln dort zwei Frischvermählte. „Von dort oben hat man einen 360°-Panoramablick auf die Insel, ein Traum!“

Paradiesisch sind die Azoren – auf den ersten Blick. Warme Quellen sprudeln als Wasserfälle aus schwarzem Lavagestein, blau und grün schimmern die Seen in den Vulkankratern. Am Straßenrand stehen Hortensien, Aronlilien und Azaleen wie botanische Leitplanken. Bergketten, Küstenstraßen und malerische Dörfer, alles kunstvoll umrahmt von weiten Sandstränden oder hohen Felsklippen. Und dahinter wartet eine spektakulär geformte Unterwasserwelt. Bizarre Grotten und Höhlen entstanden, als glühend heiße Lava den kalten Atlantik erreichte. Rund um die Inseln kann man – dem Golfstrom sei Dank – das ganze Jahr über Haie, Mantas, Wale und Delfine beobachten. Aber nicht immer ist Frieden im Paradies.

Wo sich afrikanische, eurasische und amerikanische Erdplatte treffen, sind Vulkanausbrüche und Erdbeben eine ständige Bedrohung. Die meisten ereignen sich unter Wasser. Auch deshalb findet sich in jeder Stadt eine „Rua dos Emigrantes“. Immer wieder brachten Naturkatastrophen viele dazu, ihr Glück woanders zu suchen. Einige folgten dem Ruf des Goldes nach
Brasilien, anderen verhießen die großen Fischereiflotten der USA eine bessere Zukunft. In Amerika leben heute mehr Menschen mit azorischer Abstammung als auf den Azoren selbst. Heimat aber bleibt Heimat. Die Auswanderer bleiben den Inseln verbunden und sorgen für die Daheimgebliebenen. Oder sie kehren wohlhabend zurück, renovieren das verfallene Haus, streichen es zuckerl-rosa oder quietschgrün und montieren zuletzt eine Muttergottes über der Eingangstür. Oder Francisco de Borgia, der Schutzpatron gegen Erdbeben,
lächelt dir in Fliesenform milde von der Hauswand entgegen. Bei zahlreichen Festen und Prozessionen dekorieren die
Azoreaner die Städte und verwandeln ganze Straßenzüge für ihre Heiligen in betörend duftenden Blütenbilder. Auf dass die ihren kleinen grünen Flecken Eden aufs Neue beschützen mögen.


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