Die Traumtänzerin

Für die Schauspielerin Emma Stone hat das Musical „LaLa Land“ auch mit ihrem eigenen Leben zu tun

INTERVIEW / PORTRAIT | CHRISTIAN FUCHS | COMPLETE MAGAZIN 4/16

Foto: Shutterstock

Dass ausgerechnet die zuckerlbunte Filmgattung Musical bald ein Comeback feiert, damit hat wohl niemand gerechnet. Schließlich liegen die Tage der einstigen Traumfabrik Hollywood mit ihren singenden und tanzenden Helden schon lange zurück. Aber „LaLa Land“ von Damien Chazelle – mit Verspätung nun erst Mitte Jänner in den österreichischen Kinos – drückt eben nicht nur Nostalgieknöpfe. Der seit seinem Oscar-nominierten Musikerdrama „Whiplash“ als Junggenie gehandelte Chazelle bedient als Regisseur betörende Musical-Klischees, ohne die krisengeschüttelte Gegenwart zu verschweigen. Eine Gratwanderung, die auch dank der Hauptdarsteller gelingt: Denn auf Emma Stone und Ryan Gosling können sich die unterschiedlichsten Fraktionen einigen.

Das Film-Traumpaar, seit „Crazy Stupid Love“ und „Gangster Squad“ bestens aufeinander eingespielt, begeistert als prekäres Pärchen, das im „LaLa Land“ Los Angeles nach den Sternen greift. Mia und Sebastian heißen die beiden Liebenden, die den bedrückenden Existenzkampf mit Hingabe, Körpereinsatz und Talent meistern. Emma Stone, die bei den Filmfestspielen Venedig für „LaLa Land“ den Preis als beste Darstellerin erhielt, verwies in ihrer Dankesrede auch auf das eigene Leben. „Dieser Film handelt vom Träumen und Hoffen und Hart-auf-etwas-Hinarbeiten.“

Projekt Hollywood

Lange muss man tatsächlich nicht nach Parallelen zwischen Emma Stones jüngster Rolle und ihrem eigenen Aufstieg in Hollywoods Oberliga suchen. Als Kind leidet die in Arizona geborene Emily Jean an heftigen Panikattacken. Therapien greifen nicht richtig, erst die intensive Hinwendung zum Schauspielen kuriert sie. Es ist eine Leidenschaft, die sie eigenen Angaben zufolge bereits im Alter von vier Jahren erfasste. Sie nimmt Sprechunterricht, macht im Alter von elf erste Gehversuche am Theater. Das ist für den ehrgeizigen Teenager aber nicht genug. Sie startet ihr persönliches „Project Hollywood“. 2004 reist Emily mit ihrer Mutter schließlich ins Kino-Epizentrum Los Angeles.

Stein um Stein zum Erfolg

Trotz des augenscheinlichen Talents wird Emma, so ihr neues Pseudonym, hier nicht über Nacht berühmt. Nach vielen Absagen verdient sie ihr Geld erst einmal in einer Bäckerei für Hundekuchen. Schließlich trudeln aber für die damals noch blonde Schönheit die ersten kleinen TV-Rollenangebote ein. 2007 kommt der lang ersehnte Durchbruch mit frisch gefärbten roten Haaren. In den Indie-Hits „Superbad“ und „Zombieland“ beweist sie Können und komödiantische Größe. An der Seite von Ryan Gosling avanciert sie in „Crazy, Stupid, Love“ endgültig zum „talent of the moment“. Mit zwei „The Amazing Spider-Man“-Filmen zementiert sie ihren Celebrity-Status, inklusive einer medial eifrig begleiteten Beziehung mit Co-Star Andrew Garfield.

Im Olymp

Aber teuer inszeniertes Popcorn-Kino alleine reizt die ehrgeizige neue Stil-ikone nicht: Neben Altmeister Woody Allen engagiert sie auch Kultregisseur Alejandro González Iñárritu 2014 für sein Oscar-prämiertes Epos „Birdman“. Emma Stone brilliert darin als depressive Tochter eines abgehalfterten Schauspielers bei seinem verzweifelten Comeback-Versuch. Sie beweist nach Teenie-, Horror- und Romantikkomödien nun mit Eindringlichkeit, dass sie auch dunkel gefärbte Charakterfacetten virtuos beherrscht.

2015 zählt Stone zu den bestbezahlten Frauen in Hollywood, hat lukrative Werbe-Deals, ist Modedesigner-Darling und präsent in Hochglanzmagazinen und auf Social Media. Es regnet Preise, Nominierungen und Kollegenlob. Der befreundete Jonah Hill attestiert ihr „den besten Humor von allen“, Bradley Cooper eine besondere Magie, die Presse und Filmcrews preisen ihre außerordentliche Professionalität. Die Beliebtheit wächst, weil sie weder Allüren noch Eitelkeiten zeigt, sondern Bodenhaftung, Witz und Selbstironie. Und soziales Engagement: Seit der Erkrankung ihrer Mutter macht sie sich öffentlich für die Bekämpfung von Brustkrebs stark, unterstützt Hilfsprojekte für unter-privilegierte Menschen und mittellose Kollegen in der Filmbranche.

Ein neuer Frauentyp

Was Emma Stone so anziehend macht, ist ihre erfrischende, unkapriziöse Art. Damit verkörpert die 27-Jährige ebenso wie ihre enge Freundin Jennifer Lawrence eine ganz neue Generation von Hollywoodfrauen. Sie steht zwar in der ersten Reihe, gibt aber nicht die entrückte Glamour-Diva, sondern ist selbstbewusst, geerdet und immer noch ein bisschen das lockere Mädchen aus Arizona. Eine junge Frau, die neben Luxus auch die Härten und Tiefen des Lebens kennt und meistert. Ebenso beherzt changiert sie zwischen Kunst und Kommerz, Komödie und Tiefgang und bringt dabei ihre Kämpfernatur ein. Eine erneute Bestätigung ist für den Musical-Fan Stone sicher die Anerkennung für „La La Land“, der sich vielleicht sogar unter die Oscar-Kandidaten swingt. Ihre Schattenseiten will die zierliche Lichtgestalt übrigens wie bisher einzig auf der Leinwand ausleben. Einen großen Wunsch gibt es nämlich noch: Schon vor zwei Jahren enthüllte Stone in einem Interview, sie wolle vor allem „wirklich bizarre Charaktere“ spielen. Keine Frage, dass dem coolen Rotschopf das ebenfalls gelingen wird. Vielleicht schon mit der kommenden schwarz-humorigen TV-Serie „Maniac“.

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