Die Wahrheit liegt am Platz

Dominic Thiem ist Österreichs bester Tennisspieler. Beim Turnier in Paris könnte er der Nummer eins der Welt einen Schritt näherkommen

INTERVIEW / PORTRAIT | STEPHAN WABL | COMPLETE MAGAZIN 2/18

Foto: Jürgen Skarwan/UniCredit Bank Austria

complete magazin: Sie waren Anfang des Jahres fünf Wochen verletzt. Wie
wichtig ist Geduld im Tennis?

dominic thiem: Einen ungeduldigen Tennisprofi kann es gar nicht geben, denn wir warten ständig: auf Flughäfen, auf den Shuttle-Service, auf einen freien Trainingsplatz, in der Players Lounge. Wer nicht warten kann, wird in diesem Job nicht happy. Im Match selbst muss man die Mitte zwischen Angriff, Druck machen und Abwarten finden. Wirklich nervig ist das Warten vor dem eigenen Match. Da ist man unruhig und angespannt.

Gewöhnt man sich an diese Nervosität?
Ja, ich bin mittlerweile weniger angespannt als früher. Ich weiß jetzt besser, was mich erwartet. Ich habe auf allen großen Plätzen gespielt, gegen alle guten Spieler. Aber eine Grundnervosität bleibt immer, auch wenn man auf Court 17 gegen die Nummer 700 in der Weltrangliste spielt. Aber nur mit einer gewissen Anspannung kann man gut spielen.

Sie haben ein großes Betreuerteam. Am Platz stehen Sie aber alleine. Ist Tennis der ideale Sport für Einzelkämpfer?
Natürlich ist Tennis ein Einzelsport. Aber ohne mein Team – Trainer, Eltern, Physiotherapeut und viele andere – wäre ich nie so gut geworden. Undenkbar. Insofern ist Tennis, bevor du auf den Platz gehst, ein Teamsport. Erst im Match bin ich dann auf mich alleine gestellt. Von meinen 80 Spielen im Jahr fühle ich mich in fünf unfassbar gut, so wie letztes Jahr bei meinem Sieg gegen Rafael Nadal in Rom. Bei fünf fühle ich mich richtig schlecht, da geht gar nichts. Bei allen anderen muss ich versuchen, dass ich meine Unzulänglichkeiten überwinde. Da kann ich mich nicht wie im Mannschaftssport auswechseln lassen. Das bringt eine gewisse Wahrheit in den Tennissport.

Buenos Aires, Paris, Melbourne, Shanghai, New York: Wie ist es für Sie, ständig unterwegs
zu sein?
Das ist Teil des Jobs, aber teilweise mühsam, weil ich gerne zuhause bin. Ich kriege von den Städten nicht viel mit, ich bin ja nicht als Tourist dort. Klingt nach Klischee, aber es stimmt: Ich sehe den Flughafen, das Hotel und die Tennisanlage.

Und nach dem Turnier?
Wenn ich ausgeschieden bin, ist meine Laune im Keller und ich will eigentlich nur mehr weg. Da könnte ich eine Sightseeing-Tour gar nicht genießen.

Gibt es eine gewisse Situation in einem Match, die Sie besonders mögen?
Je enger es wird, desto mehr taugt es mir. Das Knistern bei 5:5, 30 beide – da ist die Spannung am größten. So eine Situation macht etwas mit meiner Konzentration und meinem Fokus, das ich alleine nicht zusammenbringe.

Wirklich? Sie haben keine Angst bei 5:5, 30 beide?
Ich habe immer das Gefühl, dass ich das gewinne. Immer. Aber der andere hat das Gefühl wahrscheinlich auch. (lacht)

— Was nehmen Sie sich für Paris vor?
Den nächsten Schritt zu machen. Das wäre das Finale. Aber du spielst ab der ersten Runde gegen Leute, die extrem gute Tennisspieler sind. Und auch wenn du in den Top Ten stehst: Wenn du nicht das bringst, was du kannst, wird es gegen jeden da draußen ganz schnell eng.

Österreichische Tennisfans warten seit dem Erfolg von Thomas Muster 1995 in Paris auf einen Einzelsieg bei einem großen Turnier. Haben Sie das im Hinterkopf?
Sie haben von 1891 bis 1995 auch warten können. (lacht) Also: nein. Muster ist eine Legende, er hatte seine Karriere, ich habe meine. Hoffentlich gewinne ich meinen großen Titel, so wie er seinen.

Hinter dieser Frage steckt das Thema Erwartungen. Wie gehen Sie damit um, dass fremde Menschen viel von Ihnen erwarten?
Zuerst einmal habe ich mir das erarbeitet. Ich habe mich in eine Situation gebracht, dass mir Menschen zutrauen, einen großen Titel zu gewinnen. Sport ohne Fans würde nicht existieren, deswegen haben sie auch das Recht, etwas zu erwarten. Ich selbst bin Fan vom FC Chelsea und werde auch grantig, wenn die einen Stiefel zusammenspielen.

Was braucht es, um die Nummer eins zu werden?
In 52 Wochen mehr Punkte als jeder andere Spieler zu gewinnen. Das bedeutet, dass du das ganze Jahr auf höchstem Level spielen musst, bei allen vier Grand-Slam-Turnieren und auf allen Belägen. Nur wenige Menschen in der Geschichte waren die Nummer eins. Das kann man nicht erwarten. Aber man kann daran arbeiten.

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