Durch Fans zur Medaille

Bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha gewann Verena Preiner als erste Österreicherin eine Medaille im Siebenkampf. Die 25-jährige Oberösterreicherin hält den nationalen Rekord in ihrer Disziplin und wurde bei der Sportlerwahl 2019 zur Aufsteigerin des Jahres gewählt. Das complete Magazin traf sie an ihrem Trainingsstützpunkt in Linz zum Interview

LUKAS ZAHRER
INTERVIEW / PORTRAIT, COMPLETE MAGAZIN 1/20

Foto: Stefan Mayerhofer

complete Magazin:Im vergangenen September feierten Sie mit WM-Bronze den größten Erfolg Ihrer Karriere – ein Jahr vor den Olympischen Spielen. Perfektes Timing, oder?

Verena Preiner: In Doha ging ein Traum in Erfüllung. Die Erwartungshaltung für Tokio 2020 ist durch den Erfolg gestiegen, aber nur für Außenstehende. Bei meinen ersten Olympischen Spielen will ich in erster Linie Erfahrungen sammeln. Ich brauche sicher noch bis 2024, bis meine technischen Feinheiten ausgereift sind. Dieser Gedanke nimmt mir etwas Druck ab.

Fällt Ihnen das Training nach der WM-Medaille leichter?

Durchaus, aber es ist schwierig zu beschreiben. Ich bin im Alltag noch immer derselbe Mensch. Mein Umfeld hat aber bemerkt, dass ich selbstbewusster auftrete. Ich kann Anweisungen im Training schneller umsetzen, was die Qualität der Einheiten steigert.

Beinahe wäre es nicht zu Ihrer Sternstunde gekommen. Unmittelbar vor Ihrem WM-Erfolg ging Ihnen das Geld für ein Trainingslager aus. Erst via Crowdfunding fanden Sie die nötigen Mittel. Wie kam es zu der Idee?

Eine Trainingskollegin machte mich auf die Plattform ibelieveinyou.at aufmerksam, mit der österreichische Sportprojekte finanziert werden. Crowdfunding trägt dazu bei, dass Menschen die jeweilige Sportart besser verstehen und intensiver verfolgen. Sie sehen, was abseits von Wettkämpfen passiert und welche Kosten entstehen, wenn man an die Weltspitze will. Glücklicherweise glaubten viele Menschen an meinen Erfolg.

Wie knapp bei Kasse waren Sie wirklich?

Ohne Crowdfunding wäre das entscheidende Trainingslager in der Türkei nicht möglich gewesen – zumindest nicht in dieser Qualität. Ich konnte mich gezielt auf die WM vorbereiten. Im Endeffekt verhalfen mir meine Fans zur Medaille.

Kann man vom Siebenkampf leben?

Kurze Antwort: Nein. Ich betreibe Leichtathletik nicht des Geldes wegen.

Wie schaffen Sie es trotzdem?

Ich bin beim Bundesheer angestellt. So finanziere ich meinen Alltag. Preisgelder stecke ich sofort in die Weiterentwicklung. So kann ich mir etwa ein neues Gerät leisten. Meine letzte Anschaffung misst bei jedem Speerwurf den Winkel und die Geschwindigkeit. Das bringt mich in der Analyse merklich weiter. So komisch es klingen mag, aber solche Dinge erhöhen den Spaß im Training und die Chancen auf Erfolg.

Wie viel kostet eine Siebenkampf-Saison?

Ein zweiwöchiges Trainingslager mit meinen Betreuern kommt auf rund 10.000 Euro. Im Trainingsalltag benötige ich tägliche Physio- oder Massageeinheiten. Grob geschätzt komme ich auf einen hohen fünfstelligen Betrag. Der Leichtathletikverband, das Land Oberösterreich und meine Sponsoren helfen mir bei der Finanzierung.

Wie hoch ist Ihr Materialverschleiß? Werfen Sie etwa ein Leben lang mit dem selben Speer?

Speere haben eine lange Haltbarkeit. Was man aber bedenken muss: Für unterschiedliche Weiten braucht es verschiedene Speere. Ein 40-Meter-Speer hat eine andere Dynamik in der Luft, niemand wirft ihn auf 70 Meter.

Wie viele Schuhe verbrauchen Sie pro Jahr?

Der komplette Satz wird zweimal ausgewechselt. Ich verwende für jede Disziplin ein eigenes Paar.

Können Sie die Schuhe vom Hochsprung nicht für den Weitsprung verwenden?

Unmöglich. Die Schuhe sind für jede Disziplin optimiert. Beim Kugelstoßen brauche ich etwa eine flache Sohle, um ideal angleiten zu können.

Aber sagen Sie jetzt bloß nicht, dass Sie auch Ihre Wettkampfkugeln austauschen müssen.

Auch hier gibt es Unterschiede. Die Größe der Kugel ist nur in einem Korridor vorgegeben: Der Durchmesser darf 95 bis 110 Millimeter betragen. Es kommt also darauf an, welche Kugel sich besser anfühlt.

Frauen bestreiten den Siebenkampf, Männer den Zehnkampf. Woher kommt der Unterschied?

Aus der Historie des Sports. Früher gab es für Frauen nur Fünfkämpfe, später kamen Speerwurf und 200 Meter hinzu. Ich hätte kein Problem mit einem Zehnkampf, finde die aktuelle Regelung aber gut.

Abgesehen davon: Wie steht es um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der Leichtathletik?

Zuseher kaufen Tickets für eine gesamte Session, in der sich Frauen wie Männer in verschiedensten Disziplinen messen. Die Zuschauerzahlen sind beim Siebenkampf ident zu jenen im Zehnkampf. Im Verdienst gibt es nur minimale Unterschiede. Daher sehe ich beide Geschlechter in der Leichtathletik vom Standing her durchaus auf einem Niveau.

Über die Sportlerin

Verena Preiner, 25, geboren in Ebensee (OÖ), ist mehrfache Staatsmeisterin und österreichische Rekordhalterin im Siebenkampf. Im Heimatverein auf den Geschmack gekommen, zog sie mit 15 Jahren nach Linz, um eine Profikarriere zu starten. Diese fand im Herbst 2019 mit WM-Bronze ihren bisherigen Höhepunkt.


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