Einfach „hyggelig“!

In Aarhus findet man alles, was es zum Glücklichsein braucht. Die Kulturhauptstadt 2017 lockt mit dänischer Gemütlichkeit, viel Lebensfreude und einem ambitionierten Kulturprogramm

STADTPORTRÄT | HEIDRUN HENKE | COMPLETE MAGAZIN 1/17

Foto: Heidrun Henke

War ich womöglich in Sibirien gelandet? Wer im Winter in Aarhus ankommt, sieht nichts außer einer schier endlosen Schneelandschaft – ein einziges Whiteout. Doch das Schild am Flughafen war eindeutig: „Ankomst“. Da fühlt man sich doch gleich willkommen.

Das war meine erste Begegnung mit Aarhus vor zehn Jahren. Die dänische Stadt war für mich bis zu diesem Zeitpunkt eine große Unbekannte. Der Winter war hart und rau, jeder Weg wurde im kniehohen Schnee zum Abenteuer. Aarhus schien in einer Art Winterschlaf zu liegen. Das Leben spielte sich drinnen ab und so lernte ich schnell eines der wichtigsten dänischen Wörter kennen: „hyggelig“. Es bedeutet so viel wie gemütlich, angenehm, geborgen oder tröstlich. Diese ganz spezielle Stimmung ist Teil der dänischen Mentalität. „Hygge“ ist beispielsweise, wenn draußen der Schnee wirbelt und man im Warmen sitzt, sich etwas Gutes tut, Kerzen anzündet und dabei eine Schale Tee genießt. Es ist kein Zufall, dass dänisches Interieur einen so hohen Stellenwert erlangt hat und weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzt wird. Aber auch ein Picknick im Sommer oder der Genuss beim Betrachten eines wunderbaren Gemäldes können „hyggelig“ sein. Es ist eine Haltung – ein Lebensgefühl, das glücklich macht.

Glück scheint überhaupt eine skandinavische Spezialität zu sein. Laut jährlichen Umfragen zum Thema Glück und Zufriedenheit sind die Dänen fast jedes Jahr im Ranking ganz vorne. Die Wissenschaft spricht sogar von einem „Danish Effect“. Da sollte man sich eine Scheibe abschneiden, wie in vielen anderen Bereichen auch – sei es beim Fahrradfahren, beim Bildungssystem, beim Kunst- und Kulturschaffen oder bei der familienfreundlichen Arbeitspolitik.

Aber der Reihe nach. Ich komme nach über zehn Jahren wieder nach Aarhus und staune nicht schlecht: Die Stadt ist erwacht. Und das liegt nicht nur daran, dass ich diesmal in der warmen Jahreszeit anreise. Sie hat sich gewaltig verändert: Aus Aarhus ist eine lebendige, aufstrebende und selbstbewusste Stadt geworden – manche nennen sie „der Welt kleinste Großstadt“. Den Studentenstatus hat Aarhus nicht nur beibehalten, sondern ausgebaut: Von den 320.000 Menschen, die hier leben, sind aktuell 40.000 Studenten.

2017 übernimmt die zweitgrößte dänische Stadt die Rolle der Europäischen Kulturhauptstadt. Für viele stand Aarhus lange im Schatten der großen Schwester Kopenhagen. Nun ist die Hafenstadt stolz in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und kommt in den Genuss, auch einmal die Nummer eins zu sein. „Wir haben lange darauf gewartet, jetzt sind wir da“, rappt der Hip-Hop-Künstler Julaw, der auch den Song zu „Aarhus 2017“ produziert hat, in dem es weiter heißt: „Das ist eben Aarhus, hier geht alles ein bisschen langsamer.“ Trotz aller Veränderung lässt sich die Stadt nicht beirren und behält ihren gemütlichen Charme. „Die Leute hier sind nicht so schick und so seltsam wie in Kopenhagen, aber sie sind ehrlich. Sie sagen, was sie denken, hören zu und wissen nicht immer gleich alles besser“, rappt Julaw. Der Wettbewerb mit der „großen Schwester“ Kopenhagen währt schon lange. Doch gerade im kulturellen Bereich weiß es Aarhus mindestens genauso gut. Die engagierten Protagonisten der Kulturhauptstadt fahren heuer ein ambitioniertes und vielseitiges Programm auf.

Und auch sonst hat die Stadt viel zu bieten. Von der Weite erkennt man schon die riesigen Kräne, die die Sky-line von Aarhus ergänzen. Hier befindet sich der größte Containerhafen des Landes, ein bedeutender Umschlagplatz für die gesamte Ostseeregion. Kurt aus Hamburg hat sich hier verliebt, vor allem in die Gewässer, die Küstenregion und die einsamen Strände. Er ist leidenschaftlicher Segler. Mit seinem Boot hat er zahlreiche Meere durchkreuzt und viele Abenteuer erlebt. Nun ist Aarhus der Hafen, an dem er am liebsten andockt. Heute schätzt er die gemütlicheren Touren, die unberührte Küste vom Nationalpark Mols Bjerge und den rauen Ostseewind. Bisweilen kann es hier sehr unwirtlich werden, die Winde und die Temperaturen sind nichts für Wohlfühlsegler. „Aber wenn der Wind nachlässt und die Sonne rauskommt, dann gibt es nichts Schöneres, als mit dem Boot Richtung Fjordlandschaft zu schippern und dort die Einsamkeit zu genießen“, erzählt Kurt.

Garantiert nicht einsam fühlt man sich auf dem Fahrrad, dem liebstem Verkehrsmittel der Dänen. Das Strampeltempo entspricht der Stadt. Aarhus’ Fahrradpolitik ist beispielhaft und innovativ, sogar für Dänemark. Die Stadtregierung hat hier die erste Radstraße errichtet. Fast ein Viertel der Bevölkerung wählt das Rad, um in die Arbeit zu fahren. Hier besitzt fast jeder, ob jung oder alt, mindestens ein Rad und es wird winters wie sommers in die Pedale getreten. Dabei erkennt man das Wikingernaturell der Dänen: Weder Minusgrade noch Schneefall halten sie vom geliebten Radsattel fern.

Auch Besucher und Austauschstudenten aus wärmeren Gefilden springen gern auf den hiesigen Trend auf – wie man an den vielen Verleihstationen und überfüllten Fahrradständern vor den Unis erkennen kann.

Zahlreiche Cafés und Bars, eine progressive Musikszene, kultige Clubs und spannende Festivals ziehen Kreative und Studenten aus der ganzen Welt an. Viele kommen wegen der guten Unis nach Aarhus, zum Beispiel des Journalistenhojskolen, Dänemarks größter Ausbildungs- und Forschungseinrichtung für Journalismus und Schmiede renommierter Fotojournalisten. 2015 hat gerade wieder ein Abgänger der Schule, Mads Nissen, den World Press Photography Award gewonnen. Die 27-jährige Stine ist Fotostudentin in Aarhus, sie wohnt in einem typisch dänischen Backsteinbau. Von hier ist es nicht weit zum Strand. In zehn Minuten ist sie bei den Dünen, an denen sie oft entlangspaziert, um den Kopf freizubekommen oder neue Ideen für Fotoprojekte zu finden. Als Zugezogene hat Stine die Stadt schnell ins Herz geschlossen: „Aarhus ist so vielseitig, man spürt auf Schritt und Tritt das mittelalterliche Flair der Wikingerzeit. Ich liebe die Kopfsteinpflasterstraßen und die bunten Häuser. Fotomotive gibt es hier genug für mich.“ Sie genießt die rege Kulturszene der Stadt: „Durch die Nähe zur Natur sind die Leute bodenständig und einfach. Auf der anderen Seite sprudelt die Stadt über vor Innovationen, Kunstprojekten und kulturellen Highlights.“

Wenn man über Kunst in Aarhus redet, stolpert man garantiert als Erstes über das berühmte Aros Museum, eines der größten Kunstmuseen Nordeuropas mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst. Ein Blickfang ist der markante Skywalk „Your Rainbow Panorama“ am Dach des zehnstöckigen Gebäudes. Er wurde vom isländischen Künstler Ólafur Elíasson gestaltet und bietet einen fantastischen Rundumblick.

Im Aros Museum wird nicht nur Wert auf Kunst, sondern auch auf Kulinarik gelegt. Im höchstgelegenen Restaurant der Stadt genießt man neben der herrlichen Aussicht die regionale Küche. Zum Beispiel geräucherte Makrele mit Roter Rübe und Lakritze, garniert mit Sauerampfer oder anderen Kräutern, die am Dach in einem kleinen Garten wachsen. Auch Bienenstöcke gibt es dort oben, deren dunkler Honig die Gerichte der Aros Food Hall verfeinert. Der beeindruckende Museumsbau wurde von den dänischen Architekten Schmidt Hammer Lassen geschaffen. Mit dem Dokk1 hat das renommierte Architekturbüro in seiner Heimatstadt ein weiteres Wahrzeichen erschaffen. Die öffentliche Bibliothek liegt direkt neben dem Hafen und fungiert als Kulturzentrum. Gerade im Jahr der Kulturhauptstadt ist das Dokk1 eine verlässliche Anlaufstelle für interessierte Besucher. Vor dem Gebäude lässt man sich am besten auf einer der Stufen nieder, blinzelt der Sonne entgegen, schlürft seinen Coffee-to-Go und sieht den Schiffen, begleitet von einer Schar Möwen, beim Auslaufen zu.

Das Meer mit seinem frischen Wind und der internationale Hafen mit dem regen Fährverkehr sind mit Sicherheit ein Grund, warum die Menschen hier so offen für Neues sind und die Ideen in Aarhus nur so sprießen. Gute Ideen gibt es heuer besonders viele: Ein üppiges Kulturhauptstadtprogramm wartet auf die Besucher. Wer den Norden noch nicht kennt, sollte dieses Jahr in Aarhus damit anfangen. Man wird garantiert belohnt: mit innerer Gelassenheit, einem offenen Geist und strammen Wadeln.

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