„Es gibt diese eine Sekunde“

Die Siebenkämpferin Ivona Dadic ist Österreichs bisher einzige Olympiateilnehmerin in der Königsdisziplin der Leichtathletik: eine Krone, die sie sich hart erarbeitet hat.

INTERVIEW / PORTRAIT | STEPHAN WABL | COMPLETE MAGAZIN 1/18

Foto: Lukas Ilgner

18 Jahre war Ivona Dadic jung, als sie 2012 in London als erste österreichische Siebenkämpferin bei Olympischen Spielen antrat. Zwei Medaillen und eine Olympiateilnahme später ist die vielseitige Sportlerin in der Weltspitze angekommen. Das complete Magazin hat sie im Trainingszentrum in St. Pölten zum Interview getroffen.

complete magazin: — Der Siebenkampf umfasst 100-Meter-Hürden, Hochsprung, Kugelstoßen, 200-Meter-Lauf, Weitsprung, Speerwurf und 800-Meter-Lauf. Sind Sie Siebenkämpferin geworden, weil Sie sich nicht entscheiden konnten?

Ivona Dadic: (lacht) Nein, mir machen einfach alle sieben Bewerbe Spaß. Als Jugendliche habe ich in Wels mit der Leichtathletik angefangen. Bei einem Trainingslager in Italien sind wir dann draufgekommen, dass ich bei mehreren Disziplinen gut bin. Daraufhin haben mein Trainer und ich entschieden, den Siebenkampf anzugehen.

— Haben Sie eine Lieblingsdisziplin?
Für mich hat jede Disziplin ihren Reiz. Die Herausforderung ist es, bei allen sieben so weit wie möglich vorne dabei zu sein, dass am Ende ein gutes Ergebnis herausschaut. Zwei Tage lang in allen Bereichen eine super Leistung zu bringen, ist das Spannende am Siebenkampf.

— Gibt es eine Disziplin, bei der Sie besonders gerne zusehen?
Speerwerfen. Da finde ich die ganze Bewegung toll: den Anlauf, den Wurf, den Flug. Wenn ein Athlet den Speer so richtig schön und kraftvoll wirft, ist das wunderbar anzusehen.

— Sie waren in den letzten beiden Jahren bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres sehr weit vorne. Gewonnen hat aber beide Male eine Skifahrerin. Müssen Sie mehr tun, um gleich viel Aufmerksamkeit wie Skifahrer zu bekommen?
Skifahren ist in Österreich sehr beliebt. Dementsprechend stehen Skifahrer mehr im Fokus. Das ist in Ordnung. Uns Leichtathletinnen wird dann Aufmerksamkeit geschenkt, wenn wir international erfolgreich sind. Um dort hinzukommen, braucht es aber viel Arbeit und eine gute Infrastruktur. Da gibt es in Österreich sicherlich noch Luft nach oben. Ich habe zwei Jahre lang in England trainiert, da hat die Leichtathletik einen ganz anderen Stellenwert.

— 2013 waren Sie lange verletzt, haben sich aber zurückgekämpft. Rückblickend meinten Sie, aus dieser Zeit haben Sie besonders viel gelernt.
Ich war damals in England, ein Jahr nach meinem Antritt bei den Olympischen Spielen in London. Die Erwartungen sind gestiegen, aber zwei Meniskusverletzungen haben mich zurückgeworfen. Bald darauf sind schon die ersten kritischen Stimmen gekommen. Viele meinen es gut mit einem, aber ich habe gelernt, auf jene Menschen zu setzen, die mich wirklich weiterbringen. Auch wenn es einmal nicht so läuft. Das war wichtig für meine Entwicklung.

— 2016 haben Sie bei der EM die Bronzemedaille gewonnen, bei der Hallen-EM 2017 sogar die Silbermedaille. Trotzdem sei noch Luft nach oben, sagten Sie. Wo soll es hingehen?
So weit es geht. Wenn ich heuer bei der EM in Berlin eine Leistung wie vor zwei Jahren bringen könnte, wäre ich sehr zufrieden. Davor findet noch die Hallen-WM in England statt, für die ich mir einiges vorgenommen habe. Das große Ziel ist natürlich Olympia 2020 in Tokio. Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung in Japan sehr gut sein wird. Das zu erleben und so gut wie möglich abzuschneiden, ist eine große Motivation.

— Sie meinten einmal, dass es beim 800-Meter-Lauf eine Sekunde gibt, die darüber entscheidet, ob man vorne dabeibleibt oder nachlassen muss.
Ja, bei mir ist das so. Es hängt natürlich davon ab, wie der Wettkampf bisher verlaufen ist und wie ich mich fühle. Aber es gibt diese eine Sekunde, bei der ich entweder durchbeiße oder nachlasse. Das ist eine Kopfsache. Denn körperlich macht es keinen Unterschied, ob ich auf Zug bleibe oder nicht. Dafür bin ich fit genug. Es ist tatsächlich die Frage, ob mein Wille bereit ist oder nicht.

— Haben Sie ein Ritual vor Wettkämpfen?
Ich bekreuzige mich jedes Mal, bevor es losgeht. Und ich lackiere mir meine Fingernägel farbig. Bei internationalen Bewerben immer rot-weiß-rot.

— Und danach: Was machen Sie, um sich zu entspannen?
Ich schaue gerne Filme und Serien. In letzter Zeit schaue ich eine ganz bestimmte Serie. Aber die ist so blöd, da sage ich lieber nicht, welche das ist (lacht). Eine Woche vor einem Wettbewerb höre ich auf zu schauen und beginne erst wieder, wenn der Wettkampf losgeht. Das entspannt mich.


Ivona Dadic hält den österreichischen Rekord im Siebenkampf. 2012 erreichte sie bei den Olympischen Spielen in London den 25. Platz, 2016 in Rio de Janeiro den 21. Platz. Im gleichen Jahr gewann Dadic die Bronzemedaille bei der Leichtathletik-EM in Amsterdam, 2017 wurde sie Zweite bei der Hallen-EM in Belgrad. Die 24-Jährige lebt und trainiert in St. Pölten. Heuer steht im März die Leicht-athletik-WM in Birmingham an, im August die EM in Berlin.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Anzeige

Anzeige