Essen als poetisches Ritual

INTERVIEW / PORTRAIT | JOHANNA ZUGMANN | COMPLETE LUXUS 1/15

Foto: Ilja Keizer

complete magazin luxus: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Eating-Designerin zu werden?

Marije Vogelzang: Ich war auf der Suche nach dem Werkstoff, mit dem ich mich am besten ausdrücken kann. Als Studentin der Designakademie Eindhoven experimentierte ich mit verschiedenen Materialien, von Holz über Kunststoff, Metall oder Keramik bis hin zu Haaren und Eiern. Dann habe ich mich mit dem Thema Essen zu beschäftigen begonnen. Das Faszinierende dabei ist, dass es ephemer, emotional und intim ist und dass ich ein Design mache, das man sich einverleiben kann.

— Mit welchem Projekt gelang der Durchbruch?

Ich habe noch als Studentin einen Leichenschmaus konzeptioniert. Von den Tellern über die Tischwäsche, den Blumenschmuck bis hin zu den Speisen war alles weiß, was ja in vielen Ländern die Trauerfarbe ist. Das „White Funeral Meal“ wurde 1999 bei der Mailänder Designmesse gezeigt. Es fand medial große Beachtung und läutete einen Trend zu Essen mit vorgegebenen Farbcodes ein.

— Auch Ihr „Sharing Dinner“, ein Firmenweihnachtsessen für das Designunternehmen Droog, ging durch die internationale Presse …

Essen kann Menschen verbinden oder trennen. Ich hielt mich an das religiöse Weihnachtsmotto „Teilen und Beisammensein“. Ich befestigte die Seitenenden eines überlangen Tischtuchs in Lampenhöhe, machte Schlitze für Arme und Köpfe sowie für den Service in das Leinen und ließ die geladenen Gäste dahinter Platz nehmen. Damit waren die Teilnehmer alle „uniformiert“, also gleich. Ich ließ Klassiker wie Prosciutto mit Melone servieren. Der Clou: Ein Gedeck hatte zum Beispiel nur Prosciutto auf den beiden Tellerhälften, das des Visavis nur Melone. Erst durch den sozialen Akt des Teilens und Tauschens wurden die einzelnen Zutaten zum Mahl. Nicht-Kommunizieren war gar nicht erst möglich.

— Bei dem Essen „Eat on the Beat“ ließen Sie die Gäste jeweils zu einem Trommelschlag zu einem bestimmten Lebensmittel greifen. Sollte das genusssteigernd wirken?

Interessant war, dass alle 40 Teilnehmer synchronisierte Esserlebnisse hatten, weil sie jeweils zur gleichen Zeit das Gleiche einnahmen. Wenn man Geschmacksnoten und Musiknoten kombiniert und ihnen einen bestimmten Raum und Rhythmus vorgibt, werden im Mund aus Gerichten musikalische Meisterwerke.

— Anlässlich einer Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg in Rotterdam haben Sie nach Originalrezepten aus der Zeit kochen lassen …

Es gab dort damals eine lange, harte Hungerperiode. Menschen, die sie miterlebt haben, haben diese Speisen 50 Jahre lang nicht mehr gegessen. Für sie war es sehr emotional, über das Gedächtnis des Gaumens wieder daran erinnert zu werden. Das ist es, was ich als Designerin mag: den Zugang zu Gefühlen schaffen.

— Sie liefern also eher soziale Konzepte als kulinarische Rezepte …

Das Kochen und Backen überlasse ich den Experten. Essen kann Menschen verbinden, über Essen distinguieren sich Gesellschaften und differenzieren sich auch – zum Beispiel in den unterschiedlichen Religionen mit ihren spezifischen Ge- und Verboten.

— Woher nehmen Sie die vielen Ideen, was inspiriert Sie?

Ich bin vielseitig interessiert, unterhalte mich mit Bauern, Psychologen, Ökonomen, Musikern, lese wissenschaftliche Studien und besuche Ausstellungen. Ich absorbiere Ideen, lasse sie erst einmal setzen und irgendwann kombiniere ich sie dann zu einem neuen Konzept.

— Sie fordern eine Food-Revolution. Warum?

Was wir heute an einem Tag vertilgen, entspricht dem, was unsere Vorfahren einmal im Jahr zu einem großen Fest aßen. Noch nie haben die Ausgaben für Essen einen so geringen Teil des Haushaltsbudgets in Anspruch genommen wie heute und noch nie war die Wertschätzung für Lebensmittel so gering. In den Wohlstandsgesellschaften landet ein Drittel aller Nahrungsmittel auf dem Müll. Dazu kommen Bienensterben, die ausgefischten Meere, Monokulturen in der Landwirtschaft, der Verlust kultureller Errungenschaften wie der Kochkunst, viele Menschen essen allein und Kinder sehen Nahrung nicht mehr wachsen. Wir vertrauen blind der Lebensmittelindustrie und machen uns zu wenig Gedanken über die Tiere, die wir verspeisen. Derzeit läuft so viel schief in der Welt der Ernährung, dass wir Designer brauchen, die ernsthaft an einer grundlegenden Wende zu arbeiten beginnen. Schließlich sind Lebensmittel die wichtigste Ressource der Welt.

— Sie kreieren auch Essen mit Infotainment-Ansatz, etwa indem Sie die Umweltprobematik immenser Transportwege visualisieren …

Bei einem meiner Projekt ging es darum, auf die CO₂-Problematik weitgereister Lebensmittel aufmerksam zu machen. Ich habe verschiedene Zutaten auf einem Holzbrett angerichtet und die Portionen proportional zur wachsenden Entfernung vom Verzehrort immer kleiner werden lassen. Damit wurden die Gäste mit Themen konfrontiert, die zumindest kommunikativen Handlungsbedarf erzeugen.

— Was ist für Sie Luxus?

Früher hat man Luxus automatisch mit teuren Produkten und Dienstleistungen assoziiert. Das hat sich heute geändert. Vieles ist erschwinglich geworden, wie etwa Delikatessen oder Reisen. Heute ist für mich Luxus, was man nicht kaufen kann. Zeit, Aufmerksamkeit, Liebe zum Beispiel. Für mich wäre zur Zeit der größte Luxus, einmal eine Nacht durchschlafen zu können. Da habe ich seit der Geburt meiner jüngsten Tochter vor acht Monaten ein Defizit.

— Was wäre für Sie der ultimative Genuss?

Mit meinem Mann und meinen Kindern schwerelos auf einer warmen Wolke zu schweben, an der mundgerechte Leckerbissen vorbeifliegen. Dazu Entschleunigungsmusik vom deutschen Komponisten Nils Frahm.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Anzeige

Anzeige