Grau meliert statt auftoupiert

Wehendes Haar im Fahrtwind: Lange Zeit Sinnbild der Freiheit auf vier Rädern. Ein verblassendes Bild. Das Cabriolet stirbt einen leisen Tod. Nur im Luxussegment feiert „Open Air“ fröhliche Urstände

MOBILITÄT | CHRISTIAN ZACHARNIK | COMPLETE MAGAZIN 2/19

Foto: BMW

Es geht um Haare also in dieser Ausgabe. Verquickt mit automobiler Thematik, wie sie dieser Rubrik hier eigen ist, sind Cabriolets rasch als passendes Sujet ausgemacht. Schon allein der plakativen Bebilderung wegen: Wehendes Haar im Fahrtwind. Aber es ist zum Haareraufen: An den Volants der in traumhafter Kulisse in Szene gesetzten Neuheiten sitzen samt und sonders Männer mit akkurat fassonierten, grau melierten Kurzhaarfrisuren und ernstem Blick. Es ist, als wolle man damit den hedonistischen Aspekt verschämt ausklammern und durch einen rationellen ersetzen – wie immer der bei Cabriolets auch geartet sein mag.

Kaum Nachfrage

Diese Metaebene visualisiert den Zustand der gegenwärtigen Cabriokultur ideal: Offene Autos sind der um sich greifenden automotiven Lustfeindlichkeit zum Opfer gefallen. Der Marktanteil marginalisiert sich von Jahr zu Jahr. Wurden 2007 noch mehr als 5.000 Freiluftvehikel in Österreich zugelassen, ist es mittlerweile nur mehr ein Fünftel. Dementsprechend, oder wechselwirkend, das Angebot: In den Segmentniederungen sind Cabrios so gut wie ausgestorben. Den Beetle hat VW vor Kurzem eingestampft, den Volkswagen Golf gibt es schon seit drei Generationen nicht mehr in oben offener Version, und auch die Franzosen, allen voran Peugeot, einst verlässlicher Lieferant luftiger Feinheiten wie des vor 10 Jahren ins Ausgedinge geschickten 306 Cabrio, haben diese Sparte aussortiert.

Kaum Angebot

Für ein kurzfristiges Hoch sorgte vor mehr als 10 Jahren noch einmal der Trend der ästhetisch sehr fragwürdigen Stahldach-Cabrios. Renault etwa hatte da den Mégane CC, Peugeot erst den 206, dann den 207 und den 308 CC im Programm, und VW zog etwas halbherzig mit dem Eos nach. Aber auch das: Geschichte. Wer dem Open-Air-Feeling heute im halbwegs leistbaren Rahmen frönen will, kann das zur Verfügung stehende Angebot an zwei Händen abzählen. Bei den Viersitzern sind das Audi A3, Mini, BMW 2er und in der Klasse darüber Audi A5, BMW 4er und Mercedes C-Klasse. Einen bedeutenden Kahlschlag erfuhr auch die ehedem so mannigfach bestückte Roadster-Kategorie. Einzig der legendäre und bestens gepflegte Mazda MX-5 hält seit genau 30 Jahren hier die Fahne hoch. 2016 gesellte sich dann noch der Fiat 124 Spider dazu, der aber auch auf dem Japaner basiert.

Der Platz an der Sonne

Die nahe Zukunft hält, wie auch der Genfer Automobilsalon Anfang März gezeigt hat, wenig bis nichts Neues für frischluftverliebte Volantdreher im medianen Einkommensbereich bereit. Ganz anders die Sachlage dort, wo Geld keine Rolle spielt. Jenseits der 100.000-Euro-Grenze ist die Cabriowelt noch in Ordnung. Während die immer mehr in Bedrängnis geratende Mittelschicht die individuelle Motorisierung gezwungenermaßen per se in Frage stellt, genießt Mann beziehungsweise Frau von Geld den Platz an der Sonne. Dementsprechend der Neuheitenreigen für dieses Jahr: Porsche 911 Cabriolet (ab € 164.155), Lamborghini Aventador SVJ Roadster (jenseits einer halben Million), Lamborghini Huracan Performante Spyder (€ 219.585), Mercedes-AMG GT R Roadster (rund € 250.000), Bentley Continental GT Convertible (ab € 280.000), BMW 8er Cabriolet (ab € 121.250).

Stellt sich nur eine Frage: Wenn denn das Leben in nicht enden wollender Solvenz und am Steuer eines mon­dänen Cabriolets gar so erstrebenswert ist, warum verleihen die Hersteller dem in ihren Hochglanzsujets nicht mit fröhlich im Wind wallenden Mähnen Ausdruck? Zumindest unsere Fotoredaktion hätte das sehr glücklich gemacht.

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