Handwerk, Hightech, Haute Couture

Eine St. Galler Erfolgsgeschichte

MODE & BEAUTY | STEPHANIE RUGEL | COMPLETE LUXUS 1/18

Foto: Daniel Ammann, Ivo Scholz/Switzerland Tourism

Ist die Rede von Haute Couture und weltberühmtem Modedesign, denken die meisten an wohlklingende Namen wie Chanel, Dior oder Gucci und an die großen Modemetropolen Paris, New York und Mailand. Weniger bekannt ist, dass all der Glanz und Glamour auf den Laufstegen dieser Welt ohne das beschauliche Schweizer Städtchen St. Gallen in direkter Bodensee-Nähe kaum möglich wäre.

Dabei blickt St. Gallen auf eine über 800-jährige Textiltradition zurück, die der Stadt eine ganz eigene Weltberühmtheit in Sachen Spitzenproduktion einbrachte – und das ist ruhig doppeldeutig zu verstehen! Bis ins frühe Mittelalter reicht die textile Kunstfertigkeit der Ostschweiz zurück. Jahrhundertelang wurden hier Leintücher gefertigt, wurde Baumwolle verarbeitet und feinste Stoffe bestickt. Und das mit so großem Erfolg, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts die berühmte St. Galler Stickerei der Schweizer Ausfuhrartikel Nummer eins war – noch vor Uhren, Schokolade oder Käse.

Auch heute noch stecken oft St. Galler Unternehmen und deren Meister hinter den atemberaubenden Roben, die im Blitzlichtgewitter von Fashion Weeks und roten Teppichen präsentiert werden. Amal Clooney, Madonna oder Michelle Obama sind nur drei von vielen prominenten Liebhaberinnen der exquisiten Schweizer Stoffe.

Einer, der jedes Jahr mehr als 1.200 verschiedene davon mit einem kleinen Team designt, ist Martin Leuthold. Er ist Chefdesigner bei Jakob Schlaepfer, einem der wichtigsten Textilbetriebe in St. Gallen. Dass das Unternehmen in Sachen Avantgarde, technische Innovationen und neue Materialien in der obersten Liga spielt, hat es nicht zuletzt ihm zu verdanken. Ein kurzer Blick auf die Kundenliste genügt, um festzustellen, dass Leutholds Stoffe und Stickereien international gefragt sind. Häuser wie Comme des Garçons, Fendi oder Vivienne Westwood verarbeiten sie Saison für Saison zu weltweit begehrten Roben.

Wie ihm das gelingt? Unter anderem, indem sich Leuthold seit Jahrzehnten intensiv mit der langen Textiltradition St. Gallens beschäftigt und es versteht, diese in die heutige Zeit zu transportieren. Seine Stoffe verknüpfen Handwerk mit Hightech, bestehen teilweise aus völlig fachfremden Materialien und werden mithilfe modernster Technologien gefertigt.

Der Textil-Créateur ist davon überzeugt, dass man einen Stoff nicht nur nach seiner Optik aussuchen kann, sondern ihn selbst fühlen und berühren muss. Kein Wunder also, dass zahlreiche Modedesigner den Stoff-Künstler persönlich aufsuchen, um sich die neuesten Entwürfe zeigen zu lassen und vor Ort die passenden Kreationen für ihre Kollektionen auszuwählen.

Zu Besuch in St. Gallen finden sie dann nicht nur das Material für ihre Designs, sondern oft auch Inspirationen für zukünftige Entwürfe. Zum Beispiel im städtischen Textilmuseum, das über zigtausend Geschichte gewordene Stoffe verfügt – angefangen bei Geweben aus ägyptischen Gräbern bis hin zu zeitgenössischer Textilkunst.

Doch nicht nur internationales Fachpublikum weiß das kostbare Kulturgut St. Gallens zu schätzen. Wie stolz die Schweizer auf ihr textiles Erbe sind, zeigt sich alle drei Jahre beim über die Stadtgrenzen hinaus beliebten Kinderfest, das heuer in der Zeit vom 16. Mai bis 2. Juli stattfinden wird. Bei zahlreichen Veranstaltungen führen Schülerinnen und Schüler die Kreationen regionaler Textilunternehmen vor und knüpfen so den langen Faden der städtischen Textilgeschichte weiter in Richtung Zukunft.

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