„Handwerk ist alltäglicher Luxus“

Thomas Geisler, Geschäftsführer des Werkraum Bregenzerwald, über das Handwerk als Zukunftsberuf

INTERVIEW / PORTRAIT | STEPHAN WABL | COMPLETE LUXUS 2/16

Foto: Werkraum Bregenzerwald / Thomas Steinlechner

COMPLETE MAGAZIN: Was zeichnet den Werkraum Bregenzerwald aus?

THOMAS GEISLER: Der Werkraum vereint beinahe 90 Handwerkerbetriebe und steht für einen zeitgenössischen Zugang zum Themenfeld Handwerk. Einerseits geht es um das Bewahren und Weitergeben von Wissen. Gleichzeitig verfolgt der Werkraum den Anspruch, innovative zeitgenössische Produkte herzustellen. Der Gestaltungsaspekt ist für die Handwerker im Bregenzerwald sehr wichtig und die Betriebe haben eine eigene Formensprache entwickelt. Durch das 2013 fertiggestellte Werkraumhaus gibt es zudem einen Ort der Begegnung, des Austausches und der Präsentation.

— In Österreich gibt es ähnliche Cluster. Der Werkraum ist aber als Plattform einzigartig. Warum eignet sich Vorarlberg besonders gut dafür?

Vorarlberg ist ein innovatives Wirtschaftsland. Der Beruf des Handwerkers hat hier gesellschaftlich und wirtschaftlich einen angesehen Status. Daran hat auch die baukulturelle Entwicklung der letzten Jahre, zum Beispiel durch die zeitgenössische Architektur, einen Anteil. Die Besinnung auf regionale Materialien und die Umsetzung durch lokale Handwerker wurden durch die Architekten gesucht. Das ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und hat den Stellenwert des Handwerks gestärkt.

Der Wettbewerb „Handwerk und Form“ hat auch eine wichtige Funktion. Dieser richtet sich an internationale Gestalter, Architekten und Designer, die mit einem Handwerksbetrieb aus dem Bregenzerwald einen Entwurf einreichen und das Produkt gemeinsam umsetzen. Die Ergebnisse werden dann in einer Art Leistungsschau alle drei Jahre im Werkraumhaus präsentiert.

— Der Anspruch des Werkraums ist es, innovative Produkte und modernes Design zu entwickeln. Was bedeutet das für Sie?

Das beginnt bereits bei der Frage: Was ist überhaupt Handwerk? Handwerk ist mehr als nur Tätigkeiten und Produkte per Hand zu entwickeln. Es geht auch darum, das Wissen anhand neuer technologischer Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Das Handwerkswissen und neue technische Möglichkeiten sollen sich ergänzen und dadurch innovative Ansätze ermöglichen. Hier fällt auch hinein, dass Handwerk ein Zukunftsberuf ist. Verfolgt man die Debatte um die zunehmende Roboterisierung am Arbeitsmarkt, dann erscheinen Berufe im Handwerk wieder besonders reizvoll und wichtig. Klein strukturierte Produktionsabläufe werden kaum durch Roboter ersetzt, sondern brauchen handwerkliches Wissen und eine kreative Umsetzung. In diesem Sinne ist das Handwerk eine zukunftsfähige Tätigkeit und Lebenswelt.

— Würden Sie modernes Handwerk als Luxus bezeichnen?

Handwerk ist vielleicht eine Form von alltäglichem Luxus. Denn es beinhaltet die Bereitschaft, sich etwas Qualitätvolles leisten zu wollen und zu können. Die Entwicklung hat beim Essen begonnen mit Begriffen wie Slow Food oder Organic Food und ist nun auch beim Design und in der Produktgestaltung angekommen. Da gibt es einen Wertewandel und die Statussymbole ändern sich. Früher war es das Haus oder das Auto, für das man Geld ausgegeben und das man hergezeigt hat. Heute kann eine schöne Küche oder ein Möbel genauso viel kosten wie ein Auto, das ich eben nicht mehr unbedingt brauche. Das kommt dem Handwerk zugute.

— Wie sehen Sie den Trend zum Selbermachen (Do it Yourself) in diesem Zusammenhang?

Man nimmt sich die Zeit, den Luxus, Dinge wieder selber zu machen. Das kann ökonomische Gründe haben, kommt aber vor allem von der Neugierde, wissen zu wollen, wie sich etwas zusammensetzt, Dinge produziert werden und welche Arbeit dahintersteckt. Das erzeugt auch die Wertschätzung für Fachkräfte und professionelle Handwerker, die sich ständig mit Fragen nach Materialien, Zusammensetzung und Formen beschäftigen.

— Welche Themen beschäftigen den Werkraum in nächster Zeit?

Im September hat die erste Klasse der Werkraumschule mit 31 Schülern und Schülerinnen begonnen. Das ist ein Schulpilot über fünf Jahre mit drei Jahren Handelsschule und zwei Jahren Lehrzeit im Betrieb. Über diese fünf Jahre wird jeder Schüler von einem Ausbildungscoach betreut, mit dem Ziel, dass sie am Ende als gut ausgebildete Fachkräfte übernommen werden. Zudem gibt es Ideen für einen gemeinsamen Vertrieb und eine Werkraum-Kollektion von Produkten und Objekten. Das Thema modernes Marketing steht auch am Programm; den Werkraum und die Serviceleistungen der Betriebe nicht nur vor Ort abzubilden und anzubieten, sondern digital und weltweit. Jeder Betrieb ist zwar Teil der Gemeinschaft, hat aber auch eine eigene Identität. Diese Individualität herauszuarbeiten und diese Geschichten über das Internet zu kommunizieren, ist ein nächster Schritt. Dabei geht es auch darum, die Handwerker mit neuen Aufgaben und Projekten zu fordern und wachsen zu lassen.

— Haben Sie persönliche Schwerpunkte?

Der Werkraum kann mehr leisten, als Möbel oder Bauprojekte umzusetzen, weil das Wissen der Betriebe von Holz über Metall bis Elektronik sehr divers ist. Eine radikale Vision wäre vielleicht ein Werkraum Auto, das sich mit E-Mobilität, Karosserien aus Holz und Mobilität am Land beschäftigt. Was passiert zum Beispiel, wenn ich innovative Hightech-Betriebe, die es in Vorarlberg gibt, mit dem Werkraum zusammenbringe? Hier möchte ich neue Perspektiven auf das Handwerk werfen und zeigen, dass Handwerk nicht nur Tradition, sondern vor allem Zukunft ist.

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