Handwerk mit Hand und Fuß

Leder statt Plastik, reparieren statt wegwerfen: Siegfried Hain trägt als Schuhmacher wesentlich zur Nachhaltigkeit bei. Im Interview gibt er Einblicke in das traditionelle Handwerk, dessen Zukunft bedroht ist

IRENE OLORODE
INTERVIEW / PORTRAIT, COMPLETE MAGAZIN 2/21

Foto: Fabio Hain

COMPLETE MAGAZIN: Laut WKO sind hierzulande nur noch 21 Betriebe in der Schuhindustrie tätig. Wie könnte man mehr Menschen für den Beruf des Schuhmachers begeistern?
SIEGFRIED HAIN: Die Schuhe müssen wieder mehr aufgrund ihrer Qualität gekauft werden. Lieber drei Paar sehr gute Schuhe als 15 Paar Billigschuhe, die gesundheitsgefährdende Substanzen enthalten und aufgrund ihrer schlechten Passform den Füßen nicht guttun. Dann würde der Beruf des Schuhmachers wieder wichtig sein und es gäbe wieder mehr Interesse am Handwerk.

Die Schuhbranche ist von kurzlebigen Trends und Massenproduktion geprägt. Was hat Sie dennoch am Beruf des Schuhmachers gereizt?

Ein handgemachter Schuh lebt nicht unbedingt von Trends. Er ist etwas ganz Besonderes, und so einen Schuh herzustellen hat mich immer gereizt, und man setzt mit jedem Paar Schuhe ein Ausrufezeichen gegen die Billig- und Massenproduktion.

Macht sich der Trend zur Nachhaltigkeit in einer höheren Nachfrage nach Reparaturen und Maßanfertigungen bemerkbar?

Ja, auf jeden Fall. Ich hoffe, es bleibt nicht nur bei einem Trend und die Menschen versuchen wirklich, weniger Schuhe aus Massenproduktion, dafür mehr Qualitätsschuhe aus nachhaltiger Produktion zu kaufen und dann auch reparieren zu lassen.

Wie lang dauert es, bis ein Paar Maßschuhe angefertigt ist?

Das kann ich nicht genau sagen, weil es viele verschiedene Macharten gibt, aber durchschnittlich circa drei Stunden für das Schuhoberteil, die Stepparbeiten, etwa acht Stunden für das Zwicken, das Drüberziehen des Lederoberteils über den Leisten und Bodenarbeit, also das Verbinden mit der Sohle, sowie das Schuhfinish.

Welcher Schritt ist dabei der aufwendigste?

Das Oberteil über den Leisten zu ziehen und anschließend mit der Sohle zu verbinden. Dabei muss darauf geachtet werden, dass es zu keiner Faltenbildung kommt. Zuerst wird das Futter über den Leisten gespannt, die Vorder- und Hinterkappe geben der Schuhspitze Form und Festigkeit. Danach wird das Oberleder über den Leisten gezogen und mit Metallstiften fixiert.

Welche Eigenschaften muss Leder mitbringen, um für die Schuhherstellung geeignet zu sein?

Das Wichtigste ist eine gute Gerbung und eine optimale Qualität der ­Lederhaut. Ich sage immer, gutes Leder braucht vor allem Zeit.

Stellen Sie auch vegane Schuhe her?

Ich stelle derzeit keine veganen Schuhe her. Dazu fehlt derzeit noch das richtige Material, das genauso robust und langlebig wie Leder sein soll. Plastik verwende ich nicht.

Worauf sollte man bei der Pflege von Lederschuhen besonders achten?

Nach dem Tragen von Schuhen sollten immer sofort passende Schuhspanner eingelegt werden. Am besten sind hier Spanner aus Naturholz. So kann der Schuh die Feuchtigkeit abgeben und behält seine Form, Gehfalten werden „ausgebügelt“. Bevor Cremes oder Sprays aufgetragen werden, das Leder feucht abwischen. Dann mit einem Baumwolltuch die Creme kreisend in das Leder einmassieren. So kann der Schuh einige Zeit – auch über Nacht – stehen bleiben. Jetzt können die Schuhe mit einer geeigneten Bürste mit Naturborsten – bevorzugt Rosshaar – auf Hochglanz poliert werden. Rauleder wird ausgebürstet und mit farblich passendem Spray imprägniert, gepflegt und aufgefrischt. Wichtig ist hier wieder die Qualität des Produktes. Hochwertige Cremes, Bürsten und Sprays verlängern die Lebensdauer der Schuhe.

Sie planen die Eröffnung eines Schuh­museums in Linz. Welches Exponat liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ich habe viele Ausstellungsstücke, die mich faszinieren. Ein Paar Damenschuhe, das etwa 35 Mal repariert wurde, weil die Besitzerin nur dieses eine Paar hatte, und die Schuhe sie ihr Leben lang von 1918 bis 1960 begleiteten, hat es mir besonders angetan. Aber bleiben Sie gespannt, die Ausstellung zeigt viele besondere Unikate mit Geschichte. Die Eröffnung ist für 1. Oktober 2021 geplant.


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