Im Schnee zwischen Berg und See

Wo die Weite der Kärntner Nockberge auf die Tiefe des Millstätter Sees trifft, findet man im Winter ein Wunderland voller Möglichkeiten

JASMIN KREULITSCH
REISE, COMPLETE MAGAZIN 4/21

Foto: Gert Perauer/Millstaettersee Tourismus

In der Früh liegt Bad Kleinkirchheim im Schatten. Nur auf den Gipfeln glitzert der erste Gruß der Morgensonne, die gleich das Tal in ein warmes Licht tauchen wird. Noch ist es ruhig, doch sobald die Skilifte öffnen, fahren Wintersportler der Sonne entgegen, egal ob auf Ski, am Snowboard oder in Schneeschuhen. Letzteres erlebt einen Boom: Was von Alpinsportlern manchmal belächelt wird, ist die sanfteste Art, Schneelandschaften zu erkunden. Ursprünglich entwickelt von Bergbewohnern als Fortbewegungsart auf hohem Schnee, ist Schneeschuhwandern heute eine Sportart, die mit jedem Fitnessniveau betrieben werden kann. In Bad Kleinkirchheim wird das winterliche Work-out mit Genuss kombiniert: bei der Schneeschuhwanderung „Gourmet im Schnee“ von der Ski- und Sportschule Krainer. Die Tour führt auf fünf Kilometer und über 300 Höhenmeter von der Bergstation der Maibrunnbahn über die Feldpannalm bis zur Klamerhütte, die in einem Talkessel oberhalb von Feld am See liegt. Unterwegs eröffnet sich mit jedem Schritt eine neue Perspektive auf die umliegende Bergwelt, die hier oben wirkt, als würde der Schnee alles verzaubern und verlangsamen, damit jeder stehen bleibt und seine Pracht bestaunt.

Schneeschuhe und Schlemmerei

Auf der Klamerhütte angekommen, steht Senner Klaus Kohlweiss vor der Tür und rührt in einer Pfanne: Er bereitet Frigga zu, ein typisches Frühstück, das aus dem Alpe-Adria-Raum stammt. Traditionell wurde das Speck-Käse-Omelett von Holzfällern über offenem Feuer hergestellt, auf der Klamerhütte macht man es genauso. Klaus Kohlweiss stellt in seiner Hütte Hartkäse, Schnittkäse, Käse mit Rotschmiere, Butter, Topfen, Joghurt und Aufstriche her. Auch eine Besonderheit steht bereit: gefüllte Butter. Diese Spezialität gibt es nur in wenigen Teilen Mittelkärntens. Früher hatte man auf Berghütten nur eine geringe Auswahl an Lebensmitteln – und kreierte aus Butter und Mohn eine Art Mohnbutter-Roulade, die man zu Reindling aß. Heute reicht man das Gericht nur zu Ostern und zu Beerdigungen – und bei der Tour „Gourmet im Schnee“. In den Tälern und auf den Bergen haben sich über die Jahrhunderte hinweg Speisen entwickelt, die den regionalen Gegebenheiten angepasst sind. Und auch wenn Bad Kleinkirchheim bekannt ist für Weltcup und „Wenn die Musi spielt“, hat der Ort mehr zu bieten und blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die Gemeinde gehört zu den zwanzig meistbesuchten Fremdenverkehrsorten Österreichs, war aber Mitte des 20. Jahrhunderts vorwiegend bäuerlich geprägt. Bekannt wurde Bad Kleinkirchheim, als Kurgäste kamen, einer Sage zufolge bereits im 11. Jahrhundert.

Kurven und Karussell

Nach einer zünftigen Jause geht es zurück ins Tal, allerdings nicht auf Schneeschuhen, sondern auf Kufen und über Kurven. Auf dem Schlitten saust man knapp 30 Minuten nach unten. In Bad Kleinkirchheim geht das Angebot über das klassische Skifahren hinaus, der Schnee zeigt sich mit vielen Gesichtern. Gerodelt wird auf vier Naturrodelbahnen und zwei Rodelstrecken, sogar nachts. Dann geht es mit dem Traktortaxi den Berg hinauf, mit der Rodel rasant runter – und dazwischen gibt’s ein Abendessen auf der Unterwirt-Hütt’n. Tagsüber sind die Pisten indes Skifahrern vorbehalten. In der Region und im Umkreis von 30 Autominuten sind 31 Schneedestinationen mit mehr als 850 Pistenkilometern erreichbar – vom Sportberg Goldeck über Pisten in Bad Kleinkirchheim und auf der Gerlitzen bis hin zu Katschberg und Turrach. Das komplette Skikarussell kann mit dem Topskipass Kärnten und Osttirol befahren werden. Dann offenbart sich die Schönheit der Nockberge. Wie kleine Nocken reihen sich die Berge mit ihren gerundeten Kuppen aneinander. Von allen Gebirgsgruppen der Ostalpen wirken die Nockberge am sanftesten, haben aber die längste Geschichte. 60 Millionen Jahre haben sie am Buckel, deshalb ist ihr Erscheinungsbild weniger schroff als das der Hohen Tauern im Westen oder der Karawanken und Karnischen Alpen im Süden. Die schönste Art, sich den Nocken anzunähern, ist auf dem Nockberge-Trail mit vier Tagesetappen und auf 65 Kilometer. Jede Etappe beginnt mit einer Liftfahrt, Start und Ende sind immer in einem Skigebiet. Der Trail ist der erste online buchbare Ganzjahrestrail in Österreich, Tourengeher können vorab Unterkunft, Shuttle- und Gepäckservices buchen.

Wellness und Wandern

Nach einem Tag im Schnee locken die Thermen in Bad Kleinkirchheim. Hier ist der Wasserspaß bereits im Namen enthalten. Mitten im Ort liegt die Familien- & Gesundheitstherme St. Kathrein am Kurpark. Die Therme wurde 2017 renoviert und hat auf 1.200 Quadratmetern die größte Wasserfläche aller Kärntner Thermen. Etwa eineinhalb Kilometer entfernt lockt die Römertherme mit Winterwellness an. Auf insgesamt 12.000 Quadratmetern gibt es eine große Sauna- und Wellnesslandschaft. Praktisch: Ab einem Zwei-Tages-Skipass gibt es im Skigebiet Bad Kleinkirchheim das Kombiticket Ski und Therme. Das Gegenstück zu den zwei Bad Kleinkirchheimer Thermen liegt am Millstätter See. Wo es rund um den Wörthersee oft um High Society und High Life zu gehen scheint, zeigt sich der zweitgrößte See Kärntens zurückhaltender. Die Nostalgie vergangener Tage war der Grundstein für das Badehaus, das an die Idee der Sommerfrische von einst anknüpft. Als im 19. Jahrhundert Europa durch die Eisenbahn erschlossen wurde, ließen sich reiche Wiener und Grazer Familien am Millstätter See nieder. Das Badehaus wurde in traditioneller Holzbauweise und ökologischer Passivhausqualität gebaut. Auf drei Ebenen und 4.000 Quadratmetern zählt hier nur Entspannung. Von der Sauna braucht es wenige Schritte ans Ufer, wo das Wasser wartet – eisig, aber einzigartig erfrischend. Danach lockt ein Winterspaziergang. Der Millstätter See ist mit 11,5 Kilometern Länge und bis zu 1,8 Kilometern Breite nach dem Wörthersee Kärntens zweitgrößter und mit 141 Metern der tiefste See. Die schönste Art, sich dem Wasser anzunähern, ist auf den zwei Slow Trails. Die Idee ist es, über einfache Wege zu besonderen Plätzen zwischen See und Berg zu kommen.

Sternderl schauen und schlummern

Wird es Abend am Millstätter See, wartet eine Nacht in einem romantischen Biwak. 2017 wurden die „Biwaks unter den Sternen“ eröffnet. Die Hideaway-Hütten sind 15 m2 groß und mit Bett, Tisch, zwei Stühlen und Bad ausgestattet und haben über dem Bett ein Panoramafenster, sodass Sternderlschauen vor dem Einschlafen Pflicht ist. Das Wort „Biwak“ kommt aus dem Französischen und stammt vom Wort „bivouac“ ab, das ein Feldlager oder Nachtlager meint, in erster Linie für Soldaten oder Bergsteiger. Im Alpinismus versteht man darunter eine behelfsmäßige, spartanisch ausgestattete Unterkunft im Hochgebirge, es gibt aber auch das Gipfelbiwak, wo man Naturerlebnisse besonders intensiv bestaunen soll: Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Sternenhimmel. Vor dem Einschlafen fällt der Blick auf ein Zitat von Rainer Maria Rilke, das an der Wand prangt: „Vergiss, vergiss und lass uns jetzt nur dies erleben, wie die Sterne durch geklärten Nachthimmel dringen, wie der Mond die Gärten voll übersteigt.“


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