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Der Gewinn des „Ö3 Soundchecks“ brachte Norbert Schneider den Durchbruch, aber für den Erfolg musste der Blues- und Jazzmusiker hart kämpfen

WEIMAR SCHILLER
INTERVIEW / PORTRAIT, COMPLETE MAGAZIN 4/19

Foto: Stephanos Notopoulos

Norbert Schneider humpelt – von Krücken gestützt – zum Interview. Achillessehnenriss. Passiert ist ihm das während einer Badminton-Partie, wie er im Gespräch verrät. Tja, „Sport ist Mord“, das wusste schon Rainhard Fendrich. „Aber alles halb so schlimm“, gibt Schneider gelassen Entwarnung. „Es hat halt einen argen Schnalzer gemacht. Die ­Schmerzen waren zum Glück überschaubar.“

Die Verletzung sei während seiner konzertfreien Zeit passiert. Er musste daher keinen einzigen Auftritt absagen. „Gott sei Dank!“, sagt Schneider. Das hätte ihn hart getroffen. Denn er liebt die Bühne, lebt fürs Spielen und den Applaus. Es ist ein Leben für die Musik: „Ich bin ein Schulabbrecher, der mit 17 Jahren seiner wahren Leidenschaft nachgehen wollte: Musik. Diesen Beruf übe ich als Autodidakt nun seit über 20 Jahren aus – dabei bin ich immer wieder auf die Gosch’n gefallen. Mich haut es ständig hin, aber dann stehe ich halt wieder auf. Das ist ein ständiger Lernprozess.“

complete magazin: — Welche Schule haben Sie abgebrochen?

norbert schneider: Ich war am Weg, Kindergartenpädagoge zu werden.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Während der Ausbildung. Ich hatte einen tollen Gitarrenlehrer, der mein Talent gefördert, mir Songs vorgespielt und beigebracht hat, die weit über Kinderlieder hinausgehen. Darunter waren tolle Gitarristen wie Django Reinhardt und Stevie Ray Vaughan.

So ein Schulabbruch kann aber auch nach hinten losgehen. Haben Sie da nie an Ihre Zukunft gedacht?

An die Zukunft habe ich zum ersten Mal an meinem 30. Geburtstag gedacht (lacht). Es ist sich glücklicherweise immer irgendwie ausgegangen. Meine Bedürfnisse sind mit meiner Karriere gewachsen. Am Anfang habe ich keine eigene Wohnung gehabt, bei Freunden gewohnt. Die ersten 15 Jahre war es finanziell nicht immer einfach, aber es hat sich ausgezahlt. Als Musiker braucht man Durchhaltevermögen – außer man hat Glück, schreibt einen Hit und ist plötzlich in aller Munde.

Haben Sie dabei nie mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören?

Diesen Gedanken hatte ich witzigerweise erst, nachdem ich die ersten Erfolge eingefahren habe. Das war nach dem Sieg des ­„Ö3 Soundcheck“. Danach ist das ganze Umfeld größer geworden. Ich hatte plötzlich ein Management, viele Pressetermine – das ist mir plötzlich alles über den Kopf gewachsen. Ich habe mich dann gefragt, ob ich unter diesen Umständen überhaupt weitermachen möchte.

Was waren diese Umstände?

Ich habe mir das einfach anders vorgestellt. Denn ich hatte davor ja nie mit der Musikindustrie zu tun, hatte keine Verpflichtungen ihr gegenüber, habe von Gig zu Gig gelebt. Es ist mir plötzlich alles wie eine Plastikwelt vorgekommen. Plötzlich war da diese Öffentlichkeit: Ich habe in dieser Phase immer gedacht, ich muss mich verstellen, es reicht nicht, wie ich bin.

Waren Sie in dieser Situation vielleicht zu naiv?

Klar, nach dem Sieg des „Soundcheck“ stieg der Song auf Platz zwei in den Ö3-Charts ein. Ich dachte mir damals, jetzt bin ich ein gemachter Mann und es werden mir die Leute die Tür eintreten. Das Gegenteil war der Fall. Die Blues- und Jazz-Community, die ich mir davor hart erspielt habe, ist nicht mehr zu meinen Konzerten gekommen, weil ihnen die Musik plötzlich zu mainstreamig war. Und der Ö3-Hörer, der Musik meist nur nebenbei im Büro hört, ist nicht der klassische Konzertgeher.

Das hat sich wieder geändert. Jetzt sind Ihre Konzerte meistens ausverkauft.

Ja, zum Glück sind die eingefleischten Blueser und Jazzer nach ein paar Jahren wieder zu mir zurückgekommen. Einen weiteren Aufschwung in Sachen Publikumszuspruch gab es dann 2013, als ich begonnen habe, auf Deutsch zu singen. Mit diesem Schritt habe ich dann noch einmal ganz andere Leute für mich gewinnen können.

Sie sind einer, der immer wieder Neues probiert.

Ja, ich will nicht stehen bleiben, will immer ein Suchender sein. Nach außen wirkt es vielleicht, als wäre es ein ständiges Hin und Her. Aber das war es für mich nie.

Haben Sie deshalb auch bei „Dancing Stars“ mitgemacht?

Auch, aber in erster Linie deshalb, weil ich gefragt wurde. Ich habe zwar keinen Drang verspürt, zu tanzen. Aber in Summe hat einiges dafürgesprochen. Es hat mir etwa viel Aufmerksamkeit gebracht. Ich konnte mich und meine Musik dort einem breiten Publikum präsentieren.

Das hat scheinbar auch geklappt. Ihre Tour anlässlich Ihrer umjubelten Georg-Danzer-Hommage „Neuaufnahme“ war großteils ausverkauft. Nachholbedarf gibt’s nur im Merchandising. Warum gibt’s keine Norbert-Schneider-Fan­artikel?

(lacht) Das lehne ich ab. Außerdem: Wer will schon mit einem Norbert-Schneider-T-Shirt herumlaufen oder aus einem Norbert-Schneider-Häferl seinen Kaffee trinken?

Vielleicht Ihre Fans?

Nein, das glaub ich nicht. Denen reicht meine Musik.

Zurück zu Ihrer jazzig-bluesigen Neuinterpretation von Georg Danzers Songs. War das nicht ein gefährliches Unterfangen?

Ich bin gefragt worden und habe danach auch lange überlegt, ob ich das machen will oder besser gesagt kann. Denn ich war mit den Songs von Danzer bis dahin nicht vertraut, war nie auf einem seiner Konzerte. Wenn man sich so einem großen Werk widmet, kann man eigentlich nur verlieren. Ich habe mich spielerisch seinen Songs genähert, habe mich reingetigert und gemerkt, dass ich daraus etwas Eigenständiges machen, etwas Neues entstehen lassen kann.

Norbert Schneider
„So wie’s is“, telemedia / Universal Music


Über den Künstler

Norbert Schneider, 39, wuchs in Prottes im Weinviertel auf. Als Kind spielte er auf eigenen Wunsch sieben Jahre Violine, später stieg er auf die Gitarre um und brach als 17-Jähriger die Schule ab, um seinen Traumberuf zu leben: Musiker. Schneider gewann 2010 den „Ö3 Soundcheck“ und landete mit der Single „Take It Easy“ in den Charts (Platz 2). In der Kategorie „Jazz/World/Blues“ gewann er bereits drei Amadeus Awards – zuletzt 2019 für sein aktuelles Album „So wie’s is“. Kritikerlob erhielt Schneider auch für sein Album „Neuauf­nahme“, eine gelungene Hommage an Georg Danzer. Norbert Schneider arbeitet aber schon wieder an neuen Songs – im kommenden Jahr wird ein neues Album erscheinen.


Konzerte

31. Jänner 2020: Konzerthaus/Wien

27. März: Prinzregententheater/München

Weitere Termine unter
www.norbertschneider-music.com


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