In Linz hat’s längst begonnen

Eine vielfältige Kreativszene wirkt in der Industriestadt an der Donau

ÖSTERREICH | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 1/17

Foto: Karin Wasner

Neue Heimat, neue Welt. Klingende Namen ziehen als Autobahnabfahrten auf dem Weg Richtung Linzer Zentrum an mir vorbei. Kurz darauf lasse ich die rauchenden Schlote der Voest rechts liegen, nehme die Ausfahrt Hafenstraße und halte am Wasser. Blau ist die Donau auch in Linz nicht, aber der alte Hafen hat ohne Zweifel Charme.

Von einem Schiff winkt schon Leonhard Gruber. Der 41-Jährige ist Mitglied der BOXXOFFICE-Crew und Initiator der Mural Harbor Hafengalerie. Über hundert Graffitis von Künstlern aus 25 Nationen zeigt er mir bei einer Rundfahrt durchs Hafenbecken. Dabei erzählt er von den Anfängen, als er mit Freunden vor sechs Jahren hier ein Gemeinschaftsbüro aus Frachtcontainern errichtete. „Irgendwann hatten wir genug von den grauen Fassaden. Ich habe meine Sprayer-Helden angeschrieben und sie sind tatsächlich gekommen!“ Das erste Kunstwerk war ein 30 x 15 Meter großes Mural des Spaniers ARYZ auf einem der Silos gegenüber ihrer Aussichtsterrasse. „Sogar die Hafenarbeiter sind stolz auf ,ihre Büdln‘“, freut sich Leonhard. „Ohne die Unterstützung der Linz AG wäre das nicht möglich“, lobt der ehemalige Snowboarder und Surfer seine Stadt und sorgt sich gleichzeitig um den Freiraum. Denn der überdimensionierte ehemalige Rüstungshafen ist Stadtentwicklungsgebiet Nr. 1. „Da wird viel passieren, von ,Wohnen am Wasser‘ bis zum Bau einer großen Veranstaltungshalle ist einiges im Gespräch.“

„Creative City“ schreibt sich Linz auf seine Fahnen und fördert die Kreativwirtschaft, wo sie kann. Wer bei der 200.000-Einwohner-Stadt noch an ein fades, graues Industriezentrum denkt, der irrt. Bei der Stadtentwicklung setzt man immer wieder Impulse, Linz als kreativwirtschaftliches Zentrum zu etablieren. Begonnen hat alles 1979 mit der Ars Electronica. Was als kleines Geek-Festvial begonnen hat, ist mittlerweile ein international anerkanntes Zentrum der Medienkunst. Das Ars Electronica Center ist eine 3.000 m2 große Spielwiese, auf der man die Technologie der Zukunft schon jetzt erleben kann. Dort mache ich einen virtuellen Spaziergang auf der Sonne und probiere ein Kleid, das auf meinen Herzschlag reagiert.

Als UNESCO City of Media Arts ist Linz Teil eines Netzwerks von Städten, die dem Kreativsektor besondere Bedeutung einräumen. Einer, der sich als Künstler und Sozialwissenschaftler viel mit „Kreativstädten“ befasst hat, ist Thomas Philipp vom Kunstkollektiv qujOchÖ. Ich treffe ihn in dem originell gestalteten Büroatelier am rechten Donauufer gegenüber dem Lentos Museum. „Ich persönlich würde ja den Begriff gern auf ,Inventive Stadt‘ ausdehnen, da wäre noch mehr drin, auch Wissenschaft und Technologie“, sagt er über die Zukunft der einstigen Industriehochburg. „Die Verbindung Industrie- und Kulturstadt funktioniert erfahrungsgemäß gut“, denkt der Künstler weiter. Sein Kollektiv qujOchÖ besteht schon fünfzehn Jahre im Linzer Kulturbetrieb, die fünf Männer und fünf Frauen arbeiten interdisziplinär und experimentell. Derzeit ist ihre Toiletteninstallation im OK, dem Offenen Kulturraum in der Linzer Innenstadt, zu sehen. „Im Kulturstadtjahr Linz 09 hat sich viel getan“, meint Thomas. „Und es gibt ja den Spruch, dass Kultur in Linz in Kubikmeter Beton gemessen wird …“

Tatsächlich wurde in den letzten Jahren in den Kreativsektor fleißig investiert. 2015 bezogen die Studierenden von Musik, Schauspiel und Tanz den architektonisch außergewöhnlichen Neubau der Bruckneruniversität am Fuße des Pöstlingbergs. Erst zwei Jahre zuvor wurde das Musiktheater am Volksgarten als modernstes Opernhaus Europas eröffnet. Es bietet von Oper über Musical und Jazz ein umfassendes Programm. Das wohl ambitionierteste Projekt aber ist die Umgestaltung der ehemaligen Tabakfabrik in ein Kulturareal mit unglaublichen 80.000 Quadratmetern.

Das zweite Leben für die unter Denkmalschutz stehende Fabrik aus den 30ern begann 2010. Noch bis 2009 fuhren die Stapler für Japan Tobacco durch Hochregallager und Lösehalle. Heute rauchen hier die Köpfe der Künstler, Architekten und Modestudenten.

Chris Müller, Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden, ist stolz: „Mittlerweile arbeiten 630 Menschen hier.“ Mehr als doppelt so viele wie bei der Schließung vor sechs Jahren. „In zehn Jahren werden wir 1.500 sein!“ Müller brennt für seine Arbeit – die Belebung der Fabrik: „Ich wünsche mir eine soziale Innovation, eine neue Idee des Zusammenlebens, bei dem man voneinander profitiert und einer den anderen weiterbringt. Fassaden sind nur Regenschutz, dazwischen passiert das Leben.“ Eine Mischung aus Kreativwirtschaft, Handel, Kunst und Sozialem belebt nun den Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Im Hof sitze ich mit der Fotografin Ines Thomsen zwischen Laptops und Biolimonade auf selbst gezimmerten Palettenmöbeln. Rund um uns keimen die ersten Pflanzen der Urban-Gardening-Projekte. „Das hier ist eine große Familie“, sagt Thomsen und schaut sich fröhlich um. „Man kennt sich und hilft sich gegenseitig. An jeder Ecke warten eine neue Inspiration oder Idee und Menschen, die sie mit dir verwirklichen.“ Ihre Begeisterung passt zur Aufbruchstimmung, die die Stadt zum Pulsieren bringt, und lässt mich tatsächlich an eine schöne, neue Welt glauben.

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