Kroatien

Von der Adria bis an die Donau

REISE | FRIEDERUN PLETERSKI | COMPLETE MAGAZIN 3/14

Perle der Adria. Die Altstadt von Dubrovnik ist UNESCO-Weltkulturerbe (Foto: Arnold Pöschl)

„Schau, nur zwei Jachten im Hafen“, seufzt Anđja und schneidet dunkelrote Tomaten in Stücke. Der Lammbraten duftet. Das Olivenöl schmeckt bitter. Die Kalamari werden die Männer erst fangen, wenn die Adria auskühlt. Die Saison ist vorüber. Vor fünfzehn Jahren kaufte ich mir auf der mit Steineichen bedeckten Insel Olib ein Haus. Als ich ankam, gab es hundertsechzig Leute im Dorf, jetzt sind es achtzig, ein Drittel davon Vertriebene aus dem Balkankrieg 1991–1995, die anderen direkte Nachfahren der Siedler, die vor 500 Jahren vor den Türken aus der Herzegowina flüchteten. Zwei Schulkinder gibt es noch, sie werden an zwei Tagen pro Woche von einer reisenden Lehrerin, sonst per Internet, unterrichtet.

Vom 15. Juli bis 20. August ist Hochsaison. „Mein Apartment könnte ich dann dreimal vermieten“, sagt Niko. Ivica kassiert die Liegeplätze der Jachten in den Buchten ab. Kaum hängt man das Boot an eine Boje, taucht er aus dem Nichts auf, wie ein Uskok, ein habsburgischer Freibeuter. Und wie ein Uskok liefert er nur einen Bruchteil der Einnahmen an den Landesherrn ab. „In drei Monaten“, strahlt er, „verdiene ich fürs ganze Jahr.“ Die Küste ist Kroatiens goldener Westen. „Alle wollen hin. In den fünfziger Jahren war es umgekehrt. Da zogen die armen Leute in den Osten, wie mein Vater, der in Split geboren ist.“ Marija ist Professorin an der Hochschule für Bodenkultur in Osijek, Slawonien. Während einer Verdi-Gala im glitzernden k. u. k Stadttheater freundete ich mich mit ihr an. Osijek ist schon wegen seiner Prachtavenue „Europska Avenija“ und deren bröckelnden Jugendstil-Fassaden sehenswert. Und wegen seiner Umgebung. Die Au „Kopački Rit“ zwischen Drau und Donau ist die zweitgrößte Europas. Die Äcker reichen bis zum Horizont. Einst gehörten sie den Zuckerbaronen, dann den Kommunisten. Heute gehören 40.000 Hektar Land dem Agro-Oligarchen Ivica Todorič, der Öl, Margarine, Zucker, Salz, Wasser und Wein in der privatisierten Kaufhauskette „Konzum“ verkauft.

Im Hügelland um Kutjevo wächst der Welschriesling „Graševina“, Skipper kaufen ihn im stapelbaren Fünf-Liter-Karton. Ich mag den Zitronenradler von Ožujsko lieber, er schmeckt zu einem Spanferkel mit Krautsalat. Gegrilltes esse ich nach landesüblicher Art mit den Fingern, auch Fisch. So spürt man die Gräten früher. Im „Brodet“, dem traditionellen dalmatinischen Fisch-Eintopf, sollten sich keine Gräten verstecken. Wie ein Koch das erreicht, zeigte mir der schreibende Feinschmecker Veljko Barbieri in seiner Villa in Makarska. Er rührte nie um. Als Zutaten verwendete er Tomaten aus Ston, Zwiebeln aus Vrgorac, Knoblauch vom Biokovo, Olivenöl aus Hvar, Pošip aus Korčula, Meeraal, Hummer und Mönchsfisch aus Cavtat.

Barbieris Tipps brachten mich auf die Halbinsel Peljesac, wo mich der „Dingač Grand Cru“ von Milesić in Weinseligkeit versetzte und mich an meinen ersten süddalmatinischen Segeltörn in den Achtzigern erinnerte, als die Insel Lastovo noch Militärzone und für den Tourismus tabu war. Sie ist heute ein Naturpark, mit einem Städtchen, Bergdörfern und kleinen Häfen, die frei von Bausünden sind. Ihre Inselwelt und ihre Grotten sind ein tolles Segel- und Tauchrevier.

In Neum passierte ich zweimal die Grenze, diese Stadt ist Bosniens einziger Meereszugang, ein altes Bestechungs-geschenk der Republik Dubrovnik an die Türken, damit diese ihnen zum Dank die Venezianer vom Hals hielten. Noch heute trennt Neum Dubrovnik vom Mutterland. Kroatien wünscht sich zur Direktanbindung von der Europäischen Union eine Hängebrücke über die Bucht.

Ab 1876 fuhr man mit der Südbahn von Wien an die Adria, ab 1885 dampften die Linienschiffe des „Österreichischen Lloyd“ die Küste entlang. Wie unbekümmert der Alltag eines
k. u. k. Marinekadetten 1913 war, beschreibt Erich Kunsti in seinen Memoiren „Verlorener Strand“: „Bei den Landgängen bot sich uns ein reizendes Bild: Kaffeehaustische auf der Riva, weiße Häuserfronten, schmale, dunkle Seitengassen, Sterne spiegeln sich im tiefschwarzen Meer, das leise an die Steinquadern des Molos plätschert. Wir vertilgten ,Patina‘, den dalmatinischen Rotwein, in beachtlichen Mengen. Einer hockt mit Farbtopf und Pinsel am Vorderdeck und bessert mit liebevoller Hingabe und viel zu viel Farbe den Anstrich aus. Ein anderer bearbeitet mit Putzwolle den Verschluss einer Kanone, die im Verein mit einer zweiten unsere ganze Seemacht darstellt. Ich sitze unterm Kommandoturm und atme den Duft eines Branzins ein, der hinter mir in einer Pfanne schmort, und freue mich auf Mali Lošinj, wo Erzi, ein wundervolles Mädchen aus Budapest, wohnt.“

1893 kaufte der Industrielle Paul Kupelwieser die malariaverseuchten Brioni-Inseln und verwandelte sie in einen Paradiesgarten für betuchte Wiener. In den 20er Jahren wurde Brioni zu einem Treffpunkt jugoslawischer Polospieler. Nach Mussolinis Gastspiel erkor Ex-Partisan Josip Broz Tito Brijuni 1949 zu seiner Sommerresidenz. Liz Taylor und Willy Brandt, Gina Lollobrigida und Yassir Arafat, Sofia Loren u. v. a. zählten zu seinen Gästen. Tito starb 1980, sein Kakadu lebt noch und kann auf den Inseln, die seit 1983 Nationalpark sind, bewundert werden. Staatsfeinde ließ Tito in seinem Straflager auf Goli Otok, der „kahlen Insel“ der Kvarner Bucht, umerziehen. Hier, in den Kanälen zwischen Krk, Senj und Pag, weht die Bora am stärksten. Die Landschaft ist spektakulär, das Segeln sollte man lieber den Meistern überlassen.

Wer in Kroatien, dem 28. Mitgliedsland der EU, nach dem Sternenbanner fahndet, wird es vergeblich suchen, dafür die kroatische Flagge selbst auf Unterhosen finden: Rot-weiß-rote Kästchen, darüber die Wappen der fünf historisch gewachsenen Landschaften Zagorien, Kroatien, Dubrovnik, Dalmatien, Istrien und Slawonien. Die Kästchen erinnern an König Tomislav, der 925 n. Chr. die Weißkroaten der Küste mit den Rotkroaten im Landesinneren vereinte. 1106 n. Chr. überließen die untereinander zerstrittenen Fürsten die Krone dem ungarischen Königshaus, das 1409 n. Chr. Dalmatien an die Republik Venedig verkaufte. Die Handelsplätze am Ende der Balkan-Karawanen erblühten zu Renaissance-Städten mit humanistischer Kultur. Im 18. Jahrhundert reduzierten Hunger, Erdbeben und Seuchen die Bevölkerung auf ein Minimum. Nur die Klöster sorgten dafür, dass die alte kroatische Sprache und Schrift (Glagolica) nicht in Vergessenheit gerieten. Will ich Freunden zeigen, was in Kroatien wirklich „echt kroatisch“ ist, fahre ich mit ihnen, vorbei am trutzigen Kirchlein Sv. Nikola, in das kleine Salinenstädtchen Nin. Auch die serbisch-orthodoxen Klöster sind ein Hort der Volkskultur. In der Bukovica, im dalmatinischen Hirtenland, gibt es noch ein solches, tief unten im Canyon versteckt, dort, wo der kristallklare, Trinkwasser führende Bach der Krupa aus dem Karst sprudelt. Vater Gavrilo, bärtiger Abt des Klosters Krupa, heißt jeden Besucher herzlich willkommen.

Durch die Kornaten segeln. Frei sein. Auf jeder Insel findet man im Herbst Quartier. Die Sonne ist mild, das Wasser warm. Die Möwen kreischen, die Macchia duftet und eine Konoba hat sicher noch offen.

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