Lanzarote

Auf den Kanaren stößt man abseits der Touristenpfade auf Inselbewohner, die Spannendes zu erzählen haben

REISE | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 1/16

Foto: Karin Wasner

Feuer. Rauch. Und eine mächtige Fontäne wie aus einem Geysir. Ein paar Menschen scharen sich staunend um einen brennenden Heuballen. Im Nationalpark Timanfaya brodelt es. Ein Ranger mit Heugabel in der Hand demonstriert über einem Erdloch die Hitze im Erdinneren. Nebenan wallt sie durch ein weiteres Loch im Boden herauf. Darüber liegt eine eiserne Platte. Der Koch im Restaurant El Diablo grillt darauf Rippchen und Hühner. Man sieht und spürt es: Lanzarote ist vulkanischen Ursprungs. Vor 15 Millionen Jahren wuchs die 850 Quadratmeter große Insel durch unterseeische Ausbrüche aus dem Atlantik. Heute ist sie mit ihrer Durchschnittstemperatur von 21 Grad Sehnsuchtsort für alle Nebel- und Kältegeplagten.

Der Mann, der Lanzarote rettete

„Wir haben das ganze Jahr Sommer“, strahlt Ismael Descalzo. Vor einem Jahr ist er aus Barcelona hierher gezogen. Er hat eines der schönsten Hotels der Insel, das Barceló Teguise Beach, eröffnet. „Meine Frau und ich mussten nicht lange überlegen“, lacht der Hoteldirektor. „Diese Insel hat es irgendwie geschafft, ihren Charme trotz des Tourismusbooms zu erhalten.“ Fluch und Segen: Auf 140.000 Lanzaroteños kommen jährlich zweieinhalb Millionen Touristen. Auf anderen Kanareninseln reiht sich ein Appartementklotz an den nächsten. Neben Irish Pubs stehen Pizza- und Burgerbuden. Dazwischen werden überdimensionale Gummitiere und Plastiksandalen verkauft. „Auf Lanzarote hat ein einziger Mann das verhindert“, erzählt Ismael voll Respekt. „César Manrique. An ihm kommt man auf dieser Insel nicht vorbei“. Manrique war Künstler. Als Maler, Architekt und Bildhauer machte er sich auch international einen Namen. Und er war Visionär.

Ihm ist es zu verdanken, dass die UNESCO 1993 Lanzarote als erste komplette Insel zum Biosphärenreservat erklärt hat. Er entwickelte mit der Inselregierung ein nachhaltiges Modell. So hält man den Bauboom in Schranken. Und schützt das natürliche und kulturelle Erbe. Bis heute darf auf der Insel kein Gebäude höher sein als eine ausgewachsene Palme. Ein obligatorischer, inseltypischer Baustil aus weißgetünchten Hauswänden mit grünen Elementen macht jedes Dorf zum Postkartenmotiv.

Gofio auf Michelin-Stern-Niveau

„Manrique sprach schon in den Sechzigern von Umweltschutz. Das hat damals doch noch niemanden interessiert.“ Auch Orlando Ortega, der in der Hauptstadt Arrecife geboren und aufgewachsen ist, schwärmt von Manrique. Ortega, einem Mann in Kochschürze mit verschmitztem Lächeln, liegt die Kultur Lanzarotes am Herzen. Besonders die kulinarische. „Fisch und Meeresfrüchte spielen natürlich in unserer Küche die Hauptrolle.“ Mit Leidenschaft für regionale Gerichte hat er sich in seinem Restaurant Lilium sogar einen Michelin-Stern erkocht.

„Mein Gofio-Rezept hab’ ich von meiner Großmutter“, erzählt er stolz. Gofio, ein polentaartiges Gericht aus geröstetem Getreide, ist die älteste überlieferte Speise der Kanaren. „Früher war das ein Arme-Leute-Essen. Daher findet man es in Restaurants kaum noch.“ Sein Gofio schmeckt jedenfalls besser, als der allgemeine Ruf des Gerichts vermuten ließe. Und Orlando schafft es, aus wenig sexy klingendem, lokalem Gemüse wie Süßkartoffeln oder Kohl köstliche Menüs zu kreieren.

Enarenado zur Bewässerung

Einst dominierte die Landwirtschaft die Insel. Heute führt sie neben den vielversprechenden Branchen Tourismus und Bauwirtschaft nur noch ein Schattendasein. Viele Bauern gaben die enorm arbeitsintensive Bewirtschaftung der kargen Vulkanböden auf. Und setzten auf schnelleres Geld. Außerdem zwang die Wasserarmut der Insel viele von ihnen zum Aufgeben. Wasser hat hier einen hohen Preis. Und es stammt größtenteils aus ökologisch bedenklichen Meerwasserentsalzungsanlagen. Ein Golfplatz rentiert sich da schneller als ein Zwiebelfeld.

Erst seit der Krise 2008, die auch den Tourismus geschwächt hat, besinnen sich wieder viele auf eine alte Tradition: das „Enarenado“. „Enarenar“ bedeutet „mit Sand bestreuen“. Dahinter steht ein einzigartiges Bewässerungsprinzip. Dabei wird das dunkle Lavagranulat des letzten Vulkanausbruchs zur Bindung von Feuchtigkeit genutzt. In den Jahren 1730 bis 1736 wurde ein Viertel der Landfläche von Lava aus etwa dreißig Vulkankratern bedeckt.
Alle fruchtbare Erde war darunter
begraben. Wo einst Getreide wuchs, lagen zerklüftete Steinwüsten. Und Lavasand. Mit dem wird beim Enarenado das Wasser gebunden.

Besonders erfolgreich ist Enarenado in der Weinregion „La Geria“. Sie liegt im Zentrum der Insel. Orlando, dessen umfangreiche Weinkarte fast ausschließlich lokale Weine umfasst, empfiehlt die Bodega Los Bermejos.

Lanzarotes ökologische Weine

Hier ist Ana de León als Managerin tätig. Nach einem freundlichen Empfang stapft sie auf ihren High-Heels unerschrocken durch den Lavasand: „Wir sind wie eine kleine Familie. Und die Weine sind unsere Kinder.“ Das kleine Weingut stellt Lanzarotes einzige ökologische Weine her. Dabei ist es auf weitere 150 kleine Weinbauern angewiesen. „Weinbau bedeutet hier zu hundert Prozent Handarbeit. Bei uns hat jede Familie ihren eigenen kleinen Weingarten. Die machen das aber nicht wegen des Geldes, das ist einfach die Kultur.“

Ana de León zeigt auf die zartgrünen Stöcke. Sie wachsen in runden, aus Steinen aufgeschichteten Trichtern direkt über dem Boden. „Meine Oma hat selbst ihren Wein gemacht. Grauenhaften Fusel!“, lacht sie. Bei der Verkostung direkt aus dem Fass zeigt sich glücklicherweise, dass die Enkelin ihre Großmutter in dieser Hinsicht weit übertrifft.

Ziegenkäse und Betonköpfe

Von La Geria weiter Richtung Süden passiert man das winzige Bergdorf Femés. Vom Bergkamm aus geht der Blick bis zu den Papagayo-Stränden. Hier heroben balancieren die 400 Ziegen und Zicklein von Jorge und Fernando Reynes auf den Felsen. „Wir waren die Ersten, die wieder Rohmilchkäse hergestellt haben!“, brüllt Jorge auf Spanisch in seinem Pick-up, der den Weg hinaufrumpelt. Der Weg ist mehr Schlagloch als Straße. Die Ziegen hat er von seinem Vater geerbt. Davor war er Polizist. „Jetzt heißt es jeden Tag um sechs Uhr aus den Federn!“ Theatralisch verdreht er die Augen. „Aber wenn dann der Käse so schmeckt, wie ich mir das vorstelle, weiß ich wenigstens, warum!“

In Playa Blanca angekommen, bläst einem am Castillo Coloradas ein kräftiger Passatwind um die Nase. Die Burg thront auf einer hohen Klippe. Weit unten, am Ende der Marina, hat Jason Taylor sein Atelier. Man kann ihm von hier oben beim Werken zusehen.

Der Engländer gießt die Abdrücke der Inselbewohner in Beton. So schafft er lebensnahe Skulpturen. Wie Manrique ist auch er ein Künstler, der mit der Verbindung von Mensch und Natur spielt.

Aus einigen Betonköpfen wachsen Kakteen. Andere verwandeln sich in den inselcharakteristischen Drachenbaum. 2017 sollen die 300 Betonmenschen vor der Küste im Meer versenkt werden.

Feuer und Wasser bestimmen das Leben auf Lanzarote. „Meine Skulpturen werden Unterwasserleben anlocken“, sagt Jason Taylor über sein Projekt. „Wie ein Schiffswrack. Damit schaffen sie neuen Lebensraum unter Wasser.“

Um das betongraue Gesicht eines alten Mannes werden also bald bunte Fische schwimmen. Und auf seinen geschlossenen Augen Meereslebewesen wachsen. Er sieht aus, als würde er jetzt schon davon träumen.

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