Leinen los, Kurs auf Kuba!

Revolutionsflair, Salsa und Windjammerromantik an Bord der nostalgischen Dreimastbark „Sea Cloud II“ von Havanna bis Santo Domingo

REISE | JOHANNA ZUGMANN | COMPLETE LUXUS 1/15

Foto: Sea Cloud Criuses

Santiago de Cuba, Casa de la Trova, in der die Karrieren vieler kubanischer Musiker, wie auch jene des berühmten „Buena Vista Social Club“-Mitglieds Compay Segundo, begonnen haben: „Un, dos, tres. Un, dos, tres“ zählt Antonia den Grundschritt und zeigt den Hüftschwung vor, die Grundingredienzien einer scharfen Salsa. Getanzt wird im 4/4-Takt. Die 30 Landausflügler, die von Bord gegangen sind, um Kubas zweitgrößte Stadt zu besichtigen, kommen ins Schwitzen. Das Hirn ist voll und die Füße haben an diesem Tag schon viel geleistet: Die Panoramafahrt durch die Stadt, die auch als Wiege der Revolution tituliert wird, führte vorbei an der Moncada-Kaserne zur Festung El Morro und weiter zum Friedhof Santa Ifigenia samt Wachablösungszeremonie vor dem Grab des Nationalhelden José Marti. Nach einer kurzen Mittagspause mit Adler-Perspektive auf der Terrasse des Hotels Casa Granda, das Graham Greene in „Unser Mann in Havanna“ als Agententreffpunkt beschrieb, ging es zu Fuß durchs historische Stadtzentrum. Wer die Casa Diego Velázquez, in der das Kolonialmuseum untergebracht ist, den Cespedes-Park und das Rathaus, auf dessen Balkon Fidel Castro 1959 seine erste Rede gehalten hat, sehen wollte, musste den Laufschritt einlegen, um rechtzeitig zum Unterricht in der Casa de la Trova einzutreffen.

Steffi ist die Einzige, die die ganze Tanzstunde durchgehalten hat. „Jetzt brauche ich einen Drink“, schnauft sie und lässt sich ermattet in einen Rattan-Sessel im Innenhof des Gebäudes fallen. Steffi und Harald aus Hamburg waren einmal ein Liebespaar. Mehr als ein Vierteljahrhundert und insgesamt drei inzwischen geschiedene Ehen sowie die Geburten von vier Sprösslingen ist das her. Über das soziale Netzwerk LinkedIn fand der Unternehmer die Immobilienmaklerin wieder und schlug der attraktiven Endvierzigerin vor: „Gehen wir einmal auf einen Kaffee.“ Die Antwort des Schwarms aus alten Zeiten kam prompt: „Gehen wir einmal auf eine Kreuzfahrt!“ Die Wahl fiel auf den Törn an Bord der „Sea Cloud II“ entlang der Küsten Kubas.

Die elegante Yacht ist ein Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff. Wo sie liegt, ist die 14-jährige Dreimastbark mit dem goldenen Seeadler am Bugspriet Attraktion des Hafens. An Bord des 117 Meter langen und 16 Meter breiten Luxus-Schiffs sind maximal 94 Passagiere unterwegs. 65 Crewmitglieder bedienen das Schiff und seine Gäste.

In den fünf Tagen, seit der Windjammer von Havanna aus aufgebrochen ist, ist unter den Passagieren an Bord eine gewisse Vertrautheit entstanden. Gemeinsam hat man auf Maria La Gorda an der äußersten westlichen Südküste des kubanischen Archipels, über den einzigartigen schwarzen Korallen tauchend, Barrakudas und Zackenbarsche bestaunt. Gemeinsam ist man mit den Zodiacs zu den weißen Sandstränden der Isla de la Juventud getuckert, zum Baden oder Spazieren unter den Kokospalmen. Gemeinsam ist man mit dem Dampflok-Zug aus dem 19. Jahrhundert durch das Tal der Zuckermühlen gefahren. Und gemeinsam hat man das Schauspiel genossen, das dem Kapitänsbefehl „enter auf!“ folgt: Die Crew klettert in die bis zu 57 Meter über das Deck hinausragende Takelage und setzt in 40 Minuten 23 Segel mit einer Gesamtfläche von 3.000 Quadratmetern; die eigentliche Show auf einem Kreuzfahrtschiff, das auf Disco, Animation und Casino verzichtet. Und gemeinsam hat man genossen, was ihr folgte: dass nichts mehr zu hören war außer dem yachttypischen Holzknarren und dem sanften Anschlagen der Meeresfluten, für Segler die schönste Musik.

An den Erholungstagen auf See genießen sie die Ozeanbrise und das sanfte Schaukeln, das die Gedanken an den Alltag vertreibt. Sportliche nutzen den Fitnessraum. Bibliophile vertiefen sich in die mit Atlanten und kostbaren Bildbänden vom Segeln ausgestattete Bibliothek. Technikfans besichtigen den Maschinenraum. Unter dem Kabinendeck verbirgt sich eine 3.000 PS starke Motorenwelt, die auf dem 1.515-Seemeilen-Törn von Havanna nach Santo Domingo (Dominikanische Republik) auch überproportional zum Einsatz kam: Unter Segeln bewegte sich das Schiff nur 35 Seemeilen.

An den Tagen ohne Landgang bleibt auch Zeit, Seemannsgarn zu spinnen: „Auf einer Mittelmeerreise von Cannes nach Mallorca hat es so gestürmt, dass der Kapitän sämtliche Segel einholen und den Kurs ändern musste“, erzählt Konrad, der pensionierte Generaldirektor eines deutschen Energie-Multis. Viele der Passagiere sind Wiederholungstäter, die sich schon am Vorabend des Ausschiffens zum nächsten Törn verabreden. Übrigens: Steffi und Harald sind mit von der Partie. Die Alternative zum Kaffee scheint sich mehr als bewährt zu haben.

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