Lieber ohne

Verzicht prägt die aktuellen Ernährungstrends: Zucker, Fleisch, Gluten, Laktose – die Liste mit Zutaten und Inhaltsstoffen, die wir nicht mehr essen können oder wollen, wird immer länger. Alternativen gibt es viele, doch sind diese gesünder und bleibt damit der Genuss auf der Strecke?

VICTORIA SCHUBERT
KULINARIK, COMPLETE MAGAZIN 3/19

Foto: Pixabay / congerdesign

„Wir sind heute überversorgt: Wir ­müssen uns keine Gedanken machen, ob wir etwas zu essen haben, also machen wir uns Sorgen, was wir essen“, erklärt Ernährungsexpertin Andrea Fičala den Trend zum Verzicht auf bestimmte Zutaten. „Gleichzeitig sind wir überinformiert: Wir finden online Details zu jeder Unverträglichkeit und lesen in den Medien ständig über neue Ernährungsstudien.“ Das verunsichere und führe dazu, dass wir dem eigenen Bauchgefühl nicht mehr vertrauen. Schnell lande man beim Nocebo-Effekt: „Wenn ich meine, etwas nicht zu vertragen, werde ich das auch spüren.“

Trend #1: Verträglich

Mehl aus Hülsenfrüchten, Milchalternativen aus Hafer, glutenfreies Brot. Das Angebot für Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten wächst stetig. Studien zeigen aber, dass diese Produkte vor allem von Menschen ohne Unverträglichkeiten gekauft werden. Ernähren wir uns dadurch gesünder? „Menschen mit normalem Stoffwechsel brauchen diese Produkte eigentlich nicht – sie sind weder gesünder noch haben sie einen Zusatznutzen“, so die Ernährungswissenschaftlerin. „Heute wissen wir: Wenn man einen bestimmten Inhaltsstoff komplett meidet, obwohl man nicht müsste, ist das kontraproduktiv für das Immunsystem. Besser ist es, den Körper permanent mit einer kleinen Menge zu konfrontieren.“ Gleichzeitig empfiehlt Fičala, bei Alternativprodukten die Zutatenliste zu lesen: „Je mehr ein Produkt verarbeitet ist, umso mehr Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker finden sich darin.“

Trend #2: Fleischlos

Wie wäre es mit knusprigen Mehlwürmern im Salat? Oder lieber das Würstchen aus Kräuterseitlingen? Vegane Fleischalternativen werden auf Basis von Soja, Seitan, Pilzen oder Hülsenfrüchten hergestellt und sind ihren fleischigen Vorbildern in Geschmack und Optik oft zum Verwechseln ähnlich. Mehlwürmer und Wanderheuschrecken genießt man gegrillt oder gebraten als Snack oder zum Drüberstreuen. „Fleisch an sich ist nichts Ungesundes. In Österreich kommt es aber durchschnittlich jeden Tag auf den Tisch, das ist weder ökologisch noch ernährungstechnisch positiv“, betont Andrea Fičala. „Die gesündesten Fleischalternativen sind Hülsenfrüchte, die großartige Nährstoffe enthalten.“ Bei verarbeiteten Fleischersatz-Produkten lohne sich ein Blick auf die Zutatenliste, um zu viel Fett, Salz oder Zucker zu vermeiden. Und Insekten? Eine spaßige, interessante Abwechslung, die aber nicht so schnell Einzug in den täglichen Ernährungsplan finden werde, meint Fičala.

Trend #3: Zuckerfrei

Zucker begleitet uns durch den Tag: Er steckt im Kuchen und der Limonade, aber auch im Sugo oder der Tiefkühlpizza. Alternativen gibt es viele: Von A wie Agavendicksaft bis X wie Xylit. „Auf klassischen weißen Zucker kann man locker verzichten, denn wir brauchen ihn nicht. Als Nascherei ist er in geringen Mengen kein Problem. Ihn mit Alternativstoffen zu ersetzen bringt allerdings nichts“, so die Ernährungsexpertin. Zuckeralternativen könnten in größeren Mengen Verdauungsprobleme verursachen. Zudem sei noch nicht ausreichend belegt, ob sie Heißhunger und damit erst recht Appetit auf Süßes verursachen. Fičala empfiehlt stattdessen, regionalen Zucker wie Rübenzucker oder Honig sparsam als Gewürz einzusetzen.

Trend #4: Umweltschonend

Regional, saisonal und selbst gemacht. Ein Trend, hinter dem nicht nur gesundheitliche, sondern auch ökologische Motive stecken. Selberkochen mit saisonalen Zutaten aus der Region oder dem (Gemeinschafts-)Garten steht der steigenden Beliebtheit von schnellen Snacks-&-Convenience-Produkten gegenüber. „Die Trends zu Convenience und zum Selbermachen werden nebeneinander bestehen“, prognostiziert Fičala.

Ist weniger also mehr oder verzichten wir am Ende auf den Genuss? „Wenn wir etwas essen, das uns richtig gut schmeckt, schießen Glückshormone durch den Körper. Überlegen wir erst, was wir nicht essen sollten, fällt ein Stück Lebensqualität weg.“ Die Expertin rät: Auf den eigenen Bauch hören, entspannt essen und möglichst viel selbst kochen. So bleibt der Genuss nicht auf der Strecke.


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