Mach mal Grau!

Die Farbe ist keine Neuerfindung des Rades, jedoch liegt in der kommenden Saison der Clou im Styling und im Detail. Eine unendliche Vielfalt grauer Nuancen hievt unkonventionelle Schnitte und extravagante Materialien in den Alltag.

MODE & BEAUTY | THOMAS REINBERGER | COMPLETE MAGAZIN 3/15

Foto: www.theory.com

Von wegen graue Maus. Es ist mir schleierhaft, warum diesem puristischen Farbton eine introvertierte Aura nachgesagt wird. Es ist Zeit für eine Hommage an den Außenseiter im Pantone-Farbfächer. Die graue Autorität zeigt sich nicht nur in der Mode, auch die Filmindustrie macht sich ihre Eigenschaften gerne und oft zunutze. „Fifty Shades of Grey“, „Das fehlende Grau“, „Der Herr in Grau“, „Das Grau des Himmels“ – Kassenschlager mit zum Teil sexuell dominierenden oder verstörenden Handlungen. Die Titel sind freilich keine Zufälle, sondern vielmehr ein Hinweis auf den Kontext von Weiß und Schwarz . Themen wie sexuelle Vorlieben bis hin zu verschobenen Grenzen eines jahrelang manifestierten Dresscodes werden verdeutlicht. Wagen wir beispielsweise einen Blick zur Met Gala im Mai diesen Jahres in New York: Keine Dame hätte es vor 50 Jahren auch nur gedanklich gewagt, so gut wie nackt auf einer öffentlichen Veranstaltung zu erscheinen, um anschließend möglichst oft in den virtuellen Foren weitergereicht zu werden. Bitte nicht missverstehen, auch meinereiner versteckt sich nicht beschämt hinter dem Fächer, sondern propagiert Weltoffenheit, freie Liebe und natürlich freie Kleiderwahl. Schwenken wir somit hoffnungsvoll und sehnsüchtig zurück in Richtung Modeindustrie und polieren unsere Geldkarten auf – das Auge kauft schließlich mit! Tatort Fashion Week: Graue Armeen, Männlein wie Weiblein, marschieren die Laufstege auf und ab. Einkäufer, Stylisten, Celebrities und Journalisten versuchen im Eiltempo innovative und raffinierte Details zu erhaschen, um diese postwendend durch alle Social-Media-Kanäle zu jagen. Beginnen wir mit den Herren der Schöpfung: Farbexplosion gibt es in diesem Ressort keine, doch es gibt wahrlich kaum ein Label, das sich nicht der grauen Thematik annimmt. Gott sei Dank, wie ich meine, denn die Ergebnisse sprechen für sich: Cardigans aus Schurwolle im Degradé-Style beim Herrenschneider Boglioli, Ton in Ton vom Scheitel bis zur Sohle bei Gieves&Hawkes, militante Schnitte und Hightech-Materialien bei Ports1961 und taillierte Cashmere-Trenchcoats aus dem Hause Brioni. Letzteres gilt auch als Wertanlage, schon alleine aufgrund des exorbitanten Preises – ein zeitloses Investment-Piece also. Bei den Damen manifestiert sich der graue Trend auch im Beauty-Bereich. Antonia Marras und Genny maniküren in Fließbandarbeit in sattem Grau, während sich Paul Smith dem Lidschatten widmet und einen Hauch von Rauch rund ums zarte Modelgeäug appliziert. Für die Herren existiert eine breite Range an Pflege-Produkten sowie Duftwässerchen in grauer, minimalistischer Aufmachung. Dekorative Kosmetik braucht es fürs „starke Geschlecht“ nicht, denn viele besitzen ja ohnehin bereits ein unbezahlbares und sexy Accessoire: graue Schläfen.

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