„Man muss scheitern“

Der junge Schauspieler Laurence Rupp spielt erstmals in zwei Kinofilmen die Hauptrolle – sein Erfolgsrezept ist die Niederlage

INTERVIEW / PORTRAIT | ADRIAN ENGEL | COMPLETE MAGAZIN 4/16

Foto: Simon Baptist

complete magazin — Herr Rupp, Sie wollten früher Pilot werden, wieso sind Sie doch Schauspieler geworden?

Geld, Frauen und andere Länder – ich hatte eine sehr romantische Vorstellung vom Fliegen. Schauspielen hat mich auch schon immer begeistert, war aber nur ein Hobby. Ich habe Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert. Kurz vor dem Bachelor-Abschluss, 2013, habe ich mich aus Spaß am Max Reinhardt Seminar beworben. Ich wollte wissen, wie weit ich komme, und wurde tatsächlich genommen. Matthias Hartmann hat dort einen Narren an mir gefressen und mich fürs Burgtheater engagiert.

— Heute, drei Jahre später, sind Sie nicht nur im Ensemble des Burgtheaters, sondern auch in den Kinofilmen „Die Geträumten“ und „Die Nacht der 1000 Stunden“ in Hauptrollen zu sehen. Wie sind Sie dort hingekommen?

Mein Vater ist sehr filmbegeistert. Durch ihn habe ich schon früh begonnen, mich mit Schauspielen zu beschäftigen. Wir haben uns mindestens fünf Filme in der Woche angesehen. Man begreift dann schnell, dass die Kamera unglaublich viel sieht und auch Gedanken lesen kann. Wenn man anfängt nachzudenken, wie es für die Kamera gut aussieht, merkt sie das und es wird schlecht. Man muss nicht hundertprozentig lesbar sein als Schauspieler. Der Zuschauer nutzt diesen Interpretationsspielraum und projiziert das, was in ihm selbst vorgeht, auf den Bildschirm. Das erweckt in ihm das Gefühl, dass es gut gespielt ist.

— Sie sind also am zufriedensten mit sich, wenn Sie intuitiv handeln?

Ja. Nur ist das unheimlich schwierig. Je älter ich werde, also je weiter ich mich von dem Kind in mir entferne, desto schwerer fällt mir das.

— Im Oktober 2013 haben Sie Ihre Premiere am Burgtheater gefeiert. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Beim Gedanken an die große Bühne hat mich die nackte Angst gepackt. Hinzu kam, dass mir die Rolle nicht gehört hat, ich habe etwas Fremdes übernommen. Und ich musste singen. Das konnte ich im Max Reinhardt Seminar schon nicht. Beim ersten Singabend mit meinen zehn Kommilitonen bin ich den Tränen nahe gewesen. Es kamen nur Pieps-Laute aus mir heraus. Im Laufe der Zeit habe ich wenigstens gelernt, mir dabei nix zu scheißen.

— In „Die Geträumten“ lesen Sie Texte des Lyrikers Paul Celan. Die Autorin des Drehbuchs, Ina Hartwig, sagt, Sie hatten anfangs große Probleme mit der Figur, weil Sie Celan unsympathisch finden. Ist es schwieriger, jemanden zu spielen, den man unsympathisch findet?

Ja. Ich spiele im Film aber nicht Paul Celan selbst, sondern einen Schauspieler, der die Texte von Paul Celan liest. Man verteidigt als Schauspieler seine Figur immer aufs Letzte. Wenn man auf ein Set kommt und seine Figur nicht liebt, hat man sich schlecht vorbereitet. Aber in diesem Fall konnte ich meine Anwaltsposition verlassen. Ich durfte Celan also eitel und übersensibel finden.

— Zu Beginn Ihrer Karriere spielten Sie bei „Mitten im Achten“ mit. Seit Ihrem Studium bekommen Sie gewichtigere Rollen. Liegen Ihnen diese mehr?

Ich stecke mehr Energie rein, dadurch mache ich einen besseren Job – also liegt es mir mehr. Gleichzeitig ist es sehr zermürbend, weil die Angst zu scheitern ein ständiger Begleiter ist. Aber am Ende ist es befriedigender, als sich auf sicherem Terrain zu bewegen.

— Wann bekommen Sie Angst vor dem Scheitern?

Wenn man am Set steht und das, was man sich in der Vorbereitung gedacht hat, nicht richtig ist. Dann muss man schnell umdenken. Darum versuche ich mir am Set immer eine kleine Harmoniewelt zu bauen. Ich stehe auf Konflikte, aber am Set schaffe ich mir keine Feinde. Es gibt mir Kraft zu wissen, dass man mir gerne zuschaut. Würde mich jemand zusammenputzen, hätte ich eine Scheißangst.

— Sehen Sie sich alle Produktionen an, in denen Sie mitspielen?

Die großen auf jeden Fall. Wenn ich eine kleinere zufällig verpasse, bin ich aber froh. Mir ist es hochunangenehm, mir selbst zuzusehen.

— Sie finden sich doch bestimmt manchmal richtig super.

Nein, vielleicht ein Blick, ein Ton, eine Bewegung. Aber über Sternsekunden bin ich noch nie hinausgekommen. Ich gestehe mir selber Fehler zu, aber mich zermürbt der Gedanke, dass andere strenger sind.

Ist das nicht unbefriedigend?

Ja, aber anders wäre es nicht gesund. Es wären unglaubliche zehn Minuten absoluter Zufriedenheit, wenn ich meine Leistung in einem Film fantastisch finden könnte. Aber dann würde ich mich nicht mehr weiterentwickeln. Man muss scheitern.

Kurz gefasst

Bekannt aus: „In 3 Tagen bist du tot“; „Mitten im Achten“
Im Kino: „Die Nacht der 1000 Stunden“ (aktuell im Kino); „Die Geträumten“ (ab 16. 12. im Kino)
Bald im TV: „Das Sacher. Die Geschichte einer Verführung“ (Anfang Jänner 2017)
Im Theater: „Der eingebildete Kranke“, „Die Hockenden“, „Der böse Geist Lumpazivagabundus“

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