Miss Watson

Sie ist klug, selbstbewusst und engagiert. Nun spielt Emma Watson die Belle in „Die Schöne und das Biest“

INTERVIEW / PORTRAIT | CATHERINE GOTTWALD | COMPLETE MAGAZIN 1/17

Foto: Will Oliver/EPA/picturedesk.com

Manche Entscheidungen, die Schauspieler treffen, werden Teil ihrer Biografie. So geschehen bei Emma Watson, die mit neun Jahren eine Rolle ergatterte, die sie reich und unendlich berühmt machen sollte: Als kluges Mädchen mit Berufswunsch Hexe zog sie in der Verfilmung der „Harry Potter“-Beststeller von J. K. Rowling in den Kampf gegen das ultimativ Böse – und das elf Jahre und sieben Filme lang.

Superheldin mit Sommersprossen

Watsons Filmfigur, die fleißige, neugierige und manchmal auch etwas besserwisserische Hermine Granger, wurde zum Idol einer ganzen Generation aufgeweckter Mädchen, die ihre Nasen gern in schlaue Bücher stecken. Plötzlich war es cool, eine Streberin wie Hermine zu sein. Ihr geradezu magisches umfassendes Allgemeinwissen stellte jene „Superkraft“ dar, die dem impulsiven „Team Harry“ gefehlt hatte. In manchen Situationen wären Harry und Ron ohne Hermines wachen Geist, ihre genialen Einfälle und ihre berühmten Zaubertränke hilflos gewesen. Eine Superheldin mit Sommersprossen – stets bereit, der Gefahr ins Auge zu blicken, um einen Schurken zu richten oder der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Wer möchte keine Freundin wie Hermine haben?

Klugheit und Instinkt

Mut, Kampfgeist, Loyalität und ein feines Gespür für Ungerechtigkeiten sind auch Eigenschaften, die man der inzwischen erwachsenen Emma Watson zuschreibt. Während andere ehemalige Kinderstars ihr Vermögen verprassen, ihre Neurosen in Alkohol ertränken – wie bedauerlicherweise zeitweise auch Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe – oder Selbsterfahrung in jugendlichen Exzessen suchen, wich Emma Watson allen Verlockungen des frühen Ruhms geschickt aus. Erpicht darauf, ein möglichst normales Leben zu führen, fuhr sie, bis sie 18 Jahre alt war, mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch London und zog sich später zum Studium der Literaturwissenschaften auf die Universität zurück. Model-Aufträge wie etwa für die britische Kultmarke Burberry (2010) oder den französischen Kosmetikkonzern Lancôme (2011) stilisierten sie zur Fashion-Ikone. Ihrem Image oder Charakter schadete der Ausflug in die glitzernde Modewelt nicht, im Gegenteil.

In der Zeit nach den „Potter“-Filmen nahm Emma Watson kleinere Rollenangebote an. 2014 spielte sie in Darren Aronofskys bildgewaltiger Bibel-Verfilmung „Noah“ die Schwiegertochter des Archenbauers (Russell Crowe). Die ganze Bandbreite ihres Könnens zeigte sie 2015 in Alejandro Amenábars gruseligem Thriller „Regression“, in dem sie ein von Todesängsten geplagtes Missbrauchsopfer einer satanischen Sekte gab. Das historische Polit-Drama „Colonia Dignidad“ an der Seite von Daniel Brühl war 2016 zwar kein Erfolg an der Kinokassa, brachte Emma Watson aber blendende Kritiken ein. Finanziell war sie längst abgesichert. Ihr Vermögen soll sich inzwischen auf 66 Millionen Euro belaufen. 2014 stellte sich Watson einer neuen Herausforderung: Die Schauspielerin nutzte ihre enorme Popularität für die gute Sache und nahm das Mandat als UNO-Botschafterin für Frauenrechte und Gleichberechtigung an.

Aktivistin mit klarer Botschaft

Schon ihre ebenso glühende wie rhetorisch brillante Antrittsrede bei der UNO-Vollversammlung schlug hohe Wellen. Bisher sei in keinem Land der Welt die absolute Gleichstellung von Männern und Frauen in Bezug auf die Ausübung ihrer Bürgerrechte, die Bezahlung von gleichem Lohn für gleiche Arbeit und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper Realität, stellte sie fest. Daran gelte es zu arbeiten. Auch Männer wären gut beraten, sich mit den Frauen in puncto Gleichberechtigung zu solidarisieren, um nicht selbst Opfer vergilbter Geschlechterklischees zu werden. Männer sollen, geht es nach Watson, ruhig in der Öffentlichkeit weinen, ohne als Schwächlinge abgestempelt zu werden, und Frauen dürfen ruhig fordernde Feministinnen sein, ohne sofort als Furien abgestempelt zu werden.

Am Punkt

Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Engagements ließ Emma Watson gar nicht erst aufkommen. Mit einem heiter vorgebrachten „Sie denken vielleicht, dass das ‚Harry-Potter-Girl‘ hier bei der UNO nichts zu sagen hat?“ nahm sie möglichen Kritikern von Anfang an den Wind aus den Segeln. Mit der UNO-Gleichstellungskampagne „HeFor She“ macht sich Watson, selbst Tochter von zwei Anwälten, für jene Frauen und Mädchen stark, die unter weniger privilegierten Umständen um Respekt und Gleichbehandlung kämpfen, gar keinen Zugang zu Bildung haben oder in Zwangsehen seelisch und körperlich verkümmern. Diskriminierung hat Watson am eigenen Leib erlebt, wenn auch in anderer Form. Etwa als sie als Achtjährige im Schultheater Regie führen wollte und ihr Wunsch mit der fadenscheinigen Begründung abgelehnt wurde, sie wäre „zu resolut“ für diese Position. Der wahre Grund war allerdings, dass nur Buben im Schultheater inszenieren durften. Bis heute kann die Britin Diskriminierungen wie diese weder akzeptieren noch nachvollziehen.

Kein Herz für Harry

Nicht nachvollziehen konnte Emma Watson auch das mediale Getöse um ihre angebliche Liebschaft mit Prinz Harry, die die australische Frauenzeitschrift „Woman’s Day“ im Februar 2015 aufzudecken geglaubt hatte. Andere junge Frauen würden sich sprichwörtlich die rechte Zehe dafür abhacken, um auch nur dem Dunstkreis des Prinzen von Wales zugerechnet zu werden. Emma Watson aber ließ die Welt via Twitter-Meldung wissen, dass sie gar keinen männlichen Aristokraten an
ihrer Seite brauche, um ihr Wohlbefinden zu steigern. Sie fühle sich ohnehin voll und ganz als Prinzessin.

Gezeichnet fürs Leben

Hinter den Kulissen ließ sich Emma Watson Anfang 2015 nun aber doch mit einem echten Prinzen ein, und zwar mit einem „verwunschenen“. Das hatte aber nichts mit ihrem Liebesleben zu tun, sondern viel eher mit einem Rollenangebot für die Neuverfilmung einer der größten gezeichneten Leinwandromanzen aller Zeiten, des Disney-Trickfilmklassikers „Die Schöne und das Biest“ aus dem Jahr 1991. Der Regisseur der Realverfilmung, Bill Condon, gilt als Spezialist für knisternde Kinoromanzen („Die Twilight Saga: Biss zum Ende der Nacht“), mitreißende Musicals („Dreamgirls“, „Chicago“) und außergewöhnliche Charaktere („Inside WikiLeaks“). „Die Hauptfigur Belle ist eine Außenseiterin“, sagt Condon „Sie braucht keinen Prinzen, um glücklich zu sein. Sie liebt Bücher! Sich nicht von Oberflächlichkeit ablenken zu lassen, ist heute relevanter denn je.“ In Emma Watson sah der Oscar-Preisträger die Idealbesetzung für seine Belle. Klug, rebellisch und selbstbewusst: „Emma Watson steht wie keine andere Schauspielerin ihrer Generation für Frauenrechte.“ Schon die gepinselte Belle bewies 1991, dass sich eine moderne Heldin nicht von überholten Erwartungshaltungen unterkriegen lassen muss. Ziemlich ungewöhnlich für eine Märchenfigur in einem Disneyfilm.

Watsons Casting war reine Formsache. Schließlich träumte sie nach eigenen Angaben, seit sie vier Jahre alt war, davon, Belle zu spielen. „Besonders die Beziehung zwischen dem Biest und der Schönen hat mich immer fasziniert: Sie können einander am Anfang gar nicht leiden, sie geraten heftig und ziemlich direkt aneinander, aber begegnen einander immer auf Augenhöhe. Diese Dynamik erwartet man nicht von Figuren in einem Märchen.“

Auf die Frage eines Fans, welchen Disney-Charakter Emma Watson wohl als Nächstes spielen würde, wenn sie es sich aussuchen könnte, antwortete der Star wie aus der Pistole geschossen: „Das Biest, natürlich!“

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