Nächster Halt: Ostsee

Zwischen Wind und Wasser, Wellen und Dünen, Moderne und Tradition, Strandkörben und Fischbrötchen – die Ostsee in Deutschland ist ein vielfältiges Reiseziel. Nirgendwo ist der Himmel so hoch wie hier im Norden

REISE | RENÉ FLEISSNER | COMPLETE LUXUS 2/18

Foto: Thomas Taurer

Der Wind kommt in Sprüngen, die Sonne steht tief und das Boot gleitet nahezu lautlos über den Bodden. Am feinen Grinsen des Bootsführers ist sichtlich erkennbar, dass es ihm Spaß macht und er die herbstliche Stille am Wasser genießt. Die untergehende Sonne im Hintergrund und die orange gefärbte Schilflandschaft muten schon fast kitschig an, das rötlich-braun gefärbte Segel tut sein Übriges. Bodden, so wird das Küstengewässer genannt, welches durch langgestreckte Halbinseln vom Meer abgetrennt ist und wie hier, auf Fischland-Darß-Zingst, lediglich ganz im Osten mit dem Meer verbunden ist. Der zufriedene Segler auf seinem kleinen Holzboot ist Jens Lochmann, Bootsbauer, Restaurator und geduldiger Segellehrer im Künstlerort Ahrenshoop. Er hat sich zum Ziel gesetzt, alte Holzboote (Zeesboote) zu restaurieren, und hält somit eine Tradition am Leben, die schon beinahe ausgestorben ist. Die Boote sind um die 80 Jahre alt und wurden früher zum Fischen verwendet. Aber auch die Fischerei hat an diesem Teil der Ostsee stark abgenommen und so stellen die alten Boote heute ein begehrtes Gefährt dar, um über den idyllischen Bodden zu segeln.

Die langgezogene Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, die ab Ahrenshoop zu Vorpommern zählt, ist auch der perfekte Ort, um im Herbst Tausende von Kranichen zu beobachten. Auf ihrem Flug in den Süden legen sie hier eine Pause ein und ruhen sich auf den abgeernteten Feldern aus, um sich für den Weiterflug zu stärken. Mehrere Aussichtsplattformen laden insbesondere vor der Dämmerung ein, sich dem Schauspiel zu widmen. Auch gibt es ab dem Hafen Zingst Kranichfahrten mit einem Boddenkreuzer, der zum größten Kranichschlafplatz Europas führt. Das Schauspiel dauert bis etwa Ende Oktober, ehe alle Vögel Deutschland Richtung ­Spanien verlassen haben.

Die Fahrt durch herbstliche Landstriche führt unweigerlich über die längste Autobrücke Deutschlands, auf die Insel Rügen. Sich treiben lassend und den Al­leen folgend, führt der Weg nicht geradeaus ans Meer, sondern durchs Hinterland der Insel. Träumerische Landschaften, romantische Dörfer – die Insel hat auch abseits der Ostsee sehr viel zu bieten. Immer wieder stechen die Reetdächer alter Landhäuser ins Auge. Die Schilfpflanze aus dem seichten Boddengewässer wird nach dem ersten Frost, wenn sie ihre Blätter verloren hat, geschnitten. Zu diesem Zeitpunkt sind die hohlen Halme besonders stabil. Neben der interessanten Optik hat das Reet den Vorteil, dass es ein angenehmes Raumklima schafft. Es speichert Wärme im Winter und liefert etwas Kühle in den Sommermonaten, zudem hält es durchaus 60 Jahre lang.

Ein wahrer Touristenmagnet sind die Kreidefelsen im Norden der Insel, sie dürfen auf keiner Postkarte Rügens fehlen. Eine steile Kreideküste trennt auch das Kap Arkona vom Meer, gleich drei Leuchttürme sorgen dafür, dass einer der sonnenreichsten Orte Deutschlands auch ein äußerst beliebtes Fotomotiv ist. Etwas weiter im Süden, zwischen den Orten Juliusruh und Glowe, findet sich über eine Länge von elf Kilometern ein feinsandiger Strand. Der schmale Landstreifen zwischen Bodden und Ostsee ist geprägt durch einen malerischen Küstenschutzwald.

Der Süden Rügens besitzt mit Sellin und Binz die zwei berühmtesten Ostsee­bäder der Insel. Wenig verwunderlich, liegt in Sellin doch die wahrscheinlich schönste Seebrücke an der Ostsee, und die Bäderarchitektur in Binz sucht ebenso seinesgleichen. Die Villen an der Binzer Promenade mit ihren kleinen Erkern und filigranen Balustraden, der einladende weiße Sandstrand mit den typischen Strandkörben und die fröhlichen Gemüter der vielen Besucher geben dem Ort einen besonderen Charme. Stilistisch gänzlich anders präsentiert sich das Ostseebad Sellin, wenige Kilometer südlich. Eine kulinarisch vielversprechende Straße führt leicht aufwärts in Richtung des Meeres und endet abrupt mit einem grandiosen Blick auf die Selliner Seebrücke. Mit 394 Metern Länge ist sie auf der Insel die längste ihrer Art und hat eine bewegte Vergangenheit. Bereits 1906 entstand eine gut 500 Meter lange Seebrücke, welche aber in den darauffolgenden Jahren durch Packeis sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde und schlussendlich im Winter 1941/42 weitestgehend zerstört wurde. Als 1978 auch der Brückenkopf, und mit ihm ein beliebtes Tanzlokal, abgerissen werden musste, dauerte es einige Jahre bis zum Wiederaufbau. Die offizielle Eröffnung fand 1998 statt – zu einer Zeit, als der Ort längst zu einem begehrten Ziel westdeutscher Urlauber avancierte.

Seit einigen Jahren fester Bestandteil im Selliner Veranstaltungskalender ist die herbstliche Beach Polo Championship. Der rasante Mannschaftssport wird hier vor traumhafter Kulisse gespielt, für die Zuseher ist das Spielfeld perfekt einsehbar. Es werden vorwiegend argentinische Polo­pferde eingesetzt, da diese spezielle Zucht Ausdauer mit Schnelligkeit und Wendigkeit verbindet und sich so hervorragend für das Turnierspiel eignet. An diesen Tagen kann man mehr als 65 Polopferde bestaunen.

Das Tor zur Insel Rügen bildet die Hansestadt Stralsund. Der historische Stadtkern ist nahezu vollständig von Wasser umgeben; was früher in Verbindung mit der Stadtmauer ein effektiver Schutz war, ist heute noch gut erhalten und mit einem Spaziergang rund um die Altstadt erlebbar. Stralsund war im südlichen Ostseeraum eine der wichtigsten Hansestädte, die Blütezeit und ihre Auswirkungen sind in Form der Backsteingotik noch heute sichtbar – das Rathaus mit seiner prächtigen Schaufassade oder gleich daneben die Nikolaikirche mit der wuchtigen Doppelturmanlage. Gemeinsam mit den naheliegenden Städten Lübeck, Wismar und Rostock bildete die Hafenstadt einen starken Bund, der für Wohlstand und Prosperität sorgte. Für ebenso viel Flair sorgt die letztgenannte Hansestadt. Das alte Zentrum Rostocks liegt 14 km von der Ostsee entfernt, die Stadt ist die größte in Mecklenburg-Vorpommern und erstreckt sich über beide Seiten des Flusses Warnow, der hier eine Verbreiterung erfährt und so ein natürliches Hafenbecken bildet.

Viele Besucher zieht es in den nördlichsten Stadtteil Warnemünde mit seinem historischen Seebad, welches ab der Mitte des 19. Jahrhunderts das damals kleine Fischerdörfchen stark prägte. Aus dem romantischen Fischerdorf wurde ein pulsierender Stadtteil, der von unzähligen Kreuzfahrtschiffen angelaufen wird. Ein Spektakel für sich, wenn die überdimensionalen Kreuzer zwischen der Ost- und Westmole, zwischen rotem und grünem Leuchtturm, einlaufen. Entlang des Alten Stroms dreht sich speziell am Wochen­ende alles um den Meeresfisch. Fangfrisch kommt dieser direkt in die Räucheröfen oder ins Fischbrötchen, oder aber er wird wie Scholle und Dorsch als Ganzes verkauft. Und so kommt es, dass die berühmten Fischbrötchen bereits zum Frühstück verspeist werden.

Zwischen den Städten Rostock und Wismar befindet sich in Heiligendamm das älteste Seebad Deutschlands, in welchem die erste Badesaison bereits 1794 eröffnet wurde. Geschichtsträchtig ist diese Region an der Ostsee, verbindet die Orte Bad Doberan, Heiligendamm und Kühlungsborn doch die historische Dampfeisenbahn Molli. Pfeifend und rauchend bewegt sie sich langsam durch Linden­alleen, Rapsfelder und die Seebäder.

Das Erscheinungsbild einer stolzen Hansestadt ist in Wismar am eindrucksvollsten zu sehen. Das gesamte Stadtbild ist von Backsteingotik geprägt; gotische Bürgerhäuser in allen Straßen und Gassen. Auffallend sind die sogenannten Schwedenköpfe an vielen Orten der Stadt. Sie erinnern an die Zeit zwischen 1632 und 1803, als die Stadt der schwedischen Krone angehörte. 1803 wurde sie für 99 Jahre an das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin verpfändet und fiel formal erst 1903 an Deutschland zurück, da Schweden auf die Einlösung des Pfandes verzichtete.

Nicht nur die Küstenregionen sind an der Ostsee eine Reise wert. Eindrucksvoll ist auch das Hinterland, insbesondere die Holsteinische Schweiz mit ihrer Seenlandschaft. Beim Schierensee steht Tina Benz neben der Straße und bittet in ihren Zauberfeengarten. Sängerin, Gärtnerin und auch Müllerin – so betreibt sie das Café „To’n Windbüdel“ in der Grebiner Mühle. Diese liegt unmittelbar am Grebiner Weinhang, auf der anderen Seite des kleinen Sees. Seit 2009 wird hier untypischerweise Wein angebaut und unter dem ausdrucksvollen Namen „So mookt wi dat“ verkauft, was schlicht und einfach „So machen wir das“ heißt. Damit ist auch Schleswig-Holstein in den letzten Jahren in die Welt des Weinbaus vorgerückt. Am Gestüt Schierensee züchtet Hans-Jörg Buss Achal-Tekkiner, eine gold-schimmernde Pferderasse, die zu den ältesten der Welt gehört. Liebevoll liegt das große Anwesen mit modernen Apartments am See und bietet perfekte Erholung.

Eine Seltenheit an der deutschen Ostseeküste tut sich im Seebad Grömitz auf. Die Küstenlinie und mit ihr der acht Kilometer lange Sandstrand verläuft hier so, dass das Meer südlich liegt. Die Weitläufigkeit bietet für alle Besucher genug Möglichkeiten, sei es zum Flanieren an der Strandpromenade oder um einen Cocktail am Strand zu genießen. Von der Sonne verwöhnt, richtet sich der Blick aus dem Strandkorb auf das dahinplätschernde Wasser im Wind der Ostsee und die Gedanken wandern unweigerlich zum Schriftsteller und Dichter Reiner Kunze, der schreibt: „… und am Ende ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

Reisetipps

Anreise
Ab Wien mit Austrian Airlines direkt nach Hamburg, von dort mit einem Mietauto in weniger als einer Stunde nach Lübeck.
www.austrian.com

Unterkünfte
Travel Charme Kurhaus Binz
Stilvolles Hotel direkt an der Seebrücke von Binz mit hervorragendem Wellnessbereich, weißem Sandstrand und schöner Uferpromenade.
www.travelcharme.com

Appartements Gestüt Schierensee
In traumhafter Kulisse mit Zauberfeengarten, direkt am Schierensee in der Holsteinischen Schweiz, mit ästhetisch anspruchsvollen Appartements und sehr sympathischen Gastgebern.
www.gestuet-schierensee.de

Mecklenburg-Vorpommern

Segelschule Alte Boote
Segeln lernen oder einfach nur eines der alten Zeesboote bei Jens Lochmann ausborgen und über den Saaler Bodden gleiten.
www.alteboote.de

Fischmarkt Warnemünde
Fangfrischen Fisch aus der Ostsee direkt am Fischmarkt, jeden Samstag und Sonntag am Alten Strom in Warnemünde.
www.warnemuende-infos.de

Die schönsten Ostseebäder

Ostseebad Grömitz
Ein lebendiges und sonnenreiches Ostseebad mit Blick Richtung Süden.

Ostseebad Heiligendamm
Das älteste Seebad Deutschlands präsentiert sich mit weißen, neoklassizistischen Gebäuden im Hintergrund.

Ostseebad Sellin
Die Seebrücke von Sellin gehört mit dem dazugehörigen Restaurant zu den malerischsten Seebrücken an der Ostsee.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Anzeige

Anzeige