Nicaragua

Abenteuerlust zwischen Karibikstrand und Pazifikküste

REISE | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 2/15

Foto: Karin Wasner

Ein schrilles Kreischen lässt ein turtelndes Paar beinahe aus seiner Hängematte purzeln. „Somebody found his welcome-spider“, lacht der braungebrannte Mann mit Machete und Sonnenhut, der gerade einen Palmwedel durch den weißen Sand schleift. Ra Gil ist Aussteiger, Künstler, Gastgeber, Bauer, ist jeden Tag, was er sein will. Er hat seinen Platz im Paradies gefunden.

Little Corn Island heißt dieses Paradies, von dem man denkt, so etwas gibt es nicht mehr. Auf der Insel vor Nicaraguas karibischer Küste sind die guten alten Zeiten – vor dem Massentourismus, den Hotelburgen, den Discos – genau jetzt. Die rund 500 Inselbewohner leben vom Fischfang und der Kokosnuss. Sie sind Nachfahren von europäischen Piraten und afrikanischen Sklaven, die vor den Inseln Schiffbruch erlitten. Straßen oder Autos gibt es nicht, die einzigen lauten Geräusche kommen von Booten, die morgens Hummer und Langusten für das Abendessen an Land bringen. Und von Papageien, die in den Palmen lärmen.

Der Weg hierher ist weit, und wer zimperlich ist, nimmt ihn erst gar nicht auf sich. Ein Propellerflugzeug, das seine besten Jahre lange hinter sich hat, ein kleines Schnellboot, aus dem alle bis auf die Haut durchnässt aussteigen, ein schmaler Pfad durch Urwaldgestrüpp, auf dem nachts im Schein der Stirnlampe Hunderte Spinnen- und Krebsaugen leuchten – all das liegt hier zwischen mir und dem Rest der Welt.

Vor 18 Jahren hat Ra hier Land gekauft, das er selbst bewirtschaftet. „Ich bin ein kleiner Bub, der Leben spielt“, meint er nachdenklich und erinnert sich an die Zeit, als auch er noch Teil des Systems war. „Das Leben fühlt sich jetzt erst echt an. Ich bin wieder Teil des Kreislaufs und nicht Teil des Problems.“ Aus Strandgut hat er kunstvolle kleine Hütten gebaut, in denen jetzt Touristen dem Alltag entfliehen. Strom gibt es nur zwei Stunden am Tag, Handynetz oder Internet? Fehlanzeige. Wenn man am zweiten Tag aufhört, sein Handy zu laden, ist man angekommen. Im Paradies vergehen die Tage ohne Katzenvideos und Eilmeldungen. Man geht schnorcheln, tauchen, fischen. Die Seele baumelt schlicht im Takt der Hängematte. Mit einer haarigen Urwaldspinne seine Bleibe zu teilen, gehört allerdings zum Aussteigerpaket dazu – nach Ras Philosophie wird das Paradies gerecht geteilt.

Nicaragua ist ein Land mit bewegter Geschichte und voller Gegensätze. Die Karibikküste mit türkisblauem Meer und Korallenriffen auf der einen Seite, die Pazifikküste mit weltbekannten Surfspots auf der anderen. Dazwischen liegen entlang einer seismisch unruhigen Erdfalte zwanzig Vulkane. Bunte Kolonialstädte wie Granada und León zu deren Füßen scheinen sich nicht einschüchtern zu lassen, sie brummen vor Leben. Nur die „Evacuation Road“-Schilder – panisch winkende Strichmännchen, die vor einem spuckenden Berg weglaufen – erinnern an die brodelnde Energie unter meinen Füßen. Auf dem Cerro Negro macht man die Not zur Tugend. „Vulcano Surfing“ nennt es Anry Rodriguez, unser Guide, der täglich Adrenalinverliebte auf den immer wieder aktiven Vulkan begleitet. Auf Holzplatten brettern wir diese wahrhaft schwarze Piste hinunter. Dunkler Lavasand fliegt mir ewig scheinende 400 Höhenmeter lang um die Ohren. Vor Freude oder Angst schreien verkneift man sich besser.

Außerhalb der Städte wird es leiser, tagelang kann man Nationalparks mit heute selten gewordener Biodiversität durchwandern. Im Zentrum des Landes ruht ein Süßwassersee, 16-mal größer als der Bodensee, der Lago de Nicaragua. Schon von Weitem sichtbar, ragen aus seiner Mitte die beiden Vulkane der Insel Ometepe. Concepción, der höhere, ist einer der aktivsten im Land. Mit seinen Eruptionen, die letzte erst 2010, sorgt er für nährstoffreiche Böden, die sich hervorragend für die Landwirtschaft eignen. Kleinbauern arbeiten in Kooperativen zusammen, pflanzen Kaffee, Kochbananen und Tabak. Ökotourismus ist nicht nur ein Schlagwort, Tourismus ist hier respektvoll und nachhaltig, finanziert soziale Projekte und allerorts gibt es Touren durch die Plantagen.

Zu einer solchen Kooperative namens Nicaragua Libre gehört die Farm von Rene nahe dem Vulkan Mombacho. Interessierte können hier übernachten und, wenn sie wollen, auch mitarbeiten. Rene ist ein gütiger, schüchterner Mann, man merkt ihm an, dass er mit Pflanzen und Tieren besser kann als mit Menschen. „Wir leben mit der Natur“, sagt er nicht ohne Stolz. „Unsere Tiere, die Gärten und wir, das ist eine Einheit, wir gehören zusammen.“ Ermunternd stupst er das rosa Ferkel, das er weltmännisch „London“ getauft hat und das zu unseren Füßen mit rabiatem Federvieh um Bananenschalen streitet. Auf Renes Finca wachsen Mangos, Orangen, Avocados, aber auch Kakao für seine Familie, oder Pflanzen, aus denen seine Frau Isabel Medizin herstellt. Kein Blatt, das er nicht benennen kann, keine Blüte, kein Samen, die nicht Verwendung fänden.

In Renes Pickup knattern wir über die steile Schotterpiste zum Krater des Mombacho, vorbei erst an Trockenwald, hinauf zu den tropischen Regenwäldern mit 700 unterschiedlichen Pflanzenarten, darunter 80 Orchideen. „Vago, vago“, flüstert Rene plötzlich und zeigt in die vor Feuchtigkeit triefenden Baumriesen. Irgendwann erkenne ich das Faultier, das bestens getarnt durch ein von Algen grün schimmerndes Fell, an einem Ast hängt. Zurück auf der Farm schlage ich nach, was Rene mir sagen wollte. „Vago“ bedeutet träge und faul, aber auch undeutlich. Passend, denke ich.

In den Achtzigerjahren, während der Regierungszeit der Sandinistas, waren es linke Revolutionstouristen, wegen ihres Schuhwerks liebevoll „Sandalistas“ genannt, die Nicaragua als Reiseziel entdeckten. Immer noch ist es ein Land für Individualisten. Anstelle von Sandalen tragen sie heute Flip-Flops. Die Che-Guevara-Shirts wurden gegen fair produzierte Funktionskleidung getauscht. Doch das Paradies, das sie suchen, scheint nun bedroht. Der Nicaraguakanal, eine transozeanische Wasserstraße, die Atlantik und Pazifik verbinden soll, spaltet das Land – und nicht nur auf der Landkarte. Ein großes Stück soll durch den Nicaraguasee führen, was dessen einzigartiges Ökosystem massiv beeinträchtigen wird. Tausende Menschen müssten umgesiedelt werden, für den noch unberührten Regenwald und seine tierischen Bewohner wäre der Bau eine Katastrophe. So klingen mir noch Ras Worte in den Ohren: „Better a hairy spider than an iron caterpillar.“

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