Oman

Wüsten, Wadis und weiße Strände

REISE | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 4/15

Foto: Karin Wasner

Die Piste scheint kein Ende zu nehmen. Auf dem roten Sand fährt sich das Auto wie auf Schnee, wir schlittern von links nach rechts. Der Weg zum Camp in der Wahiba Sands, einer Sandwüste im Herzen des Omans, will nicht enden. Das letzte Haus liegt weit zurück und weit voraus ist der Pick-up, der kurz zuvor in einer Staubwolke an uns vorbeigebrettert ist. Vielleicht hätten wir – zwei europäische Frauen in einem knallblauen Mazda 2 – auf den Rat des jungen Ali hören sollen, der erst zwei Stunden zuvor davon abriet, ohne Allrad in die Wüste zu fahren. Hinter einer Düne taucht endlich das Camp auf. Badar, der Besitzer, noch eine kleine Gestalt in einer weißen Dasha mit Turban, steht am Tor und winkt. Mit tiefem Bass empfängt er uns lachend: „Ihr habt es geschafft! Und gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang.“

Der Oman, im Südosten der arabischen Halbinsel, gilt immer noch als Geheimtipp. Noch vor vierzig Jahren gab es im Land nur 10 km geteerte Straße und ein einziges Postamt, mittlerweile braust man auf mehrspurigen, beleuchteten Autobahnen von Nord nach Süd. Die Kamelkarawanen sind verschwunden und von glänzenden SUVs mit Allradantrieb abgelöst worden. Das Land verdankt seinen Wohlstand dem Erdöl – und seinem Sultan, dass alle etwas davon haben. Als Sultan Quaboos 1970, damals noch keine dreißig, seinen Vater entmachtete, galt der Oman als eines der rückständigsten Länder der Welt. Heute ist er ein moderner, zukunftsorientierter Staat, in dem westlicher Lebensstil und orientalische Traditionen ganz selbstverständlich nebeneinander Platz haben. Die Menschen verehren Quaboos wie einen Popstar. „Kinder in entlegenen Bergdörfern werden jeden Morgen vom Helikopter zur Schule abgeholt“, schwärmt ein junger Omani von Quaboos’ Engagement für Bildung. Geschichten wie diese hören wir viele, und auch wenn wir nicht alle glauben, ist die Beliebtheit des Sultans im ganzen Land spürbar.

Auch im Wüstencamp strahlt sein Porträt – bunte Gewänder, Turban, weißer Rauschebart – von der kühlenden Lehmwand des Gemeinschaftsraumes. Badar empfängt uns mit süßen Datteln und Tee, unbedingt will er uns mit seinem Jeep zum besten Platz für den Sonnenuntergang fahren. Wir aber entscheiden uns für die lärmarme Variante, streifen die Sandalen von den Füßen und machen uns auf den Weg. Hinauf über die 90 m hohe Düne, immer Richtung Westen.

Später – in der Wüste ist es kalt geworden – sitzen wir mit omanischen Familien um ein wärmendes Lagerfeuer. „What’s your favorite football player?“ Nur zögerlich traut sich die 9-jährige Rana, ihr Schulenglisch an uns zu üben. Frauen sind im Oman ebenso gut ausgebildet wie Männer, an den Universitäten beträgt ihr Anteil 50 % und das auch in typischen Männerdomänen. Im Feuerschein sitzen zwei junge Frauen, die Flugzeugbau und Elektrotechnik studieren. „Ungebildete Frauen können nichts zum Fortschritt unseres Landes beitragen, das sagt Sultan Quaboos“, hören wir die nächste Liebeserklärung an das Staatsoberhaupt aus dem Mund der 22-jährigen Alia. Ihre kleine Schwester lässt nicht locker und appelliert erneut an den Fußballfan in mir. „David Alaba“, fällt mir dann doch noch ein, und ich ernte anerkennendes Nicken in der Runde. Im Oman liebt man Fußball – und spielt es überall. Auf der Straße, am Strand, im Wadi. Wer keine traditionelle Dasha – das lange, luftige Gewand der Männer – trägt, hat ein Shirt von Messi oder Ribery an. So hält es auch Mohammed. Bei unserem ersten Zusammentreffen im Wadi Bani Khalid bereitet der 19-Jährige im roten Manchester-United-Dress ein Barbecue für „Habibi“ vor. Der „Freund“ ist Peter, ein Schweizer, der drei Tage zuvor zufällig an Mohammeds Haus vorbeitrampte und nach dem Weg fragte. Und Gastfreundschaft wird im Oman gelebt, deshalb schleppt Mohammed Teppiche, Grillrost, Tomaten, Zwiebeln und zwei gerupfte Hühner durch die Schlucht und über die runden Felsen des Wadis. Schnell sind wir ebenfalls seine Gäste. Die Hühner werden geteilt und bevor Mohammed das Gemüse für den Salat schneidet, zeigt er uns auf seinem Handy Fotos seiner Brüder, Schwestern, Nichten und Neffen. Dazwischen immer wieder Bilder vom Sultan und romantische Szenen in Schwarz-Weiß, wie man sie von Kuschelrock-CDs kennt. Mohammed lächelt verlegen, aber bei seiner dunklen Haut und dem flackernden Schein des Feuers bleibt sein Erröten unentdeckt. Schnell zeigt er uns ein Video, wie er von den hohen Felsen des Wadis in eines der Wasserbecken köpfelt, die von dort oben klein wie Wasserpfützen wirken. „Sogar die Red Bull Cliff Diver waren schon bei uns!“, erzählt er stolz und sucht sofort den Videobeweis.

Wadis sind Flussläufe voll azurblauer Süßwasserbecken und grüne Oasen inmitten der endlosen Steinwüsten. Der Oman ist eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt, Leben war und ist nur mit Wasser möglich. Die Wadis leiten das Wasser aus dem Hadj-Gebirge in die trockene Ebene und füllen sich bei Regen blitzartig mit Wasser, was schnell gefährlich werden kann. Aber Regen ist selten. Deshalb entstanden vor 1.500 Jahren Omans berühmte Aflaj-Bewässerungssysteme, kilometerlange über- und unterirdische Rinnen ganz ohne Pumpen, die nur mithilfe des natürlichen Gefälles das kostbare Nass in die Siedlungen leiten. Bis heute wacht über die gerechte Verteilung des höchsten Guts der Wakir, der „Wächter des Wassers“. Die Aflaj sind UNESCO-Weltkulturerbe, von 4.000 Systemen im Land werden zwei Drittel noch heute genutzt. In dieser für das Land wichtigen Bergregion des Dschabal-Achdar-Massivs liegt die Stadt Nizwa. Im bunten Souk innerhalb des Forts wird um alles gefeilscht, selbst wenn es nur eine unreife Mandarine ist. „Handeln ist Pflicht!“, erklärt mir keck ein Mann ohne einen einzigen Zahn im Mund, der mir eine Tonvase verweigert, die ich ihm ganz ohne Diskussion abkaufen wollte. Belustigt beobachtet nebenan eine Gruppe verschleierter Frauen, wie zwei sehr laute Amerikanerinnen in unpassenden Hotpants um ein Haar von einer ausgebüxten Ziege über den Haufen gerannt werden. Freitags ist traditioneller Viehmarkt und der übliche Lärmpegel hier wird von Muhen, Blöken und Gegacker noch tierisch verstärkt.

Das Gegenteil von laut finden wir keine zwei Autostunden und eine herausfordernde Schotterpiste entfernt am Gipfel des Dschabal Schams, dem mit 3.009 m höchsten Berg des Omans. Von hier hat man einen atemberaubenden Blick über den „Grand Canyon Arabiens“, das Wadi Ghul. Hier fallen die Felsen bis zu 1.000 m steil zum Talboden ab. Unser Zweimannzelt steht nur wenige Meter vom Abgrund entfernt, mehr schlecht als recht auf dem schroffen, schwarzen Fels aufgebaut. Wild campen ist im Oman erlaubt und ungefährlich, viele Omanis genießen an Wochenenden die Nächte unter freiem Himmel. Nachts hört man nur den Wind ums Zelt pfeifen, und wenn einem der Sternenhimmel noch nicht die Sprache verschlägt, dann tut es der Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Nur die Ziegen sind völlig unbeeindruckt von Höhe und Romantik und versuchen mein Frühstück zu klauen, während ich noch gebannt in den Abgrund starre.

Von hier kann man an sehr klaren Tagen das Meer sehen, so nahe ist Omans Küste mit ihren weißen Sandstränden und ihrer einzigartigen und intakten Unterwasserwelt. Faris, ein Omani mit immer fröhlichem Gesicht und einer bunt bestickten Kappe auf dem Kopf, schwärmt von den Korallenriffen rund um die Daymaniyat-Inseln. „Ich war schon auf den Malediven und in Indonesien, aber was du hier siehst, siehst du sonst nirgends auf der Welt!“, kann er seine Begeisterung kaum zügeln. „Die Inseln sind Naturschutzgebiet, niemand darf sie betreten, und von diesem Korallenparadies weiß kaum ein Taucher“, meint er mit einem Augenzwinkern. Naturschutz und sanfter Tourismus sind nicht nur Schlagworte. Man will es anders und besser machen als die glänzenden Golf-Staaten mit ihren künstlichen Palmen im Ozean, ihren Indoor-Skipisten und Unterwasserhotels – leiser, klüger, nachhaltiger.

Das bestätigt auch eine Gruppe Expats aus England, die wie wir am White Beach bei Fins ihre Zelte aufgeschlagen hat. „Der Oman plant Zugverbindungen, und große Hotelkomplexe dürfen nicht mehr gebaut werden“, erzählt July, eine Lehrerin, die an einer internationalen Schule in der Hauptstadt Muscat unterrichtet. Ein Jahr wollte sie bleiben, fünf sind es mittlerweile. „Ich hab’ mich sofort in den Oman verliebt. Die Menschen sind hier so offen und freundlich.“ Ihr Freund Steve, ein sanfter, ruhiger Mann, der für einen Sicherheitsdienst arbeitet, fällt ihr ins Wort: „Es gibt so gut wie keine Kriminalität, die Menschen sind einfach zu zufrieden. Das Schlimmste, das mal passiert, ist ein Autounfall“, meint er und deutet zu den dicken, weißen Pick-ups, die neben den Zelten im Sand parken. Ich schmunzle und denke an die Wüstenrallye am Beginn unserer Reise. Steve deutet meinen Blick falsch: „Willst du eine Runde drehen?“ Nein, danke. Ich laufe lieber mit nackten Zehen durch den warmen Sand.

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