Panama, ein Traum

Die einen denken an einen Bären und den Geruch von Bananen, andere an den berühmten Kanal oder an einen Schneider, der für den CIA arbeitet. Fest steht: Panama ist das spannendste Land Mittelamerikas

REISE | KARL RIFFERT | COMPLETE MAGAZIN 4/18

Foto: Panama Tourism Bureau

Wenn man sich nach zwölfstündigem Flug Panama City nähert, riecht es nicht nach Bananen. Das Erste, das man im Landeanflug bemerkt, sind kleine Inseln und Sandbänke mit flachem Wasser, das wunderbar türkis leuchtet. Man gleitet über dichten Regenwald, der ganz bis an den Stadtrand von Panama City reicht. Und dann tauchen Legionen von Schiffen auf, die alle auf die Durchfahrt im nahen Panamakanal warten. Sie sehen von oben aus wie Spielzeug in der Badewanne.

Dass es nicht nach Bananen riecht in Panama, ist für alle verwunderlich, die Panama nur aus der Kindergeschichte „Oh, wie schön ist Panama“ von Janosch kennt. Sie wurde in 40 Sprachen übersetzt und hat sich zwanzig Millionen Mal verkauft. Sie prägte unser Bild von Panama, diesem sehr grünen Land, das nur ein bisschen kleiner als Österreich ist, aber nur halb so viele Einwohner hat.

Tatsächlich hat dieses Land etwas Einzigartiges an sich. Panamas spezielle Geografie war möglicherweise für das Klima der ganzen Welt entscheidend. Das kleine mittelamerikanische Land ist ein Isthmus, eine schmale Landverbindung zwischen viel Wasser links und viel Wasser rechts.

Gerade einmal 80 Kilometer Landmasse trennen den Atlantik und den Pazifik voneinander. Manche Geologen meinen, wäre dieses vulkanische Verbindungsglied zwischen Nord- und Südamerika vor 350 Millionen Jahren nicht aufgetaucht und hätte das globale Klima durch die Trennung der beiden Ozeane nicht total verändert, würde es heute in Europa mehr Eisbären als Menschen geben.

Um von einem Ozean zum anderen zu kommen, haben die Menschen schon früh die schmalste Stelle des Kontinents in Panama benutzt – zunächst zu Fuß, dann auf Pferden und mit Kutschen. Später baute man einen Schienenstrang, um ab 1855 mit Zügen größere Waren von Schiff zu Schiff transportieren zu können. Dieser erste Schienenweg der Panama Railroad liegt mittlerweile über weite Strecken unter Wasser. Über ihn fahren die großen Schiffe hinweg: auf dem Kanal und im aufgestauten Gatun-See.

Der Kanal ist Panamas großer Schatz und er ist natürlich Fixpunkt für jeden Panama-Besucher, auch für uns. Wir sind auf einer Panamakanal-Expeditionstour per Boot und flitzen vorbei an riesigen Schiffen und hinein in kleine Seitenarme. Es ist eine Welcome-to-the-Jungle-Tour durch ein großartiges Naturreservat. 525 Vogelarten leben hier und am Ufer kann man immer wieder Kolonien von Kapuzineraffen sehen. Dass Schwimmen hier keine gute Idee wäre, ist allen im Boot klar. Es wimmelt von Kaimanen und Krokodilen. Die einheimischen Embera, einer der sieben indigenen Stämme in Panama, sind die gefährlichen Wasserbewohner gewohnt. Sie haben eher Existenz- als Krokodil-Ängste und verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit den Dollars der Touristen, die neugierig ihre Dörfer besuchen.

Den Panamakanal kann man am besten bei der Schleusenanlage in Miraflores besichtigen, wo man per Rolltreppe zu mehreren Aussichtsplattformen, einem Museum und einem Kino gelangt. Von hier aus kann man bestaunen, wie riesige Schiffe in den mächtigen Schleusen angehoben oder abgesenkt werden. Man ahnt hier nichts mehr von den ungeheuren Strapazen, die die Überwindung dieser 80 Kilometer von Meer zu Meer über die Jahrhunderte gekostet haben.

Der Bau des Panamakanals dauerte 33 Jahre und kostete nicht weniger als 22.000 Menschenleben. Finanziell war das Megaprojekt anfangs ebenfalls ein Desaster. Die Pleite der ersten Baugesellschaft unter Führung des Suezkanal-Erbauers Ferdinand de Lesseps löste eine der größten Finanzkrisen des 19. Jahrhunderts aus. Heute ist der Kanal wahrscheinlich die berühmteste Wasserstraße der Welt und eine der Pulsadern des Welthandels. Sie wird jährlich von rund 15.000 Schiffen befahren.

Fertig gebaut wurde der Kanal übrigens von den USA. Den Amerikanern ging es nicht nur um den Welthandel, sondern um strategische Aspekte: Die US-Kriegsflotte sollte im Krisenfall schnell zwischen Atlantik und Pazifik verlegt werden können. Nach der Eröffnung 1904 blieben die Amerikaner bis 1999. Inzwischen wurde eine neue Schleusenstrecke des Kanals gebaut, sodass auch Megaschiffe mit bis zu 14.000 Containern an Bord passieren können. Mittlerweile bringt der Kanal Panama jährliche Einnahmen von rund einer Milliarde Dollar und macht es damit zu einem der reichsten Staaten Latein­amerikas.

Das merkt man auch in Panama City, wo die Hälfte der Einwohner des Landes lebt. Man sieht keine Slums, wohl aber eine Hochhaus-Skyline, die an Manhattan erinnert. Über vierzig Wolkenkratzer gibt es, darunter auch das 70-stöckige ehemalige Trump Ocean Club Hotel, das sich jetzt Bahia Grand nennt. Die erste U-Bahn Mittelamerikas fährt ebenfalls in Panama City. Und mehr als einhundert multinationale Konzerne nutzen die Stadt mit Dschungelblick als regionales Hauptquartier.

Den Wohlstand des Landes sieht man auch in der renovierten Altstadt von Panama City und dem dortigen Immobilienboom. Panama-Stadt war vor 500 Jahren die erste Siedlung von Europäern am Pazifik und wurde bald zu einer reichen Hafenstadt. Von hier aus exportierten die Spanier 150 Jahre lang das Gold von Peru nach Europa. Aber die Zeiten ändern sich und in den 1930er Jahren verließen die Wohlhabenden die Altstadt und die Casco Viejo verkam. Noch vor 15 Jahren war die Gegend ein gefährliches, verfallendes Viertel. Inzwischen ist ein großer Teil der Häuser renoviert, die Immobilienpreise schießen durch die Decke und neue Cafés und Hotels erfreuen die Touristen.

Zu den Prestigeprojekten von Panama City zählt auch das neue Biodiversity-Museum, das von Frank Gehry, Stararchitekt und Ehemann einer Panamaerin, entworfen wurde. Das 60-Millionen-Dollar-Projekt soll darauf aufmerksam machen, dass es im kleinen Panama mehr Säugetiere und Reptilien gibt als in Kanada und den USA
zusammen.

Wir aber fliegen ins Landesinnere, zum Chiriquí-Hochland, genauer nach Boquete, wo es vergleichsweise kühl und nicht so schwül ist wie in Panama City. In Boquete haben reiche Panamaer ihre Villen und sogar an die 5.000 amerikanische Pensionisten, die hier billiger leben wollen als zu Hause, haben sich hier meist in Gated Communities niedergelassen. Durch Boquete, wo einst nur die Doraz-Indigenen lebten, zogen schon die spanischen Konquistadoren und später, 1849, die Glückssucher, die am kalifornischen Goldrausch teilnehmen wollten. Heute ist Boquete auch bei sportlichen Touristen beliebt. Es gibt Kletterschulen und Wildwasser-Rafting und man kann den höchsten Berg Panamas besteigen, den fast 3.500 Meter hohen Volcán Barú. Der ist Teil der kontinentalen Wasserscheide, die sich durch die Provinz Chiriquí zieht. Vom Gipfel des Barú sieht man an klaren Tagen sowohl den Pazifik als auch das karibische Meer.

Am Ende unserer Reise zieht es uns ans Meer, an einen verwunschenen Ort namens Bocas del Mar an der Mangrovenküste Panamas. Hier kann man Delfine und Wale beobachten, an Trauminselstränden baden und mit kleinen Booten durch das Labyrinth der Mangroven fahren. Es beginnt zu regnen. Es ist ein warmer, tropischer Regen, der vom Himmel prasselt, und ich habe Lust auf eine Banane. Panama war ja mal der Prototyp einer Bananenrepublik. Die United Fruit Company, die heute Chiquita heißt, betrieb hier riesige Plantagen und regierte das Land. Panamesische Bananen schmecken wirklich gut, irgendwie zarter, fruchtiger. Draußen auf dem Meer springt ein Wal mit seinem Jungen hoch übers Wasser. Janoschs putziger Bär und sein kleiner Tiger würden jetzt wohl sagen: „Oh, wie schön ist Panama!“

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