Pilgern auf Italienisch

Pilgermassen sucht man auf der Via Francigena vergeblich. Stattdessen findet man herzerwärmende Gastfreundschaft, lebendig gehaltene Traditionen und ein Stück weit sich selbst

REISE | DORIS NEUBAUER | COMPLETE MAGAZIN 1/18

Foto: Laura Noppe

„Der Schmerz in den Füßen und Beinen, die Freude der Begegnungen und die Tragödie beim Abschiednehmen: Keiner kann die Emotionen eines Pilgers zum Ausdruck bringen.“ So poetisch versucht die Mittdreißigerin Samantha ihre Faszination in Worte zu fassen. „Wir pilgern aus keinem geringeren Grund als dafür, uns selbst am Ende der Route wiederzufinden.“ Wie oft sich die burschikose Italienerin wiedergefunden hat, darüber hat sie den Überblick verloren. Seitdem Samantha vor fünf Jahren zum ersten Mal von ihrer Heimat, der toskanischen Stadt Lucca, Richtung Rom aufgebrochen ist, ist sie süchtig nach dem Pilgern. Ob und wie ansteckend ihre Sucht ist, wird sich in den nächsten Wochen weisen: Schon morgen mache auch ich mich auf den Weg, um mich auf der alten Via Francigena, zwischen Lucca und Rom, zu verlieren und wiederzufinden.

Spuren hat die Via Francigena aka Frankenstraße nicht nur bei Samantha hinterlassen. Bereits im Jahr 334 haben sich erste Pilger aus Franken zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus nach Rom aufgemacht. Die 1.600 km lange heutige Strecke entspricht der Route, auf der 994 Erzbischof Sigerich der Erste von Canterbury über Frankreich durchs Aosta-Tal und Siena in die Ewige Stadt marschiert ist. Ihm gefolgt sind Pilger, Kaufleute, Kreuzzügler genauso wie Staatsmänner oder Schriftsteller. Der Frankenweg entwickelte sich über die Jahrhunderte zur religiösen, politischen und ökonomischen Hauptschlagader Europas. Im Lauf der Geschichte aber geriet er in Vergessenheit. Erst durch den Boom des Jakobswegs in den 1990er Jahren wurde die Via Francigena wiederentdeckt und gilt heute als „Europäische Kulturstraße“ sowie „Major Cultural Route of the Council of Europe“. Seither erfreut sich die Route, die bei einer Tagesetappe von etwa 20 km in 80 Tagen zu meistern ist, wachsender Beliebtheit. Besonders in Italien, wo sie mit San Gimignano und Siena durch zwei UNESCO-Kulturerbe-Stätten führt. 20.000 Pilger wurden 2013 auf dieser mit historischen, landschaftlichen sowie kulinarischen Leckerbissen gespickten Strecke verzeichnet. Seither steigt die Anzahl jährlich um fünfzehn bis zwanzig Prozent. „Santiagische“ Dimensionen hat die Via Francigena jedoch trotz Revitalisierung und Investitionen in die Infrastruktur nicht erreicht. Zum Glück!

„Jeder kennt Florenz und Siena, von Lucca hat aber kaum jemand gehört.“ Unser Stadtführer hält seine Frustration nicht zurück. „Dabei war die Stadt früher so wichtig.“ Tatsächlich zählte sie im 13. und 14. Jahrhundert zu den einflussreichsten europäischen Städten. Ihre Berühmtheit hatte der Geburtsort des Komponisten Giacomo Puccini der farbenprächtigen Seide sowie der Landwirtschaft der Umgebung zu verdanken. Auch für Pilger führte an Lucca anno dazumal kein Weg vorbei: Die Route der Via Francigena verlief durch die Straßen der Stadt, und die Gläubigen machten – wie damals üblich – an jeder Kirche halt. Bei 50 städtischen Gotteshäusern konnte das dauern. Wie die weitläufigen Piazza, romanischen Bauten und Türme strahlen sie auch heute noch den Ruhm vergangener Zeiten aus. Daran erinnert auch die dicke Steinmauer um den mittelalterlichen Stadtkern. Sie wurde 1645 fertiggestellt und ist beeindruckend gut erhalten. Ursprünglich als Verteidigungswall geplant, hat sie jetzt eine nicht minder wichtige Funktion: Die von Bäumen gesäumte Promenade ist zur Lauf- und Flanier-Heimstrecke für die Einwohner Luccas geworden. Wie passend, dass die italienische Etappe der Via Francigena ausgerechnet hier ihren Anfang nimmt. Zumindest für jene Pilger, die die beschwerliche Strecke über die Apuanischen Alpen in der Toskana umgehen möchten. Ich gehöre zu ihnen.

Schritt für Schritt

„Armer und bescheidener Wanderer, vielleicht wirst du für würdig befunden, die Belohnung des ewigen Lebens zu erhalten.“ Mit diesen Worten übergibt mir der Priester in der Kapelle San Frediano feierlich den Pilgerstab, den ich wie geheißen an meinen Nachbarn weiterreiche. Dieser Segen darf genauso wenig beim Start einer Pilgerreise fehlen wie ein handfesteres Utensil: der Pilgerpass, für den ich mir – ohne etwas geleistet zu haben – den ersten Stempel für Lucca abholen darf. Wenn das so weitergeht …

… tut es natürlich nicht! Kaum aus der Kirche draußen, stellt sich das erste Hindernis zwischen Rom und mich. Genauer gesagt ein ganzer Haufen Hindernisse: In den engen Gassen Luccas wuselt es nur so vor bummelnden und fotografierenden Touristen-Gruppen. Von wegen, von Lucca hätte niemand gehört! Das Bild wird mir in der Toskana noch öfter vor Augen treten: Ob im pittoresken San Gimignano oder im nicht weniger anschaulichen Siena, ob im Bergdorf Monteriggione oder in den Thermalbädern von Bagno Vignoni – Einsamkeit und Stille fürs Bei-sich-Sein sucht man hier vergeblich. Die findet man anderswo. Auf den Kiespfaden rund um San Gimignano, wo die wertvollen Safranblüten im Oktober die Hügel violett einfärben; auf den von Olivenhainen und lila Malvenblüten umrahmten Feldwegen der südlichen Toskana, aber auch auf den leergefegten Straßen von Dörfern wie Abbadia Isola oder Radicofani, wo bloß die dicht behängten Wäscheleinen über den Gassen an ihre Bewohner erinnern. Einzig Radfahrer und Traktoren überholen mich auf diesen Etappen der Via Francigena von Zeit zu Zeit, und manchmal winken mir Weinbauern zu. Begegnungen mit anderen Pilgern kann ich an einer Hand abzählen.

„2016 waren es schon 30 Prozent mehr als im Jahr davor“, meint Marcello Pagnini und wackelt zum Beweis mit einem wuchtigen Gästebuch herum. „Im letzten Jahr sind 1.400 Leute vorbeigekommen.“ Der ehemalige Friseur weiß das genau, schließlich kennt er alle persönlich: Als 2009 die Via Francigena zwischen Monteriggioni und Siena eröffnet wurde, klopfte der erste durstige Pilger an die Haustür des Neo-Rentners. Zuerst hat Marcello bloß Wasser vor die Tür gestellt, später die Pilger bei sich auf die Toilette gehen und duschen lassen. Mittlerweile tischt Marcello in seinem „Punto Sosta“ nicht nur kostenlos Kaffee, Wasser und Häppchen auf. Pilger können sich im Außenbad frisch machen oder sich nebenan auf von ihm geschnitzten Bänken ausruhen. Dass Marcello all das aus eigener Tasche bezahlt, verschweigt der bescheidene Italiener. Seit zwei Jahren sponsern die Region und die EU immerhin das Wasser. Mit seiner Hilfsbereitschaft tritt der Mittsechziger in jahrhundertealte Fußstapfen, haben doch Pilger seit jeher von Almosen profitiert. In Siena etwa können sie drei Nächte lang gratis bei Familien unterkommen, und im nahe gelegenen San Quirico d’Orcia wurde sogar ein Garten für die Wanderer angelegt. Dort können sie ihre müden Glieder von sich strecken. Wie gelegen das nach der vorausgehenden Etappe von Radicofani aus kommt, merke auch ich, als ich mich mit einem wehmütigen Seufzer im „Horti Leonini“ ins Gras plumpsen lasse. Die 33 Kilometer und 800 Höhenmeter haben es in sich.

Aufgeblüht

„Pilgerfreundlichkeit“ ist nur eine der vielen Traditionen, die auf der Via Francigena lebendig gehalten werden. Gerade als ich der unzähligen Gotteshäuser in Italien überdrüssig werde und glaube, dass sich die Geschichten wiederholen, wartet ausgerechnet hinter einer Kirchentüre eine Überraschung: Im Inneren der Basilika Sal Spolcro in der Region Latium lehnen übermannshohe Kunstwerke an den Wänden. Sie zeigen Reiter in einer Vollmondnacht, Augen, verhüllte Gesichter. Das Besondere daran sind weniger die Motive als die Tatsache, dass es sich um Mosaike aus Blütenblättern, Zweigen und Schalen handelt. „Drei Wochen lang habe ich Zwiebeln geschält, damit das Frauengesicht weiß wird“, erzählt mir Elena Ronca später, als wir vom Turm des „Rocca dei Papi“ in Montefiascone auf den Bolsenasee blicken. „Drei Wochen lang habe ich geweint. Ich habe die Frau gehasst!“ Eineinhalb Monate lang werkte die dreißigjährige Wanderführerin mit ihren Nachbarinnen am Blumenbild. Seit 15 Jahren nimmt Elena diese „Tortur“ auf sich. Freiwillig. Sie liegt ihr im Blut, ist doch das sogenannte „Pugnaloni“ eine Tradition in ihrer Heimat Acquapendente. Sie geht auf die Zeit der Unterdrückung durch Friedrich Barbarossa zurück. Angeblich blühte damals über Nacht der Kirschbaum vor der Kirche. Die Menschen deuteten es als Zeichen der Madonna, sich gegen Barbarossa zu wehren. Seither wird aus Dankbarkeit für die Befreiung am dritten Mai-Sonntag das Fest der Madonna del Fiore gefeiert. Nach einer Prozession werden die Blumenbilder in Santo Sepolcro ausgestellt, bevor sie im nächsten April zerstört und durch neue ersetzt werden.

Dieses Schicksal blüht auch dem weißen Frauengesicht, das Elena im Frühjahr so viele Tränen gekostet hat. Es ist der Gedanke an diese Vergänglichkeit, der mich ausgerechnet in dem Moment überkommt, als ich einige Tage später auf dem Monte Mario stehe und Rom zu meinen Füßen liegt. Auch meine Pilgerreise neigt sich dem Ende zu, dabei hat sie doch gerade erst begonnen. Ich muss an die Worte von Samantha aus Lucca denken: „Endlich liegt vor dir das, was du für dein Ziel gehalten hast, doch du erkennst, dass es bloß der Anfang ist. Du hast das Ziel erreicht, aber die Reise geht weiter.“

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