Schön, schöner, Schweden

Unterwegs durch Schwedens unbekannte Mitte kann man die vielfältige Natur des ganzen Landes auf kleinem Raum erleben

REISE | KARIN WASNER | COMPLETE MAGAZIN 2/19

Foto: Karin Wasner

„Es ist so, dass sich Meer und Land auf viele verschiedene Arten begegnen können.“ Mit diesen Worten beschreibt Selma Lagerlöf die Küste, die in Schweden immer neu und überraschend anders hinter der nächsten Straßenbiegung auftaucht. Mal würden Wasser und Land sanft hinter Wehen aus Sand aufeinandertreffen, mal würde die See wütend gegen feindlich aufgetürmte Klippen toben. Oder Erde und Wellen kommen sich über Fjorde und Buchten in Eintracht entgegen. Die erste weibliche Literatur-Nobelpreisträgerin hat
vor über hundert Jahren eine Liebeserklärung an ihr Land verfasst. Abenteuer um Abenteuer erlebt Lagerlöfs Nils Holgersson, der bunteste Reiseführer schafft es nicht, die Eigen- und Schönheit Schwedens besser wiederzugeben. Der Däumling kommt – wie wir Reisenden – aus dem Staunen nicht heraus, während er auf dem Rücken der Wildgänse übers Land fliegt. Bodenständiger und der Natur näher bereist man Schweden mit dem Wohnmobil. Die Schweden sind stolz auf das hier immer noch geltende „Allemansrätten“, das Jedermannsrecht. Es gilt: Nicht stören und nichts zerstören. Die Natur bedeutet den Schweden viel, alle sollen und dürfen sich in ihr aufhalten.

Am Storsand bei Nordingrå bin ich trotzdem die Einzige. Wasser und Land begegnen sich hier freundlich auf einem kilometerlangem, rotgoldenen Sandstreifen. Auf dem Bottnischen Meerbusen vor mir verziehen sich die letzten Nebelschwaden und geben den Blick auf die vorgelagerten Inseln der Höga-Küsten frei. Die „Hohe Küste“ mit ihren Schären, felsigen Anhöhen und Schluchten ist seit dem Jahr 2000 UNESCO-Weltnaturerbe. Irgendwann taucht am anderen Ende des Strandes die Silhouette eines Mannes auf. Gummistiefel, eine Angel über den Schultern. Alles an ihm ist so nordisch, dass ich beinahe laut lachen muss, als er sich vorstellt. „Thorbjörn. Thor wie der Donnergott und Björn wie der Bär.“ Thorbjörns Vater und Großvater waren Holzfäller. „Ich sehe nur so aus.“ Aufgewachsen ist er in einem Fünf-Hütten-Dorf im heutigen Nationalpark Skuleskogen. Als kleiner Bub kletterte er über die Berge zur Schlucht Slåttdalsskrevan. „Heute wimmelt es dort von Wanderern. In meiner Kindheit war da keine Menschenseele.“ Wenn er seiner Frau auf die Nerven geht, schickt sie ihn an die Küste zum Öringfischen. Später beim Wohnwagen zeigt mir Thorbjörn, wie ich aus Baumstümpfen Zunderspäne zum Feuermachen schneiden kann. Als das schließlich brennt, folgt eine Einführung zum Thema Doppelaxt: „6,1 m ist der ideale Abstand für die Wurfaxt.“ Seine Frau muss an diesem Abend noch länger als sonst auf das frisch gefischte Abendessen warten.

Vom Fischen lebt Karl-Eriks Åströms schon sein ganzes Leben. „Ich wurde auf einem Boot geboren!“ Sechs Schuljahre waren ihm genug, seitdem fährt er beinahe täglich raus aufs Meer. Das kleine Dorf Kuggören, in dem er schon immer lebt, ist nur per Boot oder zu Fuß erreichbar. „Als Fischer bin ich hier vom Aussterben bedroht.“ Die meisten seiner Kollegen wurden inzwischen von Sommergästen abgelöst. Über den schmalen Pfad, der das Inseldorf mit der Halbinsel Hornslandet verbindet, manövrieren sie mit Scheibtruhen ihre Vorräte zu den schmucken Holzhäuschen. Und wenn der Sommer geht, gehen sie auch. Karl-Eriks Åström aber bleibt. Am höchsten Punkt der winzigen Insel steht noch heute windumtost die kleine Fischer-Kapelle aus dem Jahr 1778, in der schon sein Vater für volle Netze betete.

In Schwedens Mitte schlägt das Herz des skandinavischen Landes. Die Provinzen Dalarna Gävleborg und Västernorrland gehören zu den landschaftlich reizvollsten Regionen Schwedens. Etwa 11,6 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer, das ist ziemlich viel Landschaft für jeden. Rot getünchte Holzhäuschen stehen an einsamen Ufern, dahinter dichter Wald, davor schaukelt ein Kahn am Steg. Über 10.000 Seen glitzern hier in der Sommersonne, eingerahmt von Kiefern- und Birkenhainen. Oft ist außer dem Hämmern eines Spechts und dem Quaken der Frösche nichts zu hören. Ein weitverzweigtes Netz an Wasserwegen, natürlichen Kanälen und Flussläufen durchzieht die Region. Als um 1400 der Kohle- und Erzbergbau begann, waren sie wichtige Transportwege, um Baumstämme aus den Wäldern zu den hungrigen Hochöfen der Eisenhütten zu flößen. Bergbau und Eisenherstellung haben in dieser Region eine lange Geschichte. 1750 wurden 35 Prozent der Weltproduktion an Eisen in Schweden produziert, es war das wichtigste Exportprodukt und wurde in mehreren hundert Hüttenwerken verarbeitet.

Gränsfors Bruk war eines davon. Heute ist Gränsfors Bruk eine der bekanntesten Axtschmieden der Welt. Auch Thorbjörns Wurfaxt wurde hier geschmiedet. Die handgefertigten Äxte aus dem kleinen Dorf Gnarp kennt man auf der ganzen Welt, 80 Prozent der Produktion kommen nicht in Schweden zum Einsatz.

„Schmieden ist ein magisches Handwerk.“ Frederik Thelin steht am Amboss, Gesicht und Hände schwarz vor Ruß. „Ich beherrsche die Elemente – Feuer, Wasser, Erz.“ In „Nils Holgersson“ berichtet ein Rabe dem Däumling voll Ehrfurcht von den Meisterschmieden aus Svealand: „Nie hatte jemand gesehen, dass jemand den Hammer meisterlicher gebrauchte.“ Frederik möchte sein Wissen um eines der ältesten Handwerke weitergeben. Er gibt Kurse im Messer- und Äxteschmieden und das interessiert nicht nur Männer. Kaum ein Kurs, an dem nicht auch Frauen am Feuer stehen. „Warum auch nicht? Therese Johansson war mal schwedische Meisterin!“ Frederik liebt, was er tut. „Ich schaffe Dinge, die noch da sein werden, wenn ich lange fort bin.“ Wenn er über dem glühenden Stahl steht und seinen Hammer mit viel Kraft und noch mehr Gefühl niedersausen lässt, sieht er vor sich, wie in vielen Jahren jemand mit dieser Axt einen Baum fällt.

Und Bäume werden in Schweden viele gefällt. Der schönste Anlass dafür ist die Sommersonnenwende. Die „Weißen Nächte“, in denen die Sonne nur für kurze Zeit hinter dem Horizont verschwindet, sind ein Erbe der Wikinger. Sie feierten ein feuchtfröhliches Fruchtbarkeitsfest, zelebrierten Orgien und Opferrituale und tanzten um ein großes Phallussymbol aus Holz. Heute tanzt man um die entschärfte Version: die mit Blättern und Blumen geschmückte „Midsommarstång“. Ausgelassen ist das Fest noch immer. Unzählige „Nubbe“, kleine Gläser mit Kräuterschnaps, werden auf ex getrunken. Und jedes einzelne wird mit einem traditionellen Lied verabschiedet, das alle lauthals mitsingen. Wer es ruhiger mag, nutzt die Zeit für seltene Naturbeobachtungen. In den „magischen Nächten“ ist auch das Wild besonders aktiv. Dann hat man die beste Chance, den König der Tiere des Nordens, den Elch, zu treffen. Noch mystischer als die Begegnung mit Elch oder Bär: Elfen und Trolle sollen der Sage nach durch die Wälder tanzen. Sogar dem mittsommernächtlichen Tau werden heilende Kräfte nachgesagt. Bloß sind am Morgen nach Mittsommer die wenigsten in Stimmung oder Verfassung, um Tau zu sammeln.

Am Örsjön, einem weit verzweigten Waldsee, umgeben von üppigem Grün, warte ich jedenfalls vergebens auf einen Troll. Stattdessen schlägt Harry, ein 57-jähriger Holländer, sein Zelt auf. Von Amsterdam ist er mit dem Fahrrad unterwegs zum Nordkap. Abends sitzen wir am Feuer und sehen den Wildgänsen nach, die laut schnatternd und in typischer Formation über unseren Köpfen Richtung Norden fliegen. Ich denke wieder an Nils Holgersson. Harry denkt an sein Ziel, als er leise seufzt: „Die sind ziemlich sicher vor mir da.“

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