Schokolade

Süße Verführung

STIL & DESIGN | ERICH KLEIN, ORTRUN VEICHTLBAUER | COMPLETE LUXUS 1/15

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Die sagenumwobenen Mayas waren die Ersten, die aus gerösteten Samen des Kakaobaumes Schokolade herstellten. Als Grabbeigaben sind Krüge für flüssige Schokolade erhalten. Deren aztekische Nachfolger hielten „Cachuatl“, das „Kakaowasser“, für eine Gabe des Gottes Quetzalcóatl; fleißige Ameisen hatten ihnen die Samenkerne des Kakaobaums gebracht. Der Tudela-Kodex aus dem 16. Jahrhundert zeigt eine hochrangige Aztekin, die Schokolade umgießt, um Schaum zu erzeugen. Ganz modern stellten die Azteken aus Kakao auch schon Heilsalben her und nutzten ihn für Kosmetik.

Der Kakaobaum, „Theobroma cacao“, ist verwandt mit Hibiskus und Cola-Nuss und kann bis zu einhundert Jahre alt werden. Er gedeiht in schwül-heißem Klima in Äquatornähe und nur im Schatten anderer Bäume, der sogenannten „Kakaomütter“. Die Kakaofrucht ist eigentlich eine Beere, zehn Zentimeter dick und bis zu 25 Zentimeter lang. Weißes Fruchtfleisch umhüllt zirka fünfzig eiförmige Samen. Alexander von Humboldt bezeichnete die nährstoffreiche Kakaobohne als „Kraftprotz der Natur“. Die wichtigsten Anbaugebiete befinden sich in Westafrika, Brasilien, Ecuador, Kolumbien und Mexiko. Die wichtigsten Kakaosorten heißen Criollo, Forastero und Trinitario.

Nach Europa kam die Schokolade mit Kolumbus, der das Gastgeschenk einer Delegation nordamerikanischer Indigener anfänglich für Mandeln hielt, zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Wurde die bittere und schwer verdauliche Schokolade von ihren aztekischen „Erfindern“ bei heiligen Zeremonien getrunken, erkannten die spanischen Eroberer bald den Nährwert des Kakaos. Ein Reisegefährte von Cortez notierte: „Wenn man ihn getrunken hat, kann man einen ganzen Tag reisen, ohne müde oder hungrig zu werden.“ Flüssige Schokolade wurde in Spanien sogleich zu einem Modegetränk, das sich adelige Damen bis in die Kirche nachtragen ließen, um derart gestärkt während langer Gottesdienste nicht in Ohnmacht zu fallen. Ein Kardinal dekretierte, Schokolade störe keinerlei Fastengebote, der Gelehrte Marco Antonio Orellana dichtete: „Oh göttliche Schokolade! / Sie mahlen dich kniend, / Schlagen dich mit betenden Händen. / Und trinken dich mit zum Himmel gewandten Augen.“

Für die Verbreitung von Kakao nach Italien war angeblich der spanische Jesuitenorden verantwortlich. Kakao wurde mit Zucker versüßt, im 17. Jahrhundert öffnet die erste ciocolattiere – das „Caffè Rivoire“ in Florenz, das bis heute an jene Zeit erinnert. Allerdings gab es auch Kritik am Schokoboom. Der Dichter Francesco Arisi mokierte sich über den übermäßigen Gebrauch in der Küche. So habe ein Koch anstatt Käse Kakao verwendet: „Zu Gast bei einem Mahl kostete ich es als Sauce, / doch ich sage euch aufrichtig, / Es regt den Appetit nicht an.“

Wie allen Kulturleistungen ist auch der Verbreitung des Genussmittels die Barbarei eingeschrieben. Das trifft auf die Beschäftigung von Sklaven auf südamerikanischen Plantagen zu, nach Frankreich wurde die Schokolade von aus Spanien vertriebenen Juden gebracht. Ein gewisser David Ciallou war der erste Schokoladenhersteller und erhielt 1659 ein Privileg des Königs. Und wie könnte es anders sein – in Versailles glaubte man an die erotisierende Wirkung von Kakao! Am Hofe von Ludwig XIV. war bekannt: „Der König und die Schokolade sind die zwei einzigen Leidenschaften seiner Gemahlin Maria Theresia.“ Im Gegensatz dazu erkannte die Marquise des Sevigne deren beruhigenden Aspekt und schrieb an ihre Tochter: „Wenn Sie sich nicht wohlfühlen, wenn Sie schlecht geschlafen haben, die Schokolade wird Sie wieder auf die Beine bringen.“ Auf Francois Bouchers „Le Dejeuner“ (1739) ist die typisch französische Chocolatière zu sehen; eine eigens für den Schokoladegenuss konzipierte Tasse, die das Verschütten des Luxusgetränks verhindern sollte, wurde „trembleuse“ genannt. Allerdings galt die im Bett genossene Morgenschokolade auch als provokantes Ritual einer untätigen Klasse, die auf Kosten des Volkes lebte. Die Klage des Kammermädchens Despina in Mozarts „Così fan tutte“ handelt von derartigen Klassenunterschieden: „Eine Stunde schon wart’ ich mit dem fertigen Frühstück und genieße von ihrer Schokolade nur die Düfte. Schmeckt sie mir nicht so gut wie meiner Herrschaft? Bei Bacchus, ich will sie kosten: wie vortrefflich!“

Englisches Schokoladenfieber ist ab dem 17. Jahrhundert bekannt. Berühmt waren Klubs wie „Coffee Mill and tobacco roll“, im „White’s“ in der St. James Street entstand mit „Cocoa Tree“ der erste Fanclub von Schokoladetrinkern. Ohne jegliches Tabu wurde dort Milch in das „braune Gold“ gemixt, aber auch Eier, Brandy und Wein.

Das deutsche bürgerliche Hohelied auf den Kakao sang der Dichter Johann Wolfgang von Goethe höchstpersönlich: Während seiner wissenschaftlichen Arbeit an der „Farbenlehre“ stellte er fest: „an den Blasen des Chocoladeschaums sind die Farben fast bequemer zu beobachten als an den Seifenblasen“. Der alte Goethe dichtete an seine späte Liebe Ulrike von Levetzow: „Gewogen scheinst du mir zu sein, / Du lächelst der kleinen Gabe; / Und wenn ich deine Gunst nur habe, / so ist kein Täfelchen zu klein.“ Mit dem Gründer der Schokoladenfima Riquet unterhielt sich Goethe brieflich über den guten Einfluss von Schokolade auf die Gesundheit.

Der Siegeszug der „festen“ Schokolade setzte mit einer Erfindung des Niederländers Coenraad J. van Houten aus dem Jahre 1828 ein. Seine Presse ermöglichte die Herstellung von leicht löslichem Kakaopulver – das jahrhundertealte, dickflüssige und schaumige Getränk wurde vom leichter zuzubereitenden und auch leichter verdaulichen Kakao entthront. Mit dem Ende der Adelsklasse im 19. Jahrhundert war auch die Ära eines Modegetränks zu Ende. Nunmehr ging es Schlag auf Schlag: Mag die 1832 erfundene Sachertorte noch als Nachklang des Ancien Régimes gelten, stellte Fry & Sons 1847 die erste Schokoladentafel her; 1874 wurde die Milchschokolade, 1879 der Schokoriegel erfunden. Milka, so wie wir sie heute kennen, gibt es seit 1901.

Vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammt alles, was in der Welt der Schokolade noch immer Bekanntheit genießt: die nach ihrem Gründer Milton Hershey benannte größte Schokoladenmarke Amerikas; Toblerone und der Marsriegel, „Baci“ aus Perugia, die Brüsseler Pralinès. Werbungen machten mit Slogans wie „Cadbury’s cocao macht starke Männer stärker“ vor allem auch deutlich, dass Schokolade ein festes Nahrungsmittel für die breite Masse geworden war. Heute, in den Zeiten von Fairtrade, erfolgt die Rückkehr zum Ursprung. Mit „Maya Gold“ schließt sich der Kreis, auch wenn Schokoladen mit hohem Kakaoanteil bisweilen sehr bitter sind.

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