Smart Singapur

Der flächenmäßig kleinste Staat Südostasiens trumpft mit Superlativen auf – und zeigt, wie ein Staat durch digitale Innovationen zur „Smart Nation“ wird

JASMIN KREULITSCH
REISE, COMPLETE MAGAZIN 3/21

Fotos: FABIO H./ALBERT F. VONTZ/BJORN STRAUSMANN/UNSPLASH

Zwei Minuten. So lang dauert es, bis ein perfekt gemixter Cocktail im Ratio Café & Lounge in Singapur zubereitet wird. Der Clou ist nicht die Dauer, sondern die Technik – im wahrsten Sinne des Wortes. Statt Menschen arbeiten hier Roboter-Bartender und -Baristas. Für ­einen Cocktail nimmt ein dreiarmiger Roboter ein Glas und gefriert es mit komprimiertem Kohlendioxid, sammelt das Eis und die Zutaten, schüttelt oder rührt sie und gießt die Mischung ins Glas. Erst 2020 eröffnet, gilt das ­futuristische Lokal als Revolution der Gastro-Szene: 50 verschiedene Kaffee- und Cocktailkreationen werden von den ­Robotern zubereitet.

Der perfekte Staat

Wenige Kilometer entfernt ist die Stimmung eine völlig andere. Es ist schummrig in der „Long Bar“ des Raffles Hotels. Betritt man das älteste Hotel Singapurs, hat man das Gefühl, durch ein Zeitfenster in die Kolonialzeit gepurzelt zu sein. Kein Wunder, immerhin gibt es das nach dem Gründer Singapurs, Sir Thomas Stamford Raffles, benannte Haus seit 1887. Doch nicht seinetwegen kommen Touristen in Strömen. Vor mehr als 100 Jahren kreierte der Barmann Ngiam Tong Booner hier den Singapore Sling. Wer den Kultcocktail im Raffles Hotels trinkt, erlebt ein weiteres Phänomen. Als Draufgabe gibt es Erdnüsse, deren Schalen man auf den Boden wirft, deshalb knirscht es bei jedem Schritt unter den Schuhen. Einheimische scherzen gern, dass dies der einzige Ort im sonst so keimfreien Singapur ist, wo man Dreck machen darf, ohne Strafe zu ­zahlen.

Keine Frage: Singapur ist sauber. Wenn man liest, dass man keinen Kaugummi ins Land einführen darf, mag das übertrieben wirken, ist aber die Basis Singapurs: Seit der Inselstaat vor 200 Jahren gegründet wurde, hatte die Regierung nur ein Ziel: den perfekten Staat zu schaffen. Das Stadtbild ist futuristisch, neu, modern – und hoch: Singapur ist als Insel räumlich begrenzt, deshalb baut man nach oben statt in die Weite. Auf eine Fläche von 728,3 km2 kommen 5,7 Millionen Einwohner. Zum Vergleich: In Hamburg sind es bei der gleichen Fläche nur 1,8 Millionen. Dass die Stadt sprichwörtlich über sich hinauswächst, hat seinen Grund. Singapur konnte zwar durch Landgewinnungsmaßnahmen seine ursprüngliche Fläche um 23 % vergrößern, das ändert aber nichts daran, dass die auf Platz drei der am dichtesten besiedelten Länder rangierende Inselmetropole Raum braucht.

Digitale Finessen

Spaziert man durch Singapurs Bezirk Marina Bay, ahnt man nicht, dass hier vor wenigen Jahren nur Meer war. In einem milliardenschweren Bauprojekt wurden Berge an Sand aufgeschüttet und wurde Land gewonnen für einen neuen Bezirk und das spektakuläre Marina Bay Sands, das aus einem Hotel mit 2.500 Zimmern, einem Casino, einem Einkaufszentrum, einem Kunst- und Wissenschaftsmuseum, zwei Theatersälen und Restaurants, Bars und Nachtclubs besteht. Mehr für Geschäftsreisende als für Touristen inte­ressant ist das Konferenzzentrum, das erst kürzlich mit digitalen Finessen ausgestattet wurde: Für MICE-Veranstaltungen gibt es ein hybrides Event-Sendestudio mit Live-Strea­mings, Hologramm-Funktionalitäten und einer dreidimensionalen Bühne.

Die Architektur des Marina Bay Sands wirkt utopisch: Der Prachtbau steht auf drei tragenden Säulen, auf 200 Metern Höhe ist als Dachkonstruktion ein angedeutetes Surfbrett. Hier oben, im 57. Stock, befindet sich mit 146 Metern Länge der längste Infinity-Pool der Welt und man hat einen umwerfenden Blick auf die Skyline Singapurs und die Gardens by the Bay, eine weitere Innovation: Die Gartenlandschaft ist Teil einer Strategie der Regierung, die Stadt in eine „Stadt im Garten“ zu verwandeln und die Lebensqualität der Einwohner zu verbessern. Auf 101 Hektar erstreckt sich ein Naherholungsgebiet mit viel Natur und einer ausgefeilten Technik. Der Flower Dome ist das größte Glasgewächshaus der Welt und beherbergt 32.000 Pflanzen. Die sogenannten Supertrees stellen den Mittelpunkt der Gardens by the Bay. Bei den 18 bis zu 50 Meter hohen Stahl-Beton-Kolossen, die optisch an Mammutbäume erinnern sollen, kamen nachhaltige Lösungen zum Einsatz. So sind die „Bäume“ mit Zisternen ausgestattet, die als Regenwasserspeicher dienen, und in den „Baumkronen“ wurden Sonnenkollektoren verbaut.

Smart, aber herzlich

Singapur ist seit jeher als Smart City bekannt, in der ständig digitale Ideen umgesetzt werden. Schon bei der Ankunft am Changi Airport staunt man über die smarten Lösungen. Neben Fast-Check-in-Automaten und Gepäckabgabeautomaten gibt es Näherungssensoren, sodass Bildschirme beim Check-in oder bei der Abgabe von Passagiergepäck nicht mehr berührt werden müssen. Unterwegs trifft man Roboter. Diese autonomen Reinigungsgeräte werden verwendet, um Böden und Teppiche täglich zu reinigen. In der Testphase sind Ultraviolett-LEDs zur Desinfektion von Rolltreppen und Fahrtreppen und eine Infrarot-Technologie für Personenaufzüge im Einsatz, bei der die Fahrgäste den Aufzugknopf ohne Berührung aktivieren können.

Erst Ende 2020 lancierte das Singapore Tourism Board die Kampagne „SingapoReimagine“. Einen Schwerpunkt stellen Technologien – von der Einführung kontaktloser Technologie und Reinigungsrobotern bis hin zu selbstfahrenden Bussen und virtuellen Erlebnissen. Auch neue Stadtviertel werden smart geplant: Der Jurong Lake District wird anhand der Säulen Nachhaltigkeit, Innovation, Natur und Wissenschaft gebaut. Dies ist nicht zuletzt auf Singapurs Wirtschaftskraft zurückzuführen. Der Stadtstaat verfügt über eine spannende Start-up-Szene und Milliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung. Internetgrößen wie Apple, Google, Facebook, Microsoft, Netflix, PayPal, eBay, Yahoo, Twitter und LinkedIn haben ihren asiatischen Hauptsitz nicht grundlos in Singapur.

Traditionen und Trends

Es sind vor allem die Kontraste, die 
in Singapur faszinieren. Mutet der Financial District fast schon futuristisch an, taucht man bei einem Spaziergang durch Chinatown ins authentische Leben ein. Wo früher Arbeiter auf engstem Raum lebten und öffentlich Opium geraucht wurde, sind heute Souvenirstände mit winkenden Katzen und Hello-Kitty-Ramsch. Darüber befindet sich eine bunte Häuserreihe, sogenannte Shop Houses. Diese wurden in der Kolonialzeit von den Briten errichtet und hatten aus praktischen Gründen im Erdgeschoß ein Geschäft und in den oberen Stockwerken Wohnungen.

Abends zieht ein köstlicher Duft durch Singapurs Viertel, egal ob in ­Chinatown, in Little India oder im muslimischen Kampong Glam. Mit der Dämmerung öffnen die Garküchen der Hawker Centres, wo das Essen günstig und köstlich ist. Zum Beispiel auf dem Lau-Pa-Sat-Market: Hier verwandelt sich eine Straße in eine Garküche, über der Qualm von den Feuerstellen aufsteigt. In einem Hawker Center sucht man sich erst einen Platz und lässt etwas zurück, zum Beispiel ein Taschentuch. Das heißt „chope“, quasi „Revier markieren“. Essen bestellt man an den Ständen. Eine sichere Wahl ist Laksa, das Nationalgericht Singapurs. Die Suppe auf Basis von Kokosmilch und Chili mit Nudeln, Gemüse, Fisch und Krabben stammt aus der Kultur der Peranakan, einer ethnischen Gruppe, die aus der Verbindung von malaiischen Frauen und chinesischen Männern entstand. Man sagt, es sei die beste Suppe Südostasiens. Singapur hat die Superlative eben echt drauf.


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